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Spurensuche Wie Mömbriser Christen den Nazis trotzten

Zwei Mömbriser Pfarrer haben sich während des Zweiten Weltkrieges offen mit den Nazis angelegt. Hunderte Katholiken unterstützten sie dabei. 80 Jahre später stößt ein Gymnasiast auf die Geschichte – und begibt sich auf Spurensuche.

Von: Roman Grafe

Stand: 24.09.2019 | Archiv

1936 hatte sich der katholische Pfarrer August Wörner offen mit den Nazis in Mömbris angelegt. Unter seiner Führung protestierten hunderte Mömbriser Katholiken gegen den Aushang des NS-Hetzblattes "Der Stürmer" im Dorf und stellten sich einem Aufmarsch der örtlichen SA entgegen.

Gymnasiast Maximilian beginnt eine Spurensuche

Gymnasiast Maximilian Schneider mit Zeitzeuge Werner Schmitt.

Achtzig Jahre später stößt Gymnasiast Maximilian Schneider durch einen Zufall auf diese Geschichte. Die Mömbriser Pfarrer-Wörner-Straße ist keine fünf Minuten von seinem Haus entfernt. Ein mutiger Mann soll der Pfarrer gewesen sein, heißt es im Ort. Doch seine Geschichte hat ihm bis dahin niemand erzählt, nicht in der Schule und auch nicht als Ministrant in der Mömbriser Kirche. Er beginnt eine Spurensuche.

Kirchenfeindliche Hetzartikel im "Stürmer-Kasten"

Im August 1935 entdeckt der Mömbriser Pfarrer August Wörner im Aushängekasten der SA einen Artikel aus dem antisemitischen Hetzblatt "Der Stürmer". Die Überschrift: "Priester und Pfaffen". Darunter steht geschrieben: "Pfaffen sind Scheinheilige. (…) Pfaffen sind Menschen, die das Gute zu teuflischen Zwecken mißbrauchen. (…) Pfaffen sind die Fahnenträger Satans."

Er habe den Stürmer-Kasten fotografiert, um den Tatbestand festzuhalten, schreibt Pfarrer Wörner dem Ortsgruppenleiter der NSDAP und Bürgermeister, Gottfried van Treeck. August Wörner sammelt über Monate hinweg kirchenfeindliche Hetzartikel. Im Dezember 1936 hängt er die Zeitungsausschnitte an den Wänden der Mömbriser Kirche ringsum aus. "Ich kann kein schlafender Hirte sein", sagt er. August Wörner schreibt dem Ortsgruppenleiter van Treeck einen Brief.

"Solange der 'Stürmer' noch in beiden Gemeinden Mömbris und Mensengesäß öffentlich ausgehängt wird, werde ich an den Weihnachtstagen und weiteren Sonntagen kein Amt mehr singen, es wird keine Orgel mehr gespielt werden aus Trauer über die Verhöhnung der Geistlichen in der Presse. Mein Testament ist gemacht, ich bin zu allem bereit."

Aus dem Brief des Pfarrers August Wörner an den Ortsgruppenleite der NSDAP Gottfried van Treeck

4. Advent 1936: Pfarrer Wörner erklärt seinen Widerstand

Pfarrer August Wörner (Gestapo-Foto von 1937)

Am 20. Dezember 1936, dem vierten Adventssonntag, erklärt August Wörner – wie im Brief an den Ortsgruppenleiter angekündigt – im Gottesdienst seinen geplanten Widerstand. In der Predigt fordert er die versammelte Gemeinde auf, beim Bürgermeister gegen die Stürmer-Kästen zu unterschreiben.

Mit Sensen und Gabeln den Pfarrer vor der Gestapo geschützt

Mehr als vierhundert Mömbriser haben gegen die Stürmer-Kästen unterschrieben. Selbst NS-Parteigenossen. Auch Mitglieder der SA-Kapelle und der Inhaber des Parteilokals. Einige Mütter haben ihren Söhnen strikt verboten, mit der SA-Kapelle durchs Dorf zu marschieren. Der größte Teil der Mömbriser Katholiken versammelt sich vor dem Pfarrhaus, direkt gegenüber dem Hitler-Platz.

"Da hat man Nachtwache gehalten, da war mein Opa auch dabei. Mit Sensen und Gabeln haben sie da ums Pfarrhaus gestanden, um den Pfarrer zu schützen."

Werner Schmitt, Zeitzeuge

"Sie können mich einsperren, ich bin bereit."

Zwei Gestapo-Beamte erscheinen Heiligabend in der Wohnung des 43-jährigen Pfarrers und drohen ihm.

"Sie können mich einsperren, ich bin bereit. Wenn ich in Freiheit bleibe, werde ich siegen. Werde ich festgenommen, dann siege ich noch schneller. Sterbe ich, dann habe ich gesiegt."

Pfarrer August Wörner

Kaplan Hermann Dümig setzt Protest fort

Kaplan Hermann Dümig

Zwei Tage nach Weihnachten 1936 wird August Wörner von zwei Gestapo-Männern kurz vor Mömbris aus dem Auto geholt und festgenommen. Man bringt ihn ins Landgerichtsgefängnis Aschaffenburg. In der Mömbriser Kirche beten sie für ihren Pfarrer, die ganze Nacht. Schließlich wurde Pfarrer Wörner in eine andere Gemeinde versetzt. Sein Nachfolger Hermann Dümig predigte nicht weniger mutig und setzte den Protest gegen die Stürmer-Kästen fort – bis ihn die Gestapo ins KZ Dachau verschleppte.

Am 5. April 1945, nach fünfzig Monaten Haft, wird Hermann Dümig entlassen. Im Herbst 1945 übernimmt er in Arnstein, nördlich von Würzburg, wieder eine Kirchgemeinde. Pfarrer August Wörner stirbt am 11. Mai 1972, im Alter von 79 Jahren. Sein Grab ist in Hettstadt. Hermann Dümig stirbt am 22. Februar 1997, im Alter von 94 Jahren. Sein Grab ist auf dem Klosterfriedhof Münsterschwarzach.

Keine Gedenktafel für die aufrechten Christen von Mömbris

Wer nicht gezielt nach dieser Geschichte sucht, wird in Mömbris kaum darauf stoßen. In der Kirche St. Cyriakus gibt es keine Gedenktafel für August Wörner und Hermann Dümig. Eine Hermann-Dümig-Straße gibt es bis heute nicht. 1987 wollte die Gemeinde Mömbris zunächst die Hauptstraße nach Pfarrer Wörner benennen. Anwohner sprachen sich dagegen aus, weil sie ihre Adressen hätten ändern müssen. Weitere 13 Jahre vergehen, bis es im Jahr 2000 in Mömbris eine Pfarrer-Wörner-Straße gibt – in einem Neubaugebiet am Ortsrand.


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