Bayern 2


4

Solidarität in Zeites des Coronavirus "Wenn Gemeinschaften etwas Positives tun, dann ist auch das ansteckend"

Kein Fußball, keine Konzerte, keine Schule: Ältere Menschen und Risikopatienten brauchen im Kampf gegen das Coronavirus jetzt unsere Solidarität. Warum bei uns allen die Angst sinkt, wenn wir uns gegenseitig helfen, erklärt der Psychiater Jan Kalbitzer, Leiter der Stress-Ambulanz in der Oberberg Tagesklinik Kurfürstendamm in Berlin.

Von: Julia Zöller

Stand: 13.03.2020

Love Yout Neighbour Mütze | Bild: Unsplash/Nina Strehl

Julia Zöller: Sollen Oma und Opa jetzt die Kinder hüten, die nicht in die Schule, den Kindergarten oder die Kindertagesstätte gehen können? Oder wäre das denen gegenüber nicht solidarisch?

Jan Kalbitzer: Ich fände das riskant. Die Großeltern würden wahrscheinlich die Unterstützung zusichern, weil sie noch große Solidarität gewohnt sind. Aber es wäre den Großeltern gegenüber nicht solidarisch, weil manche Krankheiten ein paar Tage brauchen, bis sie sich zeigen. Deswegen wäre meine Empfehlung, dass man vorher eine Quarantäne macht und dann die Großeltern fragt. Dann ist das Risiko viel kleiner.

Habe ich auch eine Verantwortung gegenüber der Gesellschaft, wenn ich gar nicht zur Risikogruppe gehöre und eigentlich noch ziemlich entspannt bin gerade?

Ja. Die große Verantwortung im privaten Bereich in Berlin beispielsweise liegt im Moment bei den Clubgängern. Wir haben gesehen, dass sich ein großer Teil derer, die sich hier angesteckt haben, in Diskos angesteckt haben. Und wenn die dann in den Supermarkt gehen und da niesen, dann können sie da ältere Menschen anstecken. Oder auch Menschen anstecken, die zum Beispiel im Krankenhaus arbeiten. Und damit gefährden sie die Gemeinschaft.

Das Individuum gefährdet also die Gesellschaft?

Psychotherapeut Jan Kalbitzer.

Für das Individuum ist das Risiko total gering, an dem Virus schwer zu erkranken oder sogar zu sterben. Das Problem ist, dass wir zum einen durch die Erkrankung selbst Probleme kriegen werden, wenn die Krankenhäuser zu voll werden und nicht mehr alle gut versorgt werden können.

Aber auch, weil natürlich andere Kranke verdrängt werden. Es ist jetzt schon so, dass sich viele Menschen mit Krankheiten nicht mehr in Arztpraxen trauen, weil sie Angst haben vor Ansteckungen. Das heißt: Ältere Menschen mit Bluthochdruck, die Ihren Bluthochdruck nicht richtig einstellen lassen, weil sie Angst haben sich in der Arztpraxis zu infizieren, die werden jetzt auch gefährdet durch junge Menschen, die in den Club gehen. Wir gefährden indirekt all jene, die auf das Gesundheitssystem angewiesen sind.

In München sind die Cafés und Restaurants voll – gerade in den angesagten Vierteln.

Und gerade diese Reaktion ist der Gemeinschaft gegenüber enorm verantwortungslos. Weil wir die Schwachen und die chronisch Kranken damit gefährden. Das zeigt, wie sehr wir an unseren individuellen Bedürfnissen orientiert sind. Das gilt natürlich nicht für alle. Viele sind ja solidarisch und kümmern sich.

Und dann ist da noch etwas, was mich besonders ärgert: Der Umgang von asiatisch aussehenden Menschen, die einen Mundschutz tragen: Das führt ja zum Teil zu rassistischen Reaktionen. Die meisten Menschen in Asien tragen meines Wissens einen Mundschutz, um andere zu schützen und nicht, um sich selbst zu schützen. Also wer einen Infekt hat, zieht einen Mundschutz an, um andere nicht zu gefährden. Und wie fremd uns das hier in Deutschland und Europa teilweise ist, finde ich schon sehr befremdet. Und dann auch noch über so jemanden schlecht zu reden oder ihn zu beleidigen, das ist ein Mangel an Gemeinschaftssinn, den ich sehr bedrückend finde.

Nochmal zu den Clubgängern: Wir haben doch in den vergangenen Jahren gelernt, dass wir uns zum Beispiel durch die Angst vor Terroristen in unserem Alltag nicht stören lassen sollen. Denn das macht die Angst nur noch größer. Jetzt ist dieses Verhalten auf einmal falsch?

Ja. Weil wenn ich mich vom Cluggehen abhalten lasse, weil ich Angst habe vor Terroristen, dann haben Terroristen gewonnen. Weil sie dann unser Sozialleben einschränken. Wenn ich in einen Club gehe, gefährdete ich aber niemand anderen. Ich gefährde nur mich selbst. Und das ist was anderes, wie wenn ich durch das Clubgehen andere Menschen gefährde, wie in dem Fall, wenn ich aus dem Club unter Umständen Viren heraustrage, die ich dann, wie gesagt, im Supermarkt beispielsweise, an andere weitergebe.

Was interessiert mich als "robustes Inividuum" eigentlich die Gesellschaft? 

Psychische Gesundheit wird sehr stark dadurch beeinflusst, ob wir uns als Teil einer Gemeinschaft fühlen. Immer mehr Menschen fühlen diese Vereinsamung. Und da geht es nicht darum, dass die Menschen alleine sind, sondern dass sie eine innere Vereinsamung erleben. Es gibt nichts bessere für unsere Psyche als das Gefühl, ein Teil von etwas zu sein, das größer ist als wir selbst. Zu einer Wertgemeinschaft zu gehören, die Werte hat, die über uns hinausgehen.

Meiner Erfahrung nach ist es viel hilfreicher als aus Trotz in den Club zu gehen, zum Beispiel seine Nachbarn zu versorgen: Älteren Nachbarn was zum Essen vor die Tür zu stellen, damit die nicht selber in den Supermarkt gehen müssen. Oder seine gehorteten Atemschutzmasken oder Desinfektionsmittel seinem Hausarzt zu geben, dem sie vielleicht bald ausgehen und der dann wirklich gefährdet ist, weil er im direkten Kontakt Menschen versorgt, die krank sind.

Diese positiven Aktionen haben ja auch schon Hashtags ins Leben gerufen wie die #NachbarschaftsChallenge oder #hsbestrong für Heinsberg in NRW, wo besonders viele Menschen betroffen sind. Es geht darum, dass man sich zum Beispiel gegenseitig Mut zuspricht. Was gewinnen wir denn durch so ein positives, solidarisches Verhalten?

Wir können langfristig was gewinnen.  Wenn man als Gemeinschaft anfängt etwas zu verändern, dann kann man etwas erreichen, dann kann man positive Dinge erreichen. Wenn Gemeinschaften etwas Positives tun, dann ist auch das ansteckend. Wenn in Heinsberg Menschen anfangen, sich für die Gemeinschaft einzusetzen und andere das sehen, dann fangen sie auch an, das zu tun und machen mit. Und dann können wir als Gemeinschaft großes erreichen und Herausforderungen gut händeln und abwehren, die auf uns zukommen.


4