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Ende einer Karriere Sigmar Gabriel: Ein großes Talent der SPD muss gehen

Die SPD-Parteispitze hat entschieden: Sigmar Gabriel wird der neuen Bundesregierung nicht mehr angehören. Es ist das (vorläufige) Ende einer Karriere, die schon immer von Höhen und Tiefen begleitet war.

Von: Anita Fünffinger

Stand: 08.03.2018

Sigmar Gabriel im Bundestag, November 2017 | Bild: picture-alliance/dpa/Michael Sohn

Sigmar Gabriel geht ausgerechnet als Chefdiplomat. Chefdiplomat, das Wort muss wohl auch er sich auf der Zunge zergehen lassen. Denn bevor Sigmar Gabriel Außenminister war, galt er als: laut, forsch, verletzend, sprunghaft, aber bestimmt nicht als diplomatisch. Dabei blühte Gabriel als Außenminister im vergangenen Jahr noch mal so richtig auf. Sein größter Erfolg ist noch keine vier Wochen alt. Es war die Freilassung des Journalisten Deniz Yücel in der Türkei.

Erst im Außenministerium lernt er Diplomatie

Gabriel war fast ein Jahr lang als Außenminister international in Hinterzimmern unterwegs, ruhig verhandelnd, nach außen schweigend - so kannte man ihn nicht. Von Sigmar Gabriel musste sich Ursula von der Leyen als Bundesarbeitsministerin Sätze anhören, wie, dass sie sei eine Staatsschauspielerin sei, aber niemand, der die richtige Richtung einfordere. Aber auch in seiner Zeit als Umweltminister von 2005 bis 2009 lieferte sich Gabriel mit seinem damaligen Ministerkollegen Markus Söder erbitterte Wortgefechte. Gabriel attestierte Söder, dass er von dem Thema Atomwirtschaft und Energiepolitik so viel verstehe wie eine Kuh vom Fliegen.

Gabriel kann das Herz der SPD berühren

Sigmar Gabriel war 2009 genau der Richtige, um der geschundenen Partei wieder Selbstbewusstsein einzuhauchen. Er kann das Herz der SPD schlagen hören, wenn nicht sogar fühlen. Beim Dresdner Parteitag riss er die Genossen mit. Für seine flammende Rede bekam er den deutschen Rednerpreis:

"Wir müssen raus ins Leben, da, wo es laut ist, da, wo es brodelt, da, wo es riecht, gelegentlich auch stinkt!"

Sigmar Gabriel, SPD

Größter Merkel-Fan in der SPD

Als Parteichef führte Sigmar Gabriel die SPD 2013 in die Große Koalition mit der Union. Auch damals wollte das kaum einer in der SPD, aber der Parteichef nahm den Genossen die Angst vor Angela Merkel. Die Sozialdemokraten hatten Sorge, sie würden nach der großen Niederlage 2009 wieder untergehen als Juniorpartner der Union:

"Es ist nicht so, dass Angela Merkel die Schwarze Witwe im Netz ist. Und dann wartet, bis die SPD kommt und dann frisst sie sie auf."

Sigmar Gabriel

Er selbst bezeichnete sich einst als Vorsitzender im Angela-Merkel-Fanclub der SPD. Darüber konnten nie alle Genossen lachen. Er dagegen schrieb den Genossen stets ins Stammbuch, die SPD könne ihre Fehler nur selber machen. Und dennoch: Die SPD machte in der Zeit von 2013 bis 2017 kaum Fehler, aber der Wähler sah es wieder anders.

Mit Martin Schulz stieg Gabriel auf, und am Ende auch ab

Früh zeichnete sich 2017 in den Umfragen ab, dass Sigmar Gabriel die Bundestagswahlen wohl kaum gegen Angela Merkel gewinnen könnte. Also bot Gabriel dem Europapolitiker Martin Schulz den Parteivorsitz an, wurde selbst Außenminister. Er versuchte, sich zurückzuhalten. Er versuchte, Martin Schulz im Wahlkampf nicht dazwischen zu funken. Aber es klappte nicht immer. Mehrmals gab es Ärger im Willy-Brandt-Haus wegen Gabriels Vorpreschen zu den verschiedensten Themen. Nach außen hin ließ sich der Zwist immer wieder kitten. Bis zum Ende der Koalitionsverhandlungen mit der Union. Als Gabriel aus der Presse erfuhr, dass Martin Schulz doch Außenminister werden will, kam der alte Raufbold noch mal durch. "Der Mann mit den Haaren im Gesicht" ließ Gabriel seine Tochter Marie sagen. Das haben ihm viele Genossen nicht verziehen. Gabriels Entschuldigung verhallte im Willy-Brandt-Haus.

Die SPD-Spitze hat auf den richtigen Zeitpunkt gewartet

Sigmar Gabriel hat in der neuen SPD-Parteiführung nicht mehr viele Freunde. Vielleicht auch gar keine mehr. Es scheint, als hätten sie im Willy-Brandt-Haus nur darauf gewartet, den Mann mit dem riesigen Talent, aber eben auch mit der großen Schnauze endlich los zu werden. Die künftige SPD-Chefin Andrea Nahles dürfte eine davon sein. Sie hat als Generalsekretärin unter Gabriel eigentlich ständig gelitten und das irgendwie ausgehalten:

"Hase sag‘ ich immer noch nicht zu ihr." (Sigmar Gabriel über Andrea Nahles)

Künftig nur noch Ehemann und Vater?

Sigmar Gabriel ist spät noch mal Vater geworden. Er lebt mit seiner Frau und ihren gemeinsamen Töchtern in Goslar. Seine Frau Anke konnte die Wichtigkeit, die den Politikern in Berlin wiederfährt, nie recht verstehen und verabschiedete ihren Mann mitunter mit den Worten:

"Na, gehst Du wieder mit den Großen spielen?"

Anke Gabriel, Ehefrau

Er könnte jetzt also einfach nur Vater und Ehemann sein. Aber andrerseits: Gabriel war schon einmal so gut wie politisch tot. Er durfte sich als Popbeauftragter der SPD Hohn und Spott anhören. Da war er gerade mal Anfang 40. Jetzt ist er 58. Für das Ende einer politischen Laufbahn eigentlich noch zu jung.


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