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Streitgespräch zweier Generationen Der SUV als Bösewicht in der Klimakrise?

Warum sind SUVs trotz Klimaschutzdebatte so beliebt? Kann man sie ruhigen Gewissens kaufen und fahren? Und wie könnte die Autoindustrie mehr zum Umweltschutz beitragen? Drängende Fragen angesichts der Tatsache, dass mittlerweile jedes dritte in Deutschland verkaufte Auto ein SUV ist.

Von: Tanja Zieger

Stand: 03.09.2019

Schermer / Dudenhöffer | Bild: BR / M94.5

Es debattieren der Verkehrsexperte Professor Ferdinand Dudenhöffer (68 Jahre) von der Universität Duisburg-Essen und Paul Schermer (20 Jahre), Aktivist bei Fridays for Future München.

Tanja Zieger: Warum sind SUVs trotz Klimaschutzdebatte so beliebt?

Paul Schermer: Ich glaube, das hat zwei Gründe: Der erste Grund ist sicherlich, dass die Leute einfach nicht gut genug informiert sind über den Klimawandel und sich deshalb nicht bewusst sind, was sie mit ihrem Kauf anrichten. Und der zweite Grund ist, dass der SUV im Trend liegt. Und wenn etwas im Trend liegt, dann schauen die Menschen auch gerne mal über die "Nebenwirkungen" hinweg und kaufen es trotzdem.

Ferdinand Dudenhöffer: Der Durchschnittsautokäufer von Neuwagen ist heute 50 Jahre alt. Da passt man nicht mehr in den Sportwagen rein. Da hat man gerne die höhere Sitzposition, dass man eine bessere Übersicht über die Straße hat. Man will ein Fahrzeug, das auch zum Beladen praktisch ist. Und es ist ein Fahrzeug, das sportlich aussieht mit den größeren Reifen.

Zieger: Herr Dudenhöffer, könnte man nicht auch Autos bauen, die weniger CO2 ausstoßen und trotzdem bequem sind?

Dudenhöffer: So viel stoßen die SUVs eigentlich gar nicht aus. SUV ist ein Reizwort geworden. Ja, es gibt diese großen Monster-SUVs: der Audi Q8 oder der BMW X7 oder der neue Mercedes GLS, der ist fünf Meter lang und zwei Meter breit. Das sind wirklich große Fahrzeuge, die dann in der Öffentlichkeit viel Widerspruch auslösen.

Aber das typische beim SUV ist eher der VW T-Roc oder der Tiguan oder der Opel Mokka. Das sind Fahrzeuge, die im Kompaktsegment oder im Kleinwagensegment sind. Und wenn man den Treibstoffverbrauch von denen nimmt, ist der in etwa wie bei den MPVs, also bei den Großraumlimousinen, wie den Opel Zafira oder den BMW 2 Gran Tourer. Niemand käme auf die Idee einen Opel Zafira oder einen VW Touran als böses Fahrzeug abzustempeln. Nur weil auf den anderen SUV draufsteht, machen wir einen Kampf, der eigentlich unfair ist. Die Verbräuche sind etwa gleich.

Zieger: Herr Schermer?

Schermer: Da würde ich gerne widersprechen. Herr Dudenhöffer hat das bereits in anderen Interviews gesagt, aber das sehe ich ganz grundlegend anders. Erstmal würde ich sagen: Nach dem Dieselskandal kann man sich nicht einfach auf Herstellerangaben berufen und sagen, die angegebenen Verbräuche sind alle gut und schön. Da muss man sehr sehr deutlich hinterfragen und es muss nochmal von unabhängigen Stellen gemessen werden.

Und tatsächlich sind SUVs deutlich schädlicher – auch wenn sie keine Monster-SUVs sind. Es geht nicht nur um die reine CO2-Emission. Es geht auch um den Feinstaubabrieb. Der Feinstaubabrieb kommt aber nicht nur aus dem Auspuff, sondern auch zu ca. 30 Prozent aus den Reifen. Jetzt wiegt ein SUV durchschnittlich mindestens 400 Kilogramm mehr als ein Durchschnittswagen. Sogar bis zu einer Tonne mehr. Sie wiegen sogar bis zu 2.700 Kilogramm. Und damit haben sie natürlich auch einen deutlich höheren Feinstaubabrieb an den Reifen.

Zieger: Und das Argument mit dem bequemeren Einstieg?

Schermer: Da frage ich mich: Wie oft steigen die Leute in ihr Auto? Die Leute steigen in ihr Auto, fahren 30 Minuten, eine Stunde oder auch mal fünf Stunden und steigen wieder aus. Ich kaufe mir doch kein Auto, das zweieinhalb Tonnen wiegt, um für zwei Sekunden einen angenehmeren Ein- und Ausstieg zu haben. Abgesehen davon, dass Leute, die damit schon Probleme haben, vielleicht gar nicht mehr Auto fahren sollten.

Zieger: Und die Übersicht über die Straße?

Schermer:  Klar habe ich eine bessere Übersicht, aber das ist eine sehr egoistische Denkweise. Weil viele andere Verkehrsteilnehmer haben eine schlechtere Übersicht aufgrund der vielen SUVs.

Zieger: Herr Dudenhöffer, ist SUV-Fahren egoistisch?  

Dudenhöffer: Nach meiner Einschätzung nicht. Wenn Sie eine bessere Übersicht über die Straße haben, dann verursachen Sie auch weniger Unfälle. Sie fahren sicherer. Und ich glaube, ein 60-Jähriger braucht nicht nur zwei, sondern zweieinhalb oder drei Sekunden zum Ein- und Aussteigen. Also das auf zwei Sekunden zu reduzieren ist vielleicht ein bisschen übertrieben.

Und auch beim Thema Reifenabrieb unterscheiden sich die SUVs überhaupt nicht von den genannten MPVs. Weder beim Feinstaubabrieb, noch beim CO2, noch bei Stickoxiden.

Zieger: Und der Vorwurf, die Herstellerangaben würden gar nicht unbedingt stimmen?

Dudenhöffer: Das stimmt natürlich nicht. Die Herstellerangaben werden nach dem neuen Prüfzyklus WLTP geprüft und wir haben sehr sehr viele Testzeitschriften wie den ADAC, die zusätzliche Test machen. Und da kommt genau das gleiche raus. Also da haben wir Fakten. Und aufgrund dieser Fakten sollten wir Entscheidungen treffen und nicht irgendwelche Verschwörungstheorien gegen den SUV in Umlauf bringen.

Zieger: Eine Zahl, die Fakt ist: Die CO2-Emission pro PKW in Deutschland steigt - und zwar um zwei Prozent. Ein Grund dafür sind laut der Deutschen Energieagentur die hohen Zulassungszahlen bei SUVs und Geländewagen, die immer beliebter werden. Wie kann man denn die Automobilindustrie zum Umdenken bzw. Umbauen bewegen, dass sie mehr umweltfreundlichere Autos bauen? Oder muss man sie zwingen, Herr Schermer?

Schermer: Die Automobilindustrie muss man definitiv zwingen. Denn sie ist auf Wachstum ausgelegt. Und damit von Verkauf von mehr Autos.

Zieger: Herr Dudenhöffer, was sagen Sie?

Dudenhöffer: CO2 steigt an, hatten Sie gesagt, Frau Zieger, das ist richtig. Aber ein Grund für den Anstieg ist natürlich, dass weniger Diesel verkauft werden. Mit dem Diesel hat man es geschafft, mit weniger CO2 auszukommen. SUVs werden derzeit in der Bevölkerung stark gefragt. Nicht weil die Autobauer die Bevölkerung vergewaltigen, sondern weil die Menschen diese Fahrzeuge diese Fahrzeuge wirklich schätzen und wollen.

Und jetzt kann es nur darum gehen, eine Befriedung zu schaffen zwischen den Umweltaspekten, die sehr sehr sehr wichtig sind, aber auch mit dem Komfort und der Sicherheit, mit einem Design, das den Menschen gefällt. Und das ist möglich. Einer der Vorreiter ist Tesla, mit einem großen SUV, mit dem X-Modell. Also wir schaffen es, unsere Fahrzeuge teilelektrisch mit Hybriden oder dann mit Elektroautos auch im SUV-Bereich auf die Straße zu bringen. Also wir können CO2, wir können Klimaverträglichkeit und SUV miteinander befrieden.

Zieger: Und was sagen Sie zu den gestiegenen CO2-Emissionen pro PKW?

Dudenhöffer: Wir haben in Deutschland derzeit 47 Millionen Fahrzeuge im Bestand bei den Menschen. Vor neun Jahren waren es fünf Millionen weniger. Es werden jeden Tag mehr, weil die Menschen es schätzen, wenn ein Fahrzeug zur Verfügung steht, das man nutzen kann. Denn Carsharing ist sehr kompliziert und die öffentlichen Verkehrsmittel sind in der Regel sehr schlecht und sehr teuer und machen wenig Spaß. Den Menschen jetzt das Auto wegzunehmen und den SUV als Kampfmittel anzusehen, geht nach meiner Einschätzung in die falsche Richtung. Wir sollten versuchen, vernünftige Kompromisse zu finden, die möglich sind.

Zieger: Herr Scherme, können und wollen Sie so lange warten, bis diese Kompromisse gefunden werden? Oder was fordern Sie von einer Generation wie der von Herrn Dudehöfer?

Schermer: Es ist wirklich fünf nach zwölf. Wir sind im größten Artensterben der Geschichte, uns schmelzen die Pole, der Meeresspiegel steigt an, wir werden Probleme in der Biodiversität haben. Und das alles auch, weil wir durch diese Fahrzeuge sehr viel mehr Emissionen aus dem Automobilverkehr haben. Und weil die Autolobby diese Fahrzeuge so sehr unterstützt. Wir müssen uns darauf konzentrieren kleinere und emissionsärmere Fahrzeuge zu bauen statt immer noch größer zu werden.

Dudenhöffer: Ich glaube sehr viele Menschen, so wie ich auch, nehmen den Klimawandel äußerst ernst. Von daher kann ich das, was der Herr Schermer sagt, sehr gut nachvollziehen. Ich bin nur der Meinung, es gibt Möglichkeiten, beides unter einen Hut zu bringen. Ich glaube, das ist der einzige Punkt, der uns unterscheidet. Aber in der Dramatik, die er geschildert hat, da hat er absolut recht.


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