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Ursachen Warum beginnen Menschen zu stottern?

Es gibt einige hirnorganische Auffälligkeiten, die man bei erwachsenen stotternden Patienten festgestellt hat. Bei Kindern weiß man allerdings aufgrund mangelnder Untersuchungsmöglichkeiten noch zu wenig. Mithilfe von PET-Scans (Positronen-Emissions-Tomographie, ein bestimmtes bildgebendes Verfahren) hat man genau untersucht, was im Gehirn passiert, wenn jemand stottert. Hier traten mehrere Auffälligkeiten zutage.

Von: Klaus Schneider

Stand: 18.10.2018

Ursachenforschung: EEG im Max-Planck-Institut | Bild: picture-alliance/dpa

Eine Auffälligkeit ist, dass zusätzlich zur linken Gehirnhälfte, die normalerweise für die Sprachsteuerung zuständig ist, bei Stotternden auch die rechte Gehirnhälfte aktiv ist. Hier stellt sich die Frage: Behindern sich die Hirnhälften gegenseitig und führen dadurch zum Stottern, oder kompensiert die rechte Hirnhälfte Mängel der linken? Anders gefragt: Ist die Aktivität der rechten Gehirnhälfte Grund für das Stottern oder eine Folge davon? Man nimmt inzwischen letzteres an, also dass die rechtsseitige Aktivität eher Folge ist. Ganz sicher ist sich die Wissenschaft in diesem Punkt aber noch nicht.

Stottern: ein Problem der "Durchlässigkeit"

Eine weitere Auffälligkeit, die man vor kurzem festgestellt hat: Der Bereich des Motorcortex – also die Region im Gehirn, die für feinmotorische Prozesse und Artikulation zuständig ist – ist bei stotternden Erwachsenen weniger durchlässig. Bildhaft ausgedrückt:

"Sie möchten einen Film streamen. Der Server (also das Gehirn) hat bereits alle Informationen auf seiner Festplatte liegen. Die Datenleitung (das entspricht den grauen Zellen) ist nicht durchlässig genug, der Film fängt an zu ruckeln. Das Problem liegt aber nicht am Server, sondern an der Leitung."

Georg Thum, akademischer Sprachtherapeut

 Stottern: ein psychisches Phänomen?

Man weiß außerdem, dass Stottern variabel ist. Wäre Stottern immer nur eine Frage der Übertragung, müsste der Defekt ständig reproduzierbar sein und immer wieder auftreten. Das tut er jedoch nicht. Viele Menschen, die stottern und auch Angehörige berichten, dass das Stottern in angespannten Situationen stärker ist.

"Früher hat man hier einfach den Schluss gezogen: Der Mensch ist aufgeregt, er stottert – also muss Stottern etwas Psychisches sein. Nein! Zwar ist die Beobachtung richtig, dass Stottern situativ abhängig ist. Allerdings verändert jeder Mensch in einer Stresssituation seine Sprache hörbar und spürbar. Bei einem stotternden Menschen ist die Anspannung genau gleich, jedoch liegt die 'Sollbruchstelle' an einer anderen Stelle."

Georg Thum, akademischer Sprachtherapeut

Anders gesagt: Stottern hat keine psychische Ursache!

ABER: Wenn ein Kind erlebt, dass andere lachen; wenn es also abwertende Reaktionen erfährt, können sich tatsächlich Ängste und Schamgefühle aufbauen. Auf psychosozialer Ebene können dann tatsächlich weitere Symptome entstehen.


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