Bayern 2


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Mehr Licht! Stadtbeleuchtung in Bayern

Das Mittelalter war finster. Das Licht kam mit Pech- und Talgpfannen in die Städte. Dann erhellten Gaslampen die Straßen. Die ersten dauerhaften elektrischen Lampen gab es schließlich in Nürnberg. Und heute haben wir zu viel Licht in den Städten.

Von: Andreas Höfig

Stand: 22.02.2021 | Archiv

Nicht zu Unrecht spricht man vom "finsteren Mittelalter". Die Stadttore wurden geschlossen, wer sich innerhalb der Stadt nachts bewegen wollte, musste sich einen Laternenträger mieten, der einem heimleuchtete. Nur der Nachtwächter wanderte durch die Gassen, auf der Suche nach einem verräterischen Lichtschein, der den Ausbruch eines Feuers verriet. Denn auch im Haus war Beleuchtung nur mit offenem Licht möglich: Ein Kienspan, ein Talglicht, eine Kerze mussten noch am Herdfeuer entzündet werden. Streichhölzer sind erst eine spätere Erfindung. Unbeaufsichtigte Lichter legten oftmals ganze Städte in Schutt und Asche.

Licht ins Dunkel - München wird erhellt

Draußen herrschte im besten Fall Mondlicht, und wenn einem da lichtscheue Gestalten begegneten, war das beunruhigend. Es wurde auch in Bayern endlich Zeit, Licht ins Dunkel zu bringen - zumindest in die Residenz-Stadt München. Bis um das Jahr 1700 waren nächtliche Illuminationen nur zu großen Festen angesetzt. Die Bürger halfen sich übers Jahr mit gusseisernen Körben, den Pechpfannen, die sie vor ihre Häuser hängten, 1705 immerhin 40 Stück. 1723 wendet sich der Platzmajor Rodenfelt mit einer dringenden Bitte an den Stadtmagistrat: "Man möge an verschiedenen Plätzen Laternen aufstellen um lichtscheues Gesindel zu verscheuchen und die Kontrollgänge zu erleichtern."

Der geheime Rat des Kurfürsten genehmigt 1729 eine "Laternenprobe" und betraut den Kammerdiener Hölzl mit der Gründung des Illuminationsamtes. Schon 1730 brennen in der Stadt 717 Unschlittlaternen, die nach einem Brennkalender möglichst sparsam eingesetzt werden sollen. Unschlitt bedeutet: Durch Ausschmelzen des Hautfetts aus Rinder- und Hammelfellen gewonnene körnige Fettmasse. Die Metzger lieferten diesen Brennstoff.

Finanzierung durch eine Laternensteuer – und mit Hilfe der Biertrinker

Bei der Finanzierung war man erfinderisch: Eine Laternensteuer für Hausbesitzer wird eingeführt, auch von jeder in München verkauften Salzscheibe gehen 12 Kreuzer ans Illuminationsamt. Und - wie immer - wurden auch die Biertrinker zur Kasse gebeten. Jeder 4. Bierpfennig aus dem Hofbräuhaus fließt in die Beleuchtung! Jedoch: Ruß, Rauch und offenes Feuer in der Stadt - das war keine wirklich gute Lösung. Da bietet ein anderer Brennstoff ganz neue Perspektiven.

Gaslaternen – praktisch, aber teuer

Eine alte Gaslaterne

Die zündende Idee für die nächste Generation der Münchner Stadtbeleuchtung ist die Gaslaterne. Dieses neuartige Licht wurde in Dresden bereits 1828 eingeführt - da waren die Sachsen die "helleren Köpfe" gewesen. Gas hatte viele Vorteile: es war relativ sauber und sicher. Aber aufwändig! Zunächst muss ein Gaswerk gebaut werden, denn das Stadt- oder Leuchtgas entsteht durch Erhitzung von Kohle unter Luftabschluss bei 1200 Grad. Dazu kommt das Verlegen von Rohrleitungen.

Das Risiko für aufwändige, teure Projekte, legte die Münchner Obrigkeit schon immer gerne in die Hände von Privatleuten, und es findet sich 1848 (also 20 Jahre nach dem Start in Dresden) dafür der Genfer Bankier Christian Friedrich Kohler. Der sichert sich das Beleuchtungs-Monopol in München über langfristige Verträge, für fast 50 Jahre.

Erste elektrische Straßenbeleuchtung in Nürnberg

Doch 1866 hatte Werner von Siemens mit einem Dynamo Strom erzeugt. Schon 13 Jahre später (1879) startet in Berlin die erste elektrische Straßenbeleuchtung, zumindest zu bestimmten Zeiten. Nürnberg zieht wiederum drei Jahre später nach: Am 7. Juni 1882 nimmt Sigmund Schuckert in Nürnberg die erste dauerhafte elektrische Straßenbeleuchtung in Deutschland in Betrieb. Und wo bleibt München?

München hing weiter im Gasvertrag fest. Als die Kleinstadt Schwabing, im Norden von München, schließlich 1889 die ersten mit Gleichstrom betriebenen Bogenlampen aufstellt, versucht der Magistrat aus dem Gasvertrag auszusteigen. 1891 einigt man sich gütlich und zwei Jahre später erleuchten endlich 178 Bogenlampen Münchens Innenstadt – neun Jahre nach Nürnberg. Der Strom dafür kommt aus dem neuen Muffatwerk an der Isar. Man kann es heute noch neben dem Müllerschen Volksbad sehen. Gaslampen blieben aber weiter in Betrieb - bis 1966 - und hielten hunderte von Gaslaternenanzündern in Lohn und Brot.

In Augsburg hängen bis heute Gaslaternen

Wer heute noch Gaslaternen sehen möchte, muss nach Augsburg gehen, dort gibt es noch 25 gasbetriebene Laternen, zum Beispiel in die Fuggerei. Dort hängen sechs "Riedinger", benannt nach der Herstellerfirma: L. A. Riedinger Maschinen und Bronzewarenfabrik. Augsburg ist nach Nürnberg die zweite bayerische Stadt mit Gasbeleuchtung. Erst 1928 stellt man planmäßig auf Strom um.

Wissenschaftler und Techniker haben sich ständig bemüht, die Leuchtmittel zu verbessern. Die ersten Kohlebogenlampen mussten ständig nachjustiert werden; Siemens erfand eine selbstjustierende Lampe. Ab 1920 setzen sich in München nach und nach die elektrischen Leuchten durch. Nicht zuletzt, weil im Ersten Weltkrieg Kohle zur Gasherstellung knapp geworden war. Letztlich stehen 3400 Glühlampen 3000 Gaslampen gegenüber. Im Zweiten Weltkrieg werden 80 Prozent dieser Leuchten wieder in Schutt und Asche gelegt.

Neonröhre tritt ihren Siegeszug an

Beim Neubeginn setzt man auf modernste Technik. Die Neonröhre, eine Gasentladungslampe, tritt ihren Siegeszug an. Sie braucht nur ein Viertel der Energie wie Glühbirnen, wird nicht heiß, erstrahlt in reinstem Weiß mit hoher Lichtleistung, und hat eine hohe Lebensdauer. Gerade in den kilometerlangen Tunneln, wo hunderte davon 24 Stunden am Tag brennen, ist das entscheidend.

LED-beleuchtete Allianz Arena in München

Und die Entwicklung dauert bis heute an. Von der Leuchtstoffröhre, zur sehr hellen Quecksilberdampf-Hochdruck-Lampe mit weißem Licht, oder zur Natriumdampf-Hochdrucklampe mit ihrem charakteristischen gelben Licht - besonders geeignet für große Straßen. Heute das "High-Light": Licht-Emittierenden-Dioden, sogenannte LEDs. Haben Neonröhren eine Lebensdauer von 16.000 Stunden sind es bei LEDs schon 100.000 Stunden. Auch das Ein- und Ausschalten der Beleuchtung wurde modernisiert: Mussten 1958 noch allabendlich Radfahrer losfahren, um die Beleuchtungen in München auszuknipsen, wird seit 1972 zentral geschaltet.

Licht kostet Geld

Schon kleinste Verbesserungen zahlen sich aus. In Münchens Fußgängerzone brennen 534 Leuchten, und zwar jeweils 4100 Stunden pro Jahr. Durch moderne Technik konnten insgesamt 130.000 Kilowattstunden pro Jahr eingespart werden - in Euro: 14.800 und in Kohlendioxid: 135 Tonnen.

In Nürnberg, beim Servicebetrieb Öffentlicher Raum SÖR, sieht die Rechnung für den Betrieb und Unterhalt der 48.000 bestehenden Leuchten an öffentlichen Straßen, Wegen und Plätzen ähnlich aus: "Seit Beginn der LED-Umstellung im Jahr 2011 sank der jährliche Energieverbrauch um 2,3 Millionen Kilowattstunden. Dies entspricht dem durchschnittlichen Energieverbrauch von 770 Haushalten mit drei Personen. Kostenersparnis gegenüber 2015: 210.000 Euro."

Die Stadt Regenburg entwickelte für die Altstadt zusammen mit den Firmen Osram und Siemens die besondere RetroFit-Lampe mit Linsensystem und diffusen LEDs, um die verwinkelten Gassen adäquat zu beleuchten. Das kam bei der Bevölkerung gut an.

"Lichtverschmutzung – Verlust der Nacht"

Doch energiesparende LEDs haben auch einen Nachteil. Wo Licht fast nichts kostet, wird es auch verschwenderisch eingesetzt. „Die Nacht zum Tage machen“, ist schon seit langem als Problem erkannt. Diplom-Ingenieur Jochen Carl, Diplom-Biologin Ursula Kurz und Chemiker Dr. Rudolf Schierl haben zusammen eine Ausstellung zum Thema "Lichtverschmutzung - Verlust der Nacht" im Museum Wald und Umwelt in Ebersberg kuratiert. Doch was ist das eigentlich, Lichtverschmutzung?

"Wir haben deswegen hier zwei Aufnahmen aus dem Weltraum, die Nachtbilder über Europa zeigen. Da sieht man einmal eine Aufnahme von 1992 und man sieht eine Aufnahme von 2013. Man sieht hier wie deutlich die Steigerung zugenommen hat. D.h. das strahlt in den Raum ab. Und das nennen wir eigentlich Lichtverschmutzung oder Lichtmüll. Es gibt astronomische Messgeräte, um das zu messen, physikalisch. Das ist aber eine relativ aufwändige Angelegenheit. Und deswegen greift man oft darauf zurück, was der Engländer 'Bortle' in 2001 in England entwickelt hat. Man zählt die Sterne über dem eigenen Himmel."

Jochen Carl, Ingenieur

So schädlich kann Licht sein

Sternenhimmel in der Rhön

Man muss nicht in die Wüste fahren! Zwei Sternenparks - einer in der Rhön und einer auf der Winkelmoosalm in den Alpen, ermöglichen es auch in Bayern nahezu ohne Kunstlicht den Sternenhimmel genießen. In den Lichtglocken unserer Städte ist der Fremdlichteintrag 4000 Prozent höher als dort. Vom Lärm weiß man seit langem, dass er schädlich für den Menschen ist. Doch Licht und Beleuchtung? Wie soll das schaden? Rudolf Schierl hat sich eingehend damit beschäftigt.

"Klar ist, dass der Mensch und alle Lebewesen schon seit Jahrtausenden auf den Tag-Nacht-Rhythmus eingestellt sind. Der Körper ist darauf ausgelegt, dass er nachts Reparaturmechanismen ausführt, d.h. er regeneriert sich, repariert kaputte Zellen, verschiedene Bestandteile und senkt den Blutdruck und schafft die Regeneration des Organismus. Und wenn das natürlich gestört wird, dann hat man eben Probleme. Das geht von Diabetes über Bluthochdruck, manche behaupten auch Brustkrebs, Prostatakrebs wären auch eine Folge von langjähriger Missachtung des natürlichen Tag-Nacht-Rhythmus."

Rudolf Schierl, Chemiker

Tiere sind Lichtsmog schutzlos ausgeliefert

Der Mensch könnte zwar durch technische Lösungen mit Lichtsmog umgehen, Tiere und Pflanzen können das nicht, sind ihm nahezu schutzlos ausgeliefert, weiß Diplom-Biologin Ursula Kurz. Den Vögeln zum Beispiel suggerieren künstliche Lichtquellen eine Art Vordämmerung, und sie fangen früher an zu Singen als im Wald. Sie bekommen jdadurch viel zu wenig Schlaf. Richtig schlimme Auswirkungen hat das Kunstlicht auf Zugvögel.

"Zugvögel orientieren sich in der Nacht an den Sternen und am Magnetfeld. Und dieser Magnetsinn beruht auf Molekularzellen. Wenn man jetzt Lichtglocken über unseren großen Städten oder große Beleuchtungen außerhalb wie zum Beispiel Flughäfen anschaut, dann beeinträchtigt das einen Vogelschwarm, der in so eine Lichtglocke oder so einen Lichtkegel hineingerät. Da wird dieser Mechanismus gestört. Dann sind die Vögel quasi geblendet, der ganze Schwarm ist orientierungslos. Noch lange Zeit nachdem sie aus dem Lichtkegel wieder herausgekommen sind, fliegen sie noch in die falsche Richtung, haben Umkehrflüge. Und das braucht natürlich viel mehr Energie, als die Vögel sich tagsüber haben anfressen können, sodass solche Schwärme natürlich geringere Überlebenschancen haben."

Ursula Kurz, Biologin

Am schlimmsten trifft es aber Milliarden von Insekten, die, wie die sprichwörtliche Motte, nachts das Licht umkreisen, sich buchstäblich zu Tode kreiseln. Man spricht vom Staubsaugereffekt. Beleuchtete Brücken zum Beispiel sind unüberwindbare Barrieren, saugen quasi Insekten aus ihren dunklen Lebensräumen. Die Probleme sind erkannt und es gibt auch diverse Lösungsansätze.

"Klassisches LED-Licht, warmweiß, ca. 2700 Kelvin bis 3000 Kelvin, hat die geringste Wirkung hinsichtlich der Anflugneigung der Insekten. LED Warmlicht ist also deutlich zu empfehlen."

Jochen Carl, Ingenieur

"Das Entscheidende ist, dass man nur dorthin leuchtet wo man das Licht braucht. Also wenn ich den Boden beleuchten möchte, meinen Weg, dann soll's eben nur auf den Boden stahlen und nicht in den Himmel. Und auch nur solange, wie ich's brauche und nicht die ganze Nacht. Die Partnerstadt von Ebersberg ist Isanjeaux. Dort werden zum Beispiel um 11 Uhr nachts alle Straßenlampen ausgeschaltet. Und da ist nichts passiert."

Rudolf Schierl, Chemiker

Licht aus!

Einfach mal ausschalten - Licht aus! Auch in Bayern stellen Städte und Gemeinden die Beleuchtung um. Öffentliche Gebäude, Kirchen, Burgen werden laut Emissionsschutzgesetz nach 23.00 Uhr nicht mehr angestrahlt. Der Verein "Paten der Nacht" versucht zwischen Bürgern und Industrie zu vermitteln, um Lichtsmog zu verringern. Doch es gibt auch noch Dunkeloasen in den Städten – die Friedhöfe und die großen Parks.


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