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Umweltmediziner Prof. Hans Drexler Wie gefährlich sind Stickoxide?

Das Umweltbundesamt warnt, dass Stickoxide in der Luft für eine Million Krankheitsfälle und für 6.000 Todesfälle im Jahr verantwortlich sein sollen. Wie lassen sich diese Zahlen einordnen? Ein Interview mit Prof. Hans Drexler vom Institut und der Poliklinik für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin der Universität Erlangen-Nürnberg.

Von: Christoph Peerenboom

Stand: 09.03.2018

Straßenverkehr  | Bild: picture-alliance/dpa

Was passiert im Körper, wenn ein Mensch zu viel Stickoxid einatmet?

Prof. Hans Drexler: Stickoxid ist ein Reizgas. […] Wissenschaftlich unstrittig ist, dass es Asthmaanfälle auslöst und die Atemwege reizt. Das Herz-Kreislauf-System indirekt, das ist natürlich fraglich.

radioWelt: Das Umweltbundesamt kommt zu dem Ergebnis, rund eine Million Krankheitsfälle in Deutschland seien durch Stickoxide verursacht und im untersuchten Jahr 2014 sogar 6.000 Todesfälle.

Prof. Hans Drexler: Man kann registrieren, dass in Städten mit hoher Luftverschmutzung an Tagen mit einer hohen Luftbelastung mehr Menschen versterben, als an anderen Tagen. […] Das Problem ist nur, dass man diesen Schadstoffmix aus Feinstaub, Stickoxid, Ozon und chemischen Stoffen, epidemiologisch […] nicht trennen kann. Also die Frage ist tatsächlich: Ist es der Feinstaub oder sind es die Stickoxide? Und das kann die Epidemiologie nicht differenzieren. […] Stickoxide sind ein Indikator für den Verkehr, aber ob dieser Indikator dann auch verantwortlich ist für die Erkrankungen, das ist fraglich. Denn die Stickoxide treten ja nicht isoliert auf, sondern die treten immer dann auf, wenn auch eine hohe Feinstaubbelastung vorliegt. Und die wissenschaftliche Evidenz für eine chronische Schädigung durch Feinstaub ist viel höher, als für eine chronische Wirkung durch Stickoxide.

radioWelt: Würden Sie sich also auf konkrete Zahlen, was Todesfälle angeht, gar nicht festlegen wollen, weil Sie sagen, die kann man einfach wissenschaftlich nicht korrekt berechnen?

Prof. Hans Drexler: Das ist extrem schwierig, weil man hat ja in verschiedenen Perioden immer verschiedene Schadstoffe verantwortlich gemacht. In den 1990er Jahren war es Ozon, dann so vor ca. 10 Jahren war es der Feinstaub, jetzt ist es das NOx, aber wir müssen wissen, es ist immer das Gemisch dieser drei Komponenten – isoliert treten die ja nicht auf. Nur eines kann man sagen: Die NOx kann man am ehesten den Diesel-Emissionen zuordnen, der Feinstaub hat viel mehr Quellen.

radioWelt: Heißt das, aus Ihrer Sicht als Wissenschaftler, könnte man sich die ganze Debatte um Fahrverbote sparen, weil die Luftverschmutzung in den Innenstädte, so wie sie ist eigentlich gar nicht so sehr gefährlich ist?

Prof. Hans Drexler: Nein, das will ich nicht sagen. Wenn die schädliche Einwirkung die Mischung ist aus Feinstaub, Ozon und Stickoxid und wenn den Feinstäuben die größte krankmachende Bedeutung zukommt, dann ist ein Fahrverbot für Diesel, das isoliert Stickoxide reduziert, zu kurz gegriffen. Also ich stelle Ihnen jetzt einfach mal ein Szenario vor: Man könnte sagen, wir verbieten jetzt die Einfahrt von Dieselfahrzeugen in die Innenstädte und dafür fahren aber dann entsprechend mehr Benzinmotor-getriebene Fahrzeuge rein. Dann würde sich an der Feinstaubbelastung gar nichts ändern und wahrscheinlich wäre die gesundheitliche Gefährdung gleich groß. Aber diesen spezifischen Indikator "Stickoxide", da hätte man dann so eine Laborkosmetik gemacht. Da könnte man dann sagen, hier hat man weniger Belastung in der Luft, also greift unser Fahrverbot.

radioWelt: Also an besten gegen alle Schadstoffe in der Luft vorgehen, dann ist man auf der sicheren Seite?

Prof. Hans Drexler: Saubere Luft ist ein wichtiges Gut und darauf müssen wir achten.


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