Bayern 2 - Zum Sonntag


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Zum Sonntag Sehnsucht nach Bindung, Zuverlässigkeit und Beständigkeit

Familie und soziale Beziehungen sind für junge Menschen zwischen zwölf und fünfundzwanzig Jahren die mit Abstand wichtigste Wertorientierung. Das hat eine aktuelle Jugendstudie ergeben. So manche Eltern und Jugendliche reiben sich vielleicht verwundert die Augen, da es im Alltag sicher nicht immer ganz einfach läuft und gerade Familie und Beziehungen manchmal schwer auf dem Prüfstand stehen.

Von: Reinhard Kardinal Marx

Stand: 07.12.2019 17:55 Uhr

Kardinal Reinhard Marx | Bild: BR

Doch gerade in einer Zeit, die vielen Menschen so unruhig vorkommt und die auch Ängste auslösen kann, spricht die hohe Bedeutung von Familie und sozialen Beziehungen doch dafür, dass es eine starke Sehnsucht nach Bindung, nach Zuverlässigkeit und Beständigkeit gibt. Darin erkenne ich auch eine große Sehnsucht und Begabung des Menschen, anderen und sich selbst in freier Entscheidung vertrauen zu können, letztlich die Fähigkeit zur Liebe.

Vertrauen, Liebe ist ohne Zweifel ein zentraler Wert des christlichen Glaubens, dem wir gerade auch in der Bibel begegnen. Die Bibel erzählt davon, dass Gott das Vertrauen in die Menschen nicht aufgibt: weder nach dem Sündenfall im Paradies, noch als sie das Goldene Kalb anbeten oder beim Turmbau zu Babel. Ebenso erzählt die Bibel davon, dass auch die Menschen das Vertrauen nicht aufgeben. Trotz aller Zweifel beginnen sie immer wieder neu, Gott und einander zu vertrauen: beim Auszug aus Ägypten, nach der Zerstörung des Tempels oder in den Begegnung der Kranken und Sünder mit Jesus von Nazareth. Vertrauen macht stark, setzt Kräfte frei.

Wenn die Kirche am 8. Dezember das „Hochfest der ohne Erbsünde empfangenen Jungfrau und Gottesmutter Maria“ feiert, dann klingt das für viele erst einmal befremdlich. Doch im Grunde geht es auch bei diesem Fest um das Vertrauen, um die Treue Gottes. Wir hören aus dem Evangelium, dass Gott durch den Engel Gabriel eine junge Frau aus Nazareth beruft, den Sohn Gottes zur Welt zu bringen. Diese Maria ist ein Mensch wie wir. Und weil es so unglaublich schwer ist, zu verstehen, wie denn Gott und Mensch so unmittelbar zusammen wirken können, wie also eine menschliche Frau einen göttlichen Sohn zur Welt bringen soll, schlägt das Hochfest hierfür theologisch eine Brücke:

Denn wenn Maria Christus zur Welt bringt, dann muss sie selbst frei sein von aller Sünde. Sie wird erwählt, der Raum der neuen Schöpfung, des neuen Paradieses zu sein, in dem der neue Mensch Christus sichtbar werden kann. Wie? Im Vertrauen auf die grenzenlosen Möglichkeiten Gottes. Gott handelt hier radikal, indem er mitten in der Welt eine neue Wirklichkeit schafft.

Um das glauben zu können, brauchen wir dann tatsächlich das Vertrauen, dass Gott es gut mit uns meint und alles neu machen kann. Ein solches Vertrauen und ein solcher Glaube lassen auch unsere alltägliche Lebenswelt im neuen Licht erscheinen. Nie ist alles verloren, bei Gott ist alles möglich.


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