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BuchFavorit Sylvain Prudhomme: "Legenden"

Sylvain Prudhomme hat bereits in Kamerun, Niger und Burundi gelebt. Inzwischen ist er in seine Heimat Frankreich zurückgekehrt – in den Süden, wo auch sein neuer Roman spielt. Im Zentrum der Handlung stehen vier Männer, deren Familien von rauer Landschaft geprägt sind: Ihre Vorfahren waren dort seit Menschengedenken Schäfer.

Von: Heinz Gorr

Stand: 26.03.2019

Neben den vier männlichen Hauptfiguren des Romans gibt es eine Darstellerin, die es dem Autor angetan hat: Im Südosten der Provence liegt sie, die allermeisten Touristen aber dürften sie für gewöhnlich links liegen lassen. Doch wenn Sylvain Prudhomme von der Crau spricht, hört man die Faszination durch für diesen Landstrich, "wo der heulende Wind seit Jahrtausenden alles gesäubert zu haben schien, Bäume ausgerissen, Steine vor sich her gewälzt, bis sie alle gleich waren, glatt und rund…":

"Die Crau ist eine Kieselebene, eine sehr wilde Steppe, ganz nah an der Stadt Arles, in der ich seit mittlerweile fünf oder sechs Jahren wohne. Eine sehr raue, ziemlich heftige Landschaft, deren Elemente etwas Unerbittliches haben, recht mineralisch ist es da, mit starker Sonnenenstrahlung und dann der Wind, der Mistral. Inmitten von alldem ist der Mensch auf etwas Lächerliches reduziert: Winzig steht er den Mächten der Natur gegenüber. Ich wollte, dass die Protagonisten in dieser Szenerie so etwas wie Demut empfinden vor der Unermesslichkeit des Lebens und der Welt."

Sylvain Prudhomme, Autor

Der Fotograf Nel, wie schon sein Vater ausgebrochen aus der Familientradition endloser Schäferdynastien, versucht diesen Flecken Erde mit der Kamera zu bannen.

Männerfreundschaft und Bruderhass

Nels Freund ist der Brite Matt, beide sind ausgeprägte Individualisten: der in der Crau aufgewachsene Nel hat lange gebraucht, bis ihm klar war, was er tun will. Während Matt schon immer selbständig, "nie irgendjemandes Angestellter" sein wollte. Als Matt eine Doku über eine legendäre Diskothek zu drehen beginnt, stößt er auf die Geschichte von Fabien und Christian: Die in gegenseitigem Hass verbundenen Brüder waren die Stars der heimischen Jugend in den 80ern, ihr exzessives, ekstatisches Leben und ihr früher Tod machen sie zu den eigentlichen Helden des Buchs. Ihre Antipoden in der Gegenwart sind die Familienväter Matt und Nel. Man braucht als Leser etwas, bis sich der Sinn dieses Erzählkonstrukts erschließt, doch dann wirkt es plausibel:

"Für mich sind Matt und Nel sehr wichtig, sie ermöglichen mir ein Spiel, in dem sich die emblematischen Figuren der 80er-Jahre spiegeln: Jene Protagonisten verkörpern die Aktion, sie bewegen sich im Augenblick, leben für ihre Sehnsüchte, verausgaben sich."

Sylvain Prudhomme

Das exzessive Leben in den 80ern

Sylvain Prudhomme ist Schriftsteller, Übersetzer und Mitbegründer der Zeitschrift "Geste".

Nel und seine Cousins Fabien und Christian haben reale Vorbilder: Die Brüder mit ihrer unerschöpflichen Lebensgier gab es wirklich. Prudhomme rekonstruiert deren ausufernde Existenzen, die sich einzig "einem Imperativ der Kühnheit" unterworfen sahen, ein Lebensprogramm durchzogen, das aus "radikaler Freiheit, absoluter Kompromissverweigerung" bestand. Dass die beiden – zehntausend Kilometer voneinander getrennt – am gleichen Tag sterben, hat etwas von antiker Tragödie. Den Zeitgeist der 80er einzufangen, getreu der Maxime des Überfliegers Fabien, für immer "elegant und frei zu sein", war dem Autor nicht genug. Ein kluger Kunstgriff, vermeidet er doch damit die Verklärung einer Dekade, die er selbst nur als Kind erlebte, und wo HIV ein neues Zeitalter einläutete.

"Trotzdem wollte ich, dass es ein Roman von heute ist. Die Figuren Matt und Nel – der eine Fotograf, der andere Dokumentarfilmer – stehen für ein mehr kontemplatives Leben, in dem man das Handeln der anderen beschreibt. Das kommt der Arbeit des Romanciers sehr nahe: Die beiden sind tatsächlich so etwas wie ein Double für mich, denn im Buch sind sie in der gleichen Situation wie ich, als ich über die beiden Brüder und deren Leben in den 80er-Jahren recherchierte. Ich wollte, dass jeder seine Art zu leben und die Formen individueller Freiheit hinterfragt: jene der Brüder, aber auch die Freiheit von Matt und Nel."

Sylvain Prudhomme

Wie willst du leben: als schillernder Schmetterling oder langlebiges Schaf?

Sylvain Prudhomme ist mit diesen kontrapunktischen Erzählebenen ein beeindruckender Roman gelungen, seine charismatischen Charaktere erstarren nie in Klischees, weder in ihrem Hedonismus noch in der Agonie. Daher bohren sie sich in unsere Hirne und Herzen, fragen, wo unsere Sympathien liegen: bei den schillernden Schmetterlingen oder eher bei den beständigen Schafen?

"Wir leben heute in einer viel ruhigeren Epoche, sind vorsichtiger, achten auf uns und unsere Gesundheit. Ich sage nicht, dass ich sie bewundere, aber aus heutiger Sicht finde ich diese Dekade interessant: Wann zum Beispiel wagen wir denn noch etwas? Wo bleibt die Kühnheit?"

Sylvain Prudhomme

Sylvain Prudhomme: "Legenden". Aus dem Französischen von Claudia Kalscheuer. Unionsverlag. 2019.


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