Bayern 2 - Zum Sonntag


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Zum Sonntag Alles hängt mit allem zusammen

Ob Corona wohl bald vorbei ist? Die Frage schleicht sich immer wieder ein, obwohl wir wissen, dass sie derzeit keinen Sinn macht. Aber sie macht deutlich, wie viele Menschen eine große Sehnsucht danach haben, dass sich die Lage beruhigt und wir zu einer neuen Normalität finden können.

Von: Reinhard Marx

Stand: 01.08.2020

Kardinal Reinhard Marx | Bild: BR

Die Corona-Pandemie ist kein kurzer Sprint mehr, sondern eher wie ein Dauerlauf, bei dem wir unsere Kräfte gut einteilen müssen. Besonders viele hoffen darauf, dass endlich ein Medikament zur Behandlung oder sogar ein Impfstoff gefunden wird, der wirksam vor Ansteckung schützen kann. Es scheint, dass der weltweite Bedarf an einem solchen Impfstoff keinesfalls nur von einem einzigen Pharmaunternehmen gedeckt werden kann. Darum ist es gut, dass viele verschiedene Unternehmen und Forschungseinrichtungen sich auf die Entwicklung von Medikamenten und Impfstoffen konzentrieren.

Wettbewerb entsteht

Dass dabei auch Wettbewerb entsteht, ist unter ökonomischen Gesichtspunkten nachvollziehbar. Denn es geht eben auch um wirtschaftliche Investitionen, die auf dem stark umkämpften Markt der Pharmaindustrie um Profite und gute Marktanteile konkurrieren. Wettbewerb gehört zum Wirtschaften und ist an sich nichts Schlechtes; davon profitieren wir auch als Konsumenten. Allerdings müssen die Interessen des Marktes mit anderen gesellschaftlichen und politischen Interessen in ein Gleichgewicht gebracht werden können.

Das ist gerade bei der Pandemie-Bekämpfung von größter Bedeutung, da in der Forschung und Entwicklung von Medikamenten und Impfstoffen auch staatliche Gelder stecken. Es ist eine kostenintensive Forschung und Industrie, die zwar nur von einigen betrieben wird, aber allen Menschen gleichermaßen zu Gute kommen soll. Deshalb müssen grundsätzlich hohe wissenschaftliche und ethische Standards berücksichtigt werden.

Alles hängt zusammen

Die Corona-Pandemie hat uns ganz deutlich gemacht, dass Globalisierung bis in kleinste Details hinein bedeutet: Alles hängt mit allem zusammen. Vielleicht haben wir weltweit noch nie so sehr verstanden, was es heißt, eine Menschheitsfamilie zu sein. Corona betrifft alle Kontinente und gefährdet am stärksten diejenigen, die unter Krankheit und Gebrechlichkeit leiden, die unter Bedingungen von Armut und Not leben. Deshalb befremdet es uns auch so sehr, wenn einzelne Staaten möglichst zuerst für sich selbst Corona-Medikamente oder Impfstoffe sichern wollen. Denn das widerspricht den ethischen Kriterien eines Weltgemeinwohls und globaler Gerechtigkeit.

Ich appelliere deshalb dringlich an die Pharmaindustrie, an Forschungsinstitute und an die politisch Verantwortlichen, dieser Verlockung zum kurzfristigen Gewinn nicht nachzugeben, sondern langfristig das Wohl der gesamten Menschheitsfamilie im Blick zu haben und die eigenen Entscheidungen daran auszurichten. Denn es geht um eine "Globalisierung der Solidarität", zu der auch Papst Franziskus ermutigt.

Mich bestärken die Erfahrungen der letzten Monate in der Hoffnung, dass die Menschen begriffen haben, dass alles mit allem zusammenhängt und das Überleben der gesamten Menschheitsfamilie davon abhängt, dass wir wirklich solidarisch miteinander sind.


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