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Vertreibung aus dem Chagos-Archipel Shenaz Patel: "Die Stille von Chagos"

Ein Roman über die Vertreibung der Chagossianer, die ihren Archipel zugunsten eines Militärstützpunktes im Indischen Ozean verlassen mussten und nicht zurückkehren dürfen.

Von: Heinz Gorr

Stand: 08.05.2018

Die Stille von Chagos von Shenaz Patel | Bild: Weidle Verlag/Montage: BR

"'Es wird für Sie kein Schiff zurück geben.' Er lässt diesen Satz fallen, während er mit einem heftigen Schlag die Metallringe des aufgeschlagenen Ordners auf seinem Tisch zuschnappen lässt."

Auszug aus dem Buch

Szenen wie diese haben sich in den letzten hundert Jahren, im Zeitalter globaler Kriege und weltweiter Flüchtlingsbewegungen vermutlich millionenfach abgespielt. Und doch steht der oder die Betroffene einer solchen als endgültig verkündeten Zäsur immer neu und erstmalig am Abgrund.

Heimkehr bis heute verwehrt

In Shenaz Patels Roman ist es Charlesia, die ihren Mann für eine medizinische Behandlung von Diego Garcia im Chagos-Archipel nach Mauritius begleitet hat. Sehnsüchtig begibt sie sich täglich an den äußersten Rand der Hafenmauer, um den Blick auf ein Schiff zu erhaschen, das sie in die Heimat zurückbringen soll. Doch ihr ergeht es wie den anderen Protagonisten, allen voran Raymonde und ihr Sohn Désiré: Als Mauritius 1968 unabhängig von der britischen Kolonialmacht wird, behält die als Brosamen des längst pulverisierten Empires den Chagos-Archipel zurück, um ihn als strategischen Stützpunkt an die USA zu verpachten. Zum Vorteil der "freien Welt", wie es hieß, zum Nachteil der Chagossianer, denen eine Heimkehr bis heute verwehrt bleibt. Patels Figuren gehen auf reale Personen zurück, wie sie im Interview berichtet:

"Das Schicksal der Chagossianer begegnete mir erstmals auf einem Schwarz-Weiß-Foto in der Zeitung: Da waren Frauen, barfuß und mit bloßen Händen kämpften sie mit Polizisten und Soldaten, die mit Stiefeln und Helmen ausgestattet waren und Schlagstöcke hatten. Ich fragte mich, wer sie waren und worum es ihnen ging. Als ich später Journalistin wurde, drehte sich einer meiner ersten Artikel um die Frauen aus Chagos, ich suchte sie und bat sie, mir ihre Geschichte zu erzählen. So traf ich Charlesia."

Shenaz Patel

Abschied auf ewig

Anfang der 70er-Jahre setzte sich das Drama fort: Die Briten deportierten alle auf Chagos verbliebenen Menschen, eine halbe Stunde wurde ihnen eingeräumt, um ein paar Habseligkeiten zusammenzupacken - für einen Abschied auf ewig. Ohne Vorwarnung ordnete man sie kurzerhand den "Verdammten dieser Erde" zu, deren Los Frantz Fanon ein Jahrzehnt zuvor thematisiert hatte.

Bewegende, manchmal poetische Bilder

Die Gewalt solcher Prozesse erschließt sich aus der Erzählung von Shenaz Patel nur indirekt, aber umso eindringlicher. Nämlich anhand der nachhaltig traumatisierten Männer, Frauen und Kinder. Mimose beispielsweise, Charlesias Tochter, einst die lebhafteste von allen, ist im mauritischen Exil "mit einemmal verloschen, wie die Petroleumlampe, deren Flamme durch ein kurzes Drehen der Dochtschraube erstickt." Die Autorin findet bewegende, manchmal poetische Bilder für die Situation der Zwangsexpatriierten; dabei bezieht sie kurze Dialoge und Lieder des Kreolischen mit ein. Auch die Geschichte der Schiffsgeburt ist real, sagt Patel.

"Er war zunächst eine Art Phantom, denn man hörte zwar immer wieder von dem Kind, das auf dem Schiff geboren wurde, doch niemand wusste, wer das war. Nach einer längeren Recherche fand ich Désiré und seine Mutter Raymonde. Sie war im siebten Monat schwanger, als man sie damals zwang, das Schiff zu besteigen, das die Chagossianer von ihren Inseln deportierte. Dort - auf dem offenen Meer - kam dieser Junge namens Désiré zur Welt."

Shenaz Patel

Blendend erzähltes Stück

Der kleine, aber sehr feine Bonner Weidle Verlag hat damit wieder großes Gespür für ein blendend erzähltes Stück Zeitgeschichte bewiesen. Er ist so - wie die auf Mauritius gebürtige Shenaz Patel - ein Sprachrohr im Kampf Tausender Chagossianer um internationale Aufmerksamkeit bei dem Versuch, in ihren Lebensraum zurückkehren zu dürfen. Nicht nur als temporäre Besucher. Insofern wünscht man diesem Roman viele Leserinnen und Leser, die mit diesem literarischen Sujet und dem einfühlsamen sprachlichen Können der Autorin auch ohne expliziten Weltverbesserungsanspruch auf ihre Kosten kommen.

"Der Titel Die Stille von Chagos ist mir sehr wichtig, denn man hat offensichtlich versucht, den Mantel des Schweigens über diese Episode auszubreiten. Man wollte über die Menschen, über ihr Leben verfügen, ohne dass sie sich Gehör verschaffen können. Und tatsächlich weiß bis heute praktisch niemand von dieser Geschichte, weder in den USA noch in Großbritannien oder in anderen Teilen der Welt. Ich glaube, das kommt von der Tendenz der Großmächte, sich quer durch die Historie das Recht hinzubiegen, das Recht, über Menschenleben zu bestimmen, und dann solche Episoden völlig totzuschweigen."

Shenaz Patel

Weidle Verlag, Bonn 2017, aus dem Französischen von Eva Scharenberg, 160 Seiten, 18 €


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