Bayern 2 - Zum Sonntag


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Sophie Scholls 100. Geburtstag Das Gemeinsame suchen

Wenn wir wollen, dass Europa weiterhin ein Kontinent ist, der seinen Grenzen das Trennende nimmt, müssen wir stets das Verbindende zu suchen, meint Kardinal Reinhard Marx.

Von: Reinhard Marx

Stand: 08.05.2021

"Und wenn ihr euch entschieden habt, dann handelt." Diesen Satz hat Christoph Probst, Mitglied der Weißen Rose, für ein Flugblatt der Widerstandsgruppe geschrieben, das Hans Scholl bei seiner Verhaftung bei sich trug. Im Grunde eine ganz einfache, klare Aussage: Handeln setzt Entscheidung voraus. Im Aufruf der Weißen Rose ging es um nichts weniger als die Entscheidung zwischen dem drohenden Untergang durch die Nationalsozialisten und der Hoffnung auf eine neue Zukunft.

Dankbar sein für Jahrzehnte des Friedens

Auch heute - 76 Jahre nach Kriegsende - und im Gedenken an den 100. Geburtstag von Sophie Scholl, haben wir sehr gute Gründe, an diese Zeit zu erinnern und dankbar zu sein für den Einsatz der Menschen, die der Übermacht von Gewalt, Unrecht und Krieg widerstanden haben. Es bedeutet auch, dankbar auf über sieben Jahrzehnte zu blicken, in denen wir in unserem Land in Frieden und Freiheit leben dürfen.

Ferdinand von Schirach schreibt dazu in einem kleinen Beitrag: "Nie zuvor konnten wir unsere Lebensentwürfe so selbstbestimmt verwirklichen, nie zuvor war unser Leben in einem solchen Umfang in Würde, Freiheit und Gleichheit möglich. Die Utopien der großen Erklärungen der Menschheit wurden weitgehend wahr."

Die Verheißung von Gleichheit hat sich nicht für alle bewahrheitet

Dem kann ich zustimmen, will aber einen Akzent betonen: Die Utopien wurden zwar für viele wahr, das heißt aber eben auch: Die Verheißungen von Freiheit, Gleichheit und Würde haben sich bis heute noch nicht für alle Menschen gleichermaßen erfüllt; auch nicht in Europa und erst recht nicht weltweit. Und genau deshalb ist es ein steter Auftrag, dass wir uns in unserem Denken, im Reden und im Handeln entschieden zeigen und für die Werte eintreten, die Garant von Frieden und Demokratie sind.

 Die unbedingte Anerkennung der Würde des Menschen

Aus christlicher Überzeugung gibt es einen entscheidenden Punkt, der auch Ausgangspunkt der Menschenrechte ist: Es ist die unbedingte Anerkennung der Würde des Menschen, aller Menschen. Das kann nicht oft genug gesagt werden. Denn daraus leitet sich auch ein Handeln in Politik und Gesellschaft ab, das von Freiheit und Verantwortung gleichermaßen bestimmt ist. Die Anerkennung der Würde des Menschen verpflichtet dazu, jeder menschenverachtenden Rede, jeder populistischen Ideologie, Antisemitismus, Extremismus, Rassismus und falsch verstandenem Nationalismus entschieden entgegen zu treten. Anlässe dafür gibt es leider viel zu viele, auch in unseren Tagen.

In Europa das Gemeinsame suchen 

Wenn wir wollen, dass Europa weiterhin ein Kontinent ist, "der seinen Grenzen das Trennende nimmt", wie Richard von Weizsäcker gesagt hat, dann sind damit nicht nur die Grenzen zwischen Nationalstaaten gemeint. Es geht auch darum, nicht das in den Vordergrund zu stellen, was uns voneinander unterscheidet und vielleicht sogar trennt, sondern stets das Verbindende zu suchen und das Gemeinsame des Menschlichen zu stärken. Diese Haltung braucht immer wieder neu eine bewusste Entscheidung, damit wir ohne Angst und mit großer Hoffnung diese Welt gestalten können.


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