Bayern 2


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SOS im bayerischen Waldmeer Der Klimawandel vor unserer Haustür

Dichter, Maler und Musiker haben dem Wald unzählige Werke gewidmet. Seit einigen Jahren wird er durch Hitze und Trockenheit gefährdet. Oder? Wetterextreme hat es doch schon immer gegeben? Unser Autor Harald Grill wollte es genauer wissen und hat sich mit Baumexperten im Bayerischen Wald getroffen.

Von: Harald Grill

Stand: 16.01.2020 | Archiv

Max Grünzinger aus Finsterau beim Durchforsten des Waldes nach Brennholz | Bild: BR/Rupert Heilgemeir

Anfang der 1980er Jahre beginnen viele Fichten- und Tannenwälder, abzusterben. Der Borkenkäfer fällt über sie her. Weltuntergangsstimmung macht sich breit. Mahner zitieren raunend den geheimnisumwitterten Waldpropheten Mühlhiasl, der schon vor mehr zweihundert Jahren weissagte:

"Wenn der Wald ausschaut wie dem Bettelmann sein Rock, dann ist in der Welt die Zeit fürs große Abräumen gekommen."

aus den Prophezeiungen des Waldpropheten Mühlhiasl

Seit vierzig Jahren lebe ich mit meiner Familie im Falkensteiner Vorwald in einem Dorf namens Wald. Heutzutage schrecken uns Alarmmeldungen auf über weltweiten Raubbau, Brandrodungen und einen bedrohlichen Klimawandel. Unser Lebensraum ist bedroht und damit auch unsere Erlebnisräume. Witterungsextreme wie Hitze und Trockenheit ringen die Vegetation nieder.

Käferholzlager für vom Borkenkäfer geschädigtes Holz

Die Waldbrände, Hochwasser und Stürme der letzten Jahre zeigen, dass der Klimawandel auch in Bayern angekommen ist. Er gefährdet nicht nur einzelne Baumarten, wie die bei uns am meisten verbreitete Fichte, sondern das gesamte ökologische Gleichgewicht. Die Folge: Bäume werden geschwächt und der Schädlingsbefall nimmt zu.

Noch werden in weiten Teilen der Bevölkerung die alarmierenden Meldungen nicht ernst genug genommen. Wetterschwankungen habe es seit eh und je gegeben, heißt es immer wieder. Und auch, dass Maßnahmen für den Klimaschutz Arbeitsplätze gefährden.

Hans Geiger und Jörg Maderer

Ich fahre mit dem Falkensteiner Revierförster Jörg Maderer nach Bad Kötzting, wo sein Kollege Hans Geiger sein Revier hat. Beide befassen sich seit Jahren beruflich mit dem Zustand der Wälder. Ich bin mir sicher: Sie können mir erklären, ob die Ausbreitung des Borkenkäfers mit der Klimaerwärmung zusammenhängt.

"Ja, es scheint tatsächlich so zu sein. Die historischen Geschichten 1878, dann 1948/49, diese großen Kalamitäten, da waren 70 Jahre dazwischen. Und jetzt haben wir 2003 einen Jahrhundertsommer oder Jahrtausendsommer gehabt, wir haben 2015 einen Jahrhundertsommer gehabt, wir haben 2018 einen Jahrhundertsommer gehabt und 2019 haben wir wieder einen zu warmen Sommer gehabt mit zu wenig Niederschlag. Da sehen Sie schon, wir haben eine Verdichtung zu warmer und zu trockener Jahre, was Fichte und Kiefer total stresst, und auf der anderen Seite für die Borkenkäfer ein gefundenes Fressen ist."

Hans Geiger, Revierförster Bad Kötzting

Entlang des Waldweges zeigt mir Jörg Maderer, wie man im Wald erkennen kann, ob er bereits geschädigt ist.

"Wenn wir diese Fichten jetzt zum Beispiel anschauen, da sieht man relativ viel vom Himmel durch die Kronen durch. Eine normale, gesunde Fichte hat eigentlich so viel Nahrung, dass die Krone undurchsichtig ist, man sieht nur grün. Aber hier bei den Bäumen ist es anders. Warum ist es anders? In den trockenen Jahren, die der Kollege grad angesprochen hat, kommen diese Fichten in einen gewissen Trockenstress. Weglaufen können sie nicht. Was machen sie dann? Sie werfen Nadeln ab. Und die können Nadelbäume nicht ohne weiteres ersetzen. Und so entsteht dann dieses schüttere Bild, das für uns als Forstfachleute halt ein eindeutiges Indiz dafür ist, dass diese Bäume Vitalitätseinbußen haben, unter Trockenstress leiden."

Jörg Maderer, Revierförster Falkenstein

Ich hebe ein goldgelbes, längliches Blatt auf. Es ist gesäumt von gesägten Rändern. Schaut aus wie das Blatt einer Esskastanie. Ich frage Hans Geiger, ob in den Wirtschaftswäldern wegen der Klimaveränderung neue Baumsorten aus wärmeren Regionen ausprobiert werden müssen.

"Experimentieren tun wir eigentlich nicht", sagt Geiger. Im Studium in Weihenstephan hätten sie alles gelernt über Bodenkunde, Standortskunde, Ökologie der Waldbäume. Jeder von ihnen hat viele Jahre Revierpraxis, da lernt man, welche Baumart wo besser oder schlechter zurechtkommt. Bei neuen Baumarten müssen sie aber tatsächlich noch lernen. "Da sind wir jetzt gerade dabei, Edelkastanie oder Elsbeere oder Baumhasel einzeln mitzubeteiligen. Da schauen wir, dass wir von Kollegen lernen, die das schon vor Jahren gepflanzt haben, und uns auch aus der Literatur informieren, damit wir die Vielfalt etwas erhöhen."

Im Nationalpark Bayerischer Wald

Sein Kollege Jörg Maderer ergänzt: "In Bayern haben wir 26 Prozent Waldanteil. Das ist schon ein Anteil, der Wert ist sich zu bemühen, den zu erhalten und ihn zukunftsfähig zu machen. Wir brauchen den Wald. Wir müssen retten, was zu retten ist. Wir brauchen den Wald und wir müssen versuchen ihn so gesund hinüber zu retten für kommende Generationen wie es nur irgendwie geht."

"Es war höchste Zeit, dass was passiert, dass umgesteuert wird, was den Klimawandel betrifft. Seit 30 Jahren sind die Fakten bekannt. Sicher hat man damals die Dramatik nicht ganz so eingeschätzt von Seiten der Politik und der Wirtschaft und erst jetzt merkt man, dass uns der Klimawandel überrollt, und es höchste Zeit ist, dass was passiert."

Hans Geiger, Revierförster Bad Kötzting

Schafwollflocken gegen Wildverbiss

Auch der Freistaat Bayern hat das inzwischen erkannt. Er übernimmt die Kosten für Neupflanzungen zukunftsorientierter Baumbestände. Die Waldbesitzer bringen ihre Arbeitsleistung ein und schützen die Bäume mit Zäunen und Schafwollflocken gegen den Wildverbiss. Die Förster beraten sie dabei.

"Man muss natürlich aufpassen, wie sich diese Neophyten, diese neuen Pflanzen, in einen anderen Naturraum einfügen. Bei uns wird auch durchaus kritisch hinterfragt, wie invasiv einzelne Baumarten sind", erklärt Maderer. Bevor in der Beratung eine Empfehlung für alternative Baumarten ausgesprochen wird, wird zum Beispiel geprüft, ob neue Arten längerfristig andere, heimischen Arten verdrängen.

Das Waldgebirge beiderseits der bayerisch-böhmischen Grenze gilt als größtes zusammenhängendes Waldgebiet Mitteleuropas. Poetisch wird es umschrieben als "das grüne Dach" oder "das grüne Herz" Europas. Drüben und herüben gibt es inzwischen Nationalparks, die ineinander übergehen: Der drüben heißt Šumava, und der herüben Nationalpark Bayerischer Wald. Hubert Weinzierl, einst Vorsitzender des Bundes Naturschutz in Bayern und des BUND Deutschland, war einer der Initiatoren des Nationalparks.

"Es gibt Kernzonen, die einfach nicht betreten werden, und so was braucht man auch in einem Nationalpark. Das ist der Bereich für Heiligtümer, wo etwas drin ist, wo die Märchen schlafen, wo unsere Träume drin sind, die lassen wir bitteschön in Ruhe."

Hubert Weinzierl, ehemaliger Vorsitzender Bund Naturschutz Bayern

Wald bei Bad Kötzting

Im Nationalpark werden keine Bäume gepflanzt und es wird kein Holz geerntet, trotzdem: auch er ist eine Art Wirtschaftswald. Heute ist das unwegsame Gebiet wegen der guten Infrastruktur bestens erreichbar und lockt mit seinen über 1.000 Meter hohen Bergen Wanderer aus allen Teilen des Kontinents an. Der Nationalpark gilt als Wertschöpfer, nicht für einige wenige, sondern für die gesamte Bevölkerung.

Hans Geiger und Jörg Maderer sehen in ihren Revieren bei Kötzting und Falkenstein nur wenig Anzeichen der Bedrohung durch katastrophenartige Waldbrände. Ich könnte mir vorstellen, dass der Nationalpark entlang der tschechischen Grenze unter seiner Prämisse "Natur Natur sein lassen" da schon eher gefährdet ist.

"Also, wir spüren den Klimawandel, allerdings nicht in dieser extremen Form, dass es bei uns brennen würde oder dass es Feuer geben würde. Wir haben ja Aufzeichnungen seit Anfang der 70er Jahre. In diesem Zeitfenster von annähernd 50 Jahren ist die durchschnittliche Jahrestemperatur bei uns um zwei Grad gestiegen. Es ist so, dass im Sommerhalbjahr zum Beispiel die Bäume, wenn es wärmer ist, mehr Wasser verdampfen und damit dem Boden und dem Grundwasser auch mehr Wasser entziehen. Wir haben im Sommerhalbjahr keine Grundwasserneubildung. Und wir stellen zum Beispiel auch fest, dass die Schneeschmelze sich ins Winterhalbjahr verlagert hat. Das heißt, der Schnee schmilzt heutzutage im März, April. Vor 50 Jahren war die Schneeschmelze Ende April, Anfang Mai. Die Buche treibt im Schnitt um drei Wochen früher aus, als es noch vor etwa 50 Jahren war. Das sind Hinweise, dass sich in der Natur des Waldes was tut und dass man den Klimawandel durchaus spürt bei uns."

Franz Leibl, Leiter Nationalpark Bayerischer Wald

Ein Borkenkäfer in Aktion

Obwohl mit dem Sterben der Fichten und Tannen in den 1980er-Jahren eine Borkenkäferplage einhergegangen ist, hat sich die Situation heute gewaltig verändert. Während über die Ursachen der Klimaveränderung munter weiter gestritten wird, ist die Nationalparkverwaltung längst in die Offensive gegangen: Auf den Hängen des Lusen wird gezielt darauf hingewiesen, dass zwischen silbrigen Fichtenskeletten aus einem toten Wald ein neuer entsteht. Der Wald hat viele Gesichter und wechselt zwischen Windwurf und Borkenkäferflächen je nach Höhenlage ständig sein Aussehen.

"Wir haben dort eine gigantische Naturverjüngung von durchschnittlich bis zu viertausend jungen Bäumen pro Hektar. Also das Doppelte, was man normal als Förster an der Stelle pflanzen würde. Da sehen Sie, wie die Natur reagiert. Die schwelgt in der Fülle jetzt im Moment und dort, wo totholzreiche Bestände sind, entsteht wirklich wilde neue Waldnatur."

Franz Leibl, Leiter Nationalpark Bayerischer Wald

Landschaft im Bayerischen Wald in Niederbayern

Die Besitzer von Wirtschaftswäldern sehen jedoch ihre Bestände durch die Borkenkäferflächen des Nationalparks bedroht. Einfach abzuwarten scheint ihnen zu risikoreich zu sein. Wälder haben eben ein anderes Zeitmaß als Menschen.

"Die Naturzonen, wo der Mensch nicht eingreift, reichen natürlich nicht bis zu den Privatwäldern. Dazwischen ist eine breite Randzone von mindestens 500 Metern, die wir so behandeln, wie einen normalen Wald. Wenn in dieser Randzone vom Borkenkäfer befallene Bäume sind, werden die sofort umgeschnitten, herausgebracht und auf dem Markt verkauft, so dass der Borkenkäfer praktisch nicht aus dem Park kann. Wir haben viele Untersuchungen, die belegen, dass dieses System Sinn macht und auch funktioniert."

Franz Leibl, Leiter Nationalpark Bayerischer Wald

Baumveteran im Bayerischen Wald

Die unberührte Natur schafft Raum für Baumpersönlichkeiten. Sie werden nicht gefällt. Wenn sie der Sturm oder die Schneelast nicht umwerfen, sterben sie eines Tages im Stehen und in Würde.

"Also unser höchster Baum ist eine Tanne mit 52 Metern. Die ist etwa 600 Jahre alt. Und wenn man so denkt, was vor 600 Jahren war … da war die Neue Welt noch nicht entdeckt. Da ist der vielleicht schon gestanden. Und wenn Sie jetzt nur diese zwei Fichten anschauen, die waren vielleicht schon 50 Jahre alt, als der Erste Weltkrieg begonnen hat. Das ist schon phantastisch, wenn man so einen Wald sieht. Da merkt man immer, wie klein wir sind."

Franz Leibl, Leiter Nationalpark Bayerischer Wald

Milchstraße über dem Lusenschutzhaus

Nachdem wir uns verabschiedet haben, befällt mich der kindliche Wunsch für heute auch noch dem Wald adieu zu sagen. Wie geht das? Als Stellvertreterin wähle einfach eine kleine Tanne, zupfe ihr drei Nadeln aus, zerreibe sie zwischen den Fingern und inhaliere den grü-nen Geruch. Da entdecke ich auch noch einen vertrockneten Harztropfen, breche ihn ab, stecke ihn in die Hosentasche. Ich geb's ja zu: was für ein sentimentaler Anflug!

Im Frühjahr werde ich zu einem langen Spaziergang aufbrechen durch die Wälder vor unserer Haustür, die Ohren voll Vogelgesang. Bis zur Donau hinunter will ich gehen und unterwegs übers Waldmeer blicken und einmal mehr SOS funken, um Hilfe rufen für die Rettung der Wälder.


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