Bayern 2


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Was will man mehr? Sinnvolle Zusatzleistungen zur Früherkennung

Weitergehende Blutuntersuchungen oder gar technische Untersuchungen sind von den Krankenkassen nicht vorgesehen. Viele Hausärzte aber raten zu Zusatzleistungen – welche sind sinnvoll?

Von: Sabine März-Lerch

Stand: 26.11.2018

Nicht in der normalen Untersuchung enthalten: EKG. | Bild: picture-alliance/dpa

Ultraschall des Bauchs

"Für mich wäre es in jedem Fall sinnvoll, das bisher mögliche Basis-Screening zu erweitern z.B. um eine Ultraschall-Untersuchung des Bauchs. Eine Ultraschall-Untersuchung bringt keine Strahlenbelastung, und liefert in der Hand des geübten Untersuchers extrem viele Informationen, da alle Oberbauch- und Unterbauchorgane einmal durchgeschaut werden. Das ist eine schnelle und gute Zusatzuntersuchung."

Prof. Jörg Schelling

EKG

Nur wenn sich bei der Gesundheitsuntersuchung ein begründeter Verdacht z.B. auf Herzrhythmusstörungen ergibt, kann ein EKG im Normalfall als Leistung der GU angeordnet werden.

"Sinnvoll aber wäre es als Standard zur allgemeinen Beurteilung der Herz-Kreislauf-Situation."

Prof. Jörg Schelling

Auf Leber und Nieren

"Sehr gut wären auf alle Fälle auch weitere Blutwerte - z.B. der Schilddrüsen-, Nieren- oder Leberwert. In vielen vielen Fällen wären die Leberwerte sinnvoll mitzumachen, die Kosten sind sehr gering, und man hat mit zwei, drei Werten einen guten Eindruck: Läuft die Leber rund oder nicht?"

Prof. Dr. Jörg Schelling

Auch das Kreatinin als Nierenwert hält Prof. Schelling für wichtig, weil damit die Nierenfunktion klar definiert ist.

"Und ein ganz normales Blutbild – also rote und weiße Blutkörperchen und Blutplättchen. Das ist auch eine sehr günstige Untersuchung, kostet ein oder zwei Euro und liefert doch Wissen darüber, hat man da Verschiebungen - eventuell zu viel weiße Blutkörperchen oder zu wenig Blutplättchen… Das brächte einen deutlichen Mehrwert in der Vorsorgeuntersuchung."

Prof. Jörg Schelling

Wann sind Zusatzleistungen bei der GU abrechenbar?

Argument für die Einführung einer bestimmten Leistung in den Angebotskatalog des Gemeinsamen Bundesausschusses ist die wissenschaftliche Evidenz ihrer Wirkung. Grundsätzlich sind die Leistungen im Rahmen des Check-up auf die vom Gemeinsamen Bundesausschuss festgelegten Angebote beschränkt. Hat der behandelnde Arzt im Rahmen des Check-ups einen begründeten Verdacht, kann er weitere Laborwerte anfordern, die dann von der Kasse über das grundsätzliche Angebot hinaus übernommen werden.

Beispiel Laborwerte

Sind Patienten im sogenannten Hausarztmodell (hausarztzentrierte Versorgung, HzV) eingeschrieben, können bei der "Gesundheitsuntersuchung GU 35" deutlich mehr Laborwerte angefordert werden. Auch ermöglichen manche Kassen in diesem Rahmen eine GU bereits ab dem Alter von 18 Jahren. Bei der HzV verpflichtet sich der Kassenpatient, bei jedem medizinischen Anliegen als erstes den Hausarzt aufzusuchen. Dieser fungiert dann als Lotse für weitere Untersuchungs- und Behandlungsschritte. So sollen Kosten durch Mehrfachuntersuchungen und -behandlungen, sowie Wechselwirkungen von Medikamenten und Interpretationsfehler vermieden werden.

Beispiel EKG

Das gleiche trifft zu für EKG und Ultraschall des Oberbauchs: Bei begründetem Verdacht kann die Leistung im Rahmen der GU von der Krankenkasse übernommen werden. Patienten im Hausarztmodell haben teilweise Anspruch auf diese Leistungen. Patienten, die nicht an dieser sogenannten hausarztzentrierten Versorgung teilnehmen, können zusätzliche Laboruntersuchungen im Rahmen der sogenannten Individuellen Gesundheits-Leistungen (IGeL) selbst zukaufen und selbst bezahlen.

"Wenn der Patient ganz gesund ist und kommt und sagt mir geht’s eigentlich super, ich will mich nur durchchecken lassen. Aber ich will z.B. nicht nur wissen, wie ist mein Cholesterin und Blutzucker, ich will auch wissen wie geht’s meiner Leber, weil ich ab und zu ein Bierchen trinke, das möchte ich einfach wissen… Dann haben Sie ja auch keinen Krankheitshintergrund, können diese Leistung nicht begründen, das sind dann Selbstzahlerleistungen."

Prof. Jörg Schelling

Zwischen Evidenz und Bauchgefühl

"Evidenz wäre ja, dass wir, wenn wir bei jedem ein Blutbild machen, dann mehr Blutkrebs oder mehr andere Krankheiten finden - das ist natürlich nicht der Fall. Natürlich hilft das nichts, über ganz Deutschland das Blutbild auszuschütten, damit würden wir nicht gesünder werden."

Prof. Jörg Schelling

Aus Hausärzte-Sicht gehe es allerdings um den einzelnen Menschen, der vor einem sitze, so Prof. Schelling.

"Und für den sind zwei Euro ein Klacks, um am Ende doch noch mehr Sicherheit zu haben. Und da sehe ich mich jetzt nicht als Vertreter der Epidemiologie und der Statistik und der Krankenkassenbedürfnisse, sondern des einzelnen Patienten! Und dann später zu sagen, wir haben uns damals zwei Euro gespart wg. des Blutbilds, und jetzt hab' ich eine Leukämie, die hätten wir letztes Jahr schon feststellen können anhand eines Blutbilds, das ist ja natürlich eine Horror-Vorstellung jedes Hausarztes"

. Prof. Jörg Schelling

Exkurs: Individuelle Gesundheitsleistungen (IGel)

Individuelle Gesundheitsleistungen (IGel) sind Leistungen, die Patienten grundsätzlich selbst bezahlen müssen, weil sie nicht zum festgeschriebenen Leistungsumfang der gesetzlichen Krankenversicherungen gehören. Sei es, weil sie z.B. nicht in ein Früherkennungs-Modell übernommen wurden, sei es, weil ihre Wirksamkeit nicht belegt ist.

Was ist medizinisch im Einzelfall sinnvoll, was nicht? IGeL-Leistungen sind ein umstrittenes Thema. Dennoch gibt es für Prof. Schelling im Bereich der Früherkennung sehr sinnvolle IGeL-Leistungen, die zur Ergänzung empfohlen werden können und sollten.

"Es gibt gute Bewertungsportale, wo man nachschauen kann, ob eine Zusatzleistung wissenschaftliche Evidenz hat oder nicht, z.B. den 'IGeL-Monitor'. Auch muss man sagen, dass Hausärzte sicher nicht Weltmeister sind im Abrechnen von Individuellen Gesundheitsleistungen. Es muss einen Ort geben in der Versorgung, wo der Patient nicht, wenn er zur Tür reinkommt, einen Zettel bekommt, dass er zusätzlich zahlen muss. Das sind so viele Leute, die mir als ihrem Hausarzt erzählen, sie gehen zu diesem und jenen Facharzt, wo es so läuft. Das ist zutiefst frustrierend und demontiert die ganze Ärzteschaft und sorgt für Misstrauen, weil die Menschen das Gefühl haben, sie kriegen nur noch eine gute Leistung, wenn sie draufzahlen."

Prof. Jörg Schelling

Den angesprochenen IGeL-Monitor finden Sie hier.

Kritik an der bisherigen GU 35

"Es gilt ja bei der Gesundheitsuntersuchung das Prinzip 'one fits all': Die GU wird letztendlich über alle darübergestülpt, jeder kriegt das gleiche. Das ist einer meiner Hauptkritikpunkte. Dabei kenne ich als Hausarzt meine Patienten und könnte den Vorsorgebedarf einschätzen. Die individuelle Beurteilung dann ist aber natürlich wieder Aufgabe des Hausarztes. Mit zunehmendem Alter interessiert die Patienten sowieso immer mehr der Austausch mit dem Hausarzt und weniger die diagnostische Maßnahme."

Prof. Jörg Schelling

Kritik an der Früherkennung an sich

Mit dem Argument, Krankenhauseinweisungen, Krankschreibungen und Überweisungen an Fachärzte würden durch die Teilnahme an regelmäßigen Vorsorge- und Früherkennungsuntersuchungen, nicht reduziert, kritisiert z.B. eine Studie des dänischen "Nordic Cochrane Centre" aus dem Jahr 2014 den Sinn von Check-ups ganz allgemein – die Krebsvorsorge ausgenommen. Auch deutsche Kritiker des Gesundheitswesens zweifeln am Nutzen von Früherkennung und Vorsorge generell.

"Ich halte dagegen aus meiner Erfahrung als Hausarzt: Was ich an der Kritik kritisiere, ist, dass sie primär auf epidemiologischen Daten und auf Beobachtung der Gesamtbevölkerung basiert. Da muss ich soundso viele Leute screenen, die Leute werden unruhig gemacht, und dann kriege ich nur zwei raus, denen ich helfen kann. Das ist aus epidemiologischer Sicht nachvollziehbar und alles richtig. Ich aber sitze in der Praxis in einem Raum mit dem Patienten und muss überlegen, was ist jetzt das Beste für sie oder ihn. Epidemiologie hat mit Individualmedizin nichts zu tun. Der einzelne Mensch, der eine Vorsorgeleistung nicht in Anspruch nimmt, weil irgendjemand sagt, das ist nicht haltbar, weil es keine tolle Statistik gibt dafür – wenn dieser einzelne Mensch am Ende die Erkrankung hat, und man hat eine bestimmte Untersuchung nicht gemacht, da hilft es mir als HA gar nichts, wenn ich ihm sage, ach sie sind halt der eine, der durchgerutscht ist in der Statistik. Ich fühle mich meinen Patienten verpflichtet und da werde ich tendenziell immer mehr machen sowohl diagnostisch-therapeutisch als auch in der Vorsorge als vielleicht vorgeben ist. Denn ich möchte auch, dass die Patienten, die ich betreue, wenn sie krank werden, es so rechtzeitig erfahren, dass sie entweder behandelt und geheilt werden können oder zumindest noch Zeit haben, ihr Leben zu organisieren und zu ordnen und abzuschließen."

Prof. Jörg Schelling


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