Bayern 2


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Zum 100. Geburtstag von Sophie Scholl Sie musste sterben, ihre Verfolger machten Karriere

Am 9. Mai wäre Sophie Scholl hundert geworden – doch im Jahr 1943 wurde sie als Mitglied der Widerstandsgruppe "Weiße Rose" ermordet. Während das Leben dieser mutigen Frau endete, ermittelten die Gestapo-Leute nach 1945 fast bruchlos weiter.

Von: Ulrich Chaussy

Stand: 02.05.2021 | Archiv

"Aufruf an alle Deutsche!

Der Krieg geht seinem sicheren Ende entgegen. Wie im Jahre 1918 versucht die deutsche Regierung alle Aufmerksamkeit auf die wachsende U-Boot-Gefahr zu lenken, während im Osten die Armeen unaufhörlich zurückströmen, im Westen die Invasion erwartet wird. Die Rüstung Amerikas hat ihren Höhepunkt noch nicht erreicht, aber heute schon übertrifft sie alles in der Geschichte seither Dagewesene.

Mit mathematischer Sicherheit führt Hitler das deutsche Volk in den Abgrund. Hitler kann den Krieg nicht gewinnen, nur noch verlängern! Seine und seiner Helfer Schuld hat jedes Maß unendlich überschritten. Die gerechte Strafe rückt näher und näher!

Was aber tut das deutsche Volk? Es sieht nicht und es hört nicht. Blindlings folgt es seinen Verführern ins Verderben. Sieg um jeden Preis! haben sie auf ihre Fahne geschrieben. Ich kämpfe bis zum letzten Mann, sagt Hitler – indes ist der Krieg bereits verloren. (...)"

(Quelle: Fünftes Flugblatt der 'Weißen Rose', nach einem Entwurf von Hans Scholl und Alexander Schmorell mit Korrekturen von Kurt Huber, Januar 1943)

Freie Meinungsäußerung wurde lebensgefährlich

München, 1942. Die Geschwister Sophie und Hans Scholl werden von der Gestapo verhaftet. (Szene aus "Die weiße Rose" von Michael Verhoeven)

Die Geheime Staatspolizei war in Deutschland zwischen 1933 und 1945 der Inbegriff  des nationalsozialistischen Terrors. Hitlers Regime baute fest auf die lähmende Angst, die die Gestapo durch ihre Verfolgung von Andersdenkenden und Oppositionellen bei der Mehrheit der Deutschen auslöste.

Die Gestapo war zentrales Organ im NS-Überwachungsstaat, in dem es keine Parteien außer der NSDAP gab, keine freie Meinungsäußerung oder freie Presse, schon eine beiläufig geäußerte abweichende Meinung stand unter schwerster Strafandrohung. Es war die Münchner Leitzentrale der Gestapo, die die Widerstandskämpfer der "Weißen Rose" zur Aburteilung an Richter und Henker der NS-Zeit auslieferte.

"Sophie Scholl – die letzten Tage"

Der Journalist und Autor Ulrich Chaussy

Ulrich Chaussy  stieß bei der Recherche für den Kinofilm "Sophie Scholl – die letzten Tage" auf schockierende Fakten. Beamte, die die Geschwister Scholl und andere Mitglieder der „Weißen Rose“ in den Tod geschickt hatten, wurden nach dem Krieg nicht nur kaum zur Verantwortung gezogen, einige ehemalige Gestapo-Leute ermittelten sogar fast bruchlos weiter gegen "Staatsfeinde" – jetzt in den Diensten der Amerikaner.

Gestapo-Ermittler Robert Mohr

Die Geschwister Hans und Sophie Scholl

Die Recherche liefert interessante Aktenfunde und Gespräche mit Zeitzeugen, unter ihnen der Sohn des Gestapo-Ermittlers Robert Mohr, der Sophie Scholl verhörte. Außerdem die Korrespondenz von Robert Scholl, dem Vater von Hans und Sophie, mit den Jägern seiner Kinder, sowie Vernehmungsprotokolle des amerikanischen Geheimdienstes CIA mit einem Gestapo-Beamten, der nach dem Krieg in die Dienste der Amerikaner trat.

"Wer ist dieser Robert Mohr? Wie hat man sich diesen Gestapo-Mann vorzustellen? – Das war die dringlichste Frage, die Drehbuchautor Fred Breinersdorfer und Regisseur Marc Rothemund hatten, als sie mich für Auskünfte und Recherchen bei der Vorbereitung ihres Films 'Sophie Scholl – die letzten Tage' engagierten."

(Ulrich Chaussy)

Gestapo-Verhörprotokolle der Scholls

Marc Rothemund, Regisseur des Films "Sophie Scholl – die letzten Tage", konnte 2005 für seinen Film „Sophie Scholl – Die letzten Tage“ auf die Original-Verhörprotokolle der Gestapo aus den Februartagen 1943 zurückgreifen.

Regisseur Marc Rothemund

Die Rote Armee hatte sie bei Kriegsende im Archiv des Berliner "Volksgerichtshofes" gefunden, der im Gegensatz zur Münchner Gestapo seine Aktenbestände nicht vernichtet hatte. Die Russen überstellten die Akten der DDR. Dort verschwanden sie jahrzehntelang in einem Archiv der Staatssicherheit, in dem sie nach der Wende Anfang der 90er Jahre gefunden wurden.

"Marc Rothemund war gebannt von den Protokollen. Ein tagelanges Rededuell auf 35 Schreibmaschinenseiten kondensiert. Wie Sophie Scholl zunächst die Naive gibt und mit Raffinesse leugnet. Und schließlich, als sie gesteht, klar ihre Überzeugung bekennt. Ein Charakter mit Kontur, eine gute Vorlage für die filmische Inszenierung dieses Verhörs.

Doch Sophie Scholls Gegenüber? Ein unbeschriebenes Blatt. Robert Mohr, Gestapo-Kriminalobersekretär. Ihn fassbarer zu machen, stand am Anfang dieser sonderbaren Recherche. Je näher man der Person kommt, je mehr man erfährt, desto mehr entgleitet einem das, was man einen Charakter nennen könnte ..."

(Ulrich Chaussy)

DVD-Tipp: "Sophie Scholl – die letzten Tage"

Szene aus dem Film "Sophie Scholl - die letzten Tage" mit Julia Jentsch als Sophie Scholl

  • Darsteller: Julia Jentsch, Alexander Held, Fabian Hinrichs, Johanna Gastdorf, André M. Hennicke
  • Komponist: Reinhold Heil, Johnny Klimek
  • Mitwirkende: Roland Winke, Natascha Curtius-Noss, Christoph Müller, Prof. Jochen Kölsch, Nessie Nesslauer, Bettina Reitz, Jana Karen, Jo N. Schäfer, Patrick Brandt, Hans Funck, Martin Langer, Sven Burgemeister, Tschangis Chahrokh, Ulrich Herrmann, Hubert Spreti, Prof. Dr. Andreas Schreitmüller, Marc Rothemund, Prof. Dr. Fred Reinersdorfer
  • Studio: Warner Home Video - DVD
  • Erscheinungstermin: 2. Oktober 2008
  • Produktionsjahr: 2005
  • Spieldauer: 112 Minuten
  • ASIN: B001DX9G26

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