Bayern 2 - Zum Sonntag


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Zum Sonntag Zahlen sind nicht alles

65.000 Euro im Jahr reichen aus, einen Menschen glücklich zu machen. Das behaupten jedenfalls verschiedene Universitäten, die jüngst in umfangreichen Studien der Frage nachgingen, ob Geld denn das Versprechen einlösen könne, glücklich zu machen.

Von: Norbert Roth

Stand: 24.07.2020

Norbert Roth | Bild: privat

Freilich, dabei winkt der ein oder die andere schnell ab und schüttelt kurz den Kopf ob der Unschicklichkeit so einer Frage. Nach dem Motto: Geld macht nicht glücklich. Natürlich nicht! Aber irgendwas muss ja dran sein, am Geld, wenn die menschliche Neigung, es besitzen zu wollen, nachweißbar ungebrochen hoch ist. Dabei muss man sich aber auch klar machen, dass ein beträchtlicher Teil der Bevölkerung von so einem Einkommen nur träumen kann. Denn wir sprechen hier von fast Fünfeinhalb Tausend Euro im Monat.

Geld hat eine Glücks-Obergrenze

Allerdings: Das ist die Obergrenze. Die Forscher haben nachweisen können, dass das Glück ab einem Gehalt von mehr als 65.000 Euro nicht mehr wächst. Sobald das Einkommen diese Grenze übersteigt, kommen Faktoren ins Spiel, die das Glück untergraben können. Was macht also glücklich, wenn es das Geld nicht ist?

Diese Frage nach dem Glück hat sich wohl in neuer Brisanz während der letzten Wochen gestellt. Glück gehabt haben die, die zwar mit COVID-19 infiziert aber nicht ernsthaft erkrankt waren. Glück hatten die, die ein festes Einkommen hatten. Ja Glück war es schon, einfach nur mal die Freunde zu treffen. Zu hören, dass alle Lieben gesund sind. Oder dass jemand aus dem Freundeskreis wieder genesen ist. Das Glück – am Leben zu sein. Das Glück, Glück überhaupt zu erleben. Und je mehr man die Glückmomente aneinanderreiht und sie still etwas genauer anschaut, wird man merken, dass Glück nicht ohne Grund mit Geld nichts zu tun hat.

Glück passt nicht in die Erfolgs-Logik

Glück funktioniert nicht. Es ist nie verdient. Es ist nicht machbar. Es ist wie eine Frucht, die gedeiht. Man kann sie gießen, hegen und pflegen – aber wachsen tut sie ohne jedes Zutun. Vielleicht lehrt die Corona Krise ja dies: Glück ist so anders als unsere Zeit, die an Erfolg und Erfolgreich-Sein alle Maßstäbe anlegt. Leider zeigt sich, dass auch der Umgang mit der zu erduldenden Verletzlichkeit unserer Welt, im Ausschleichen der Krise erneut in den Kategorien Erfolg und Erfolgreich-Sein gespannt wird. Gerade die letzten Wochen, als man wieder Oberwasser bekam und das Virus bezwungen scheint. Denn der Wettlauf um einen wirksamen Impfstoff oder das Überbieten im politisch richtigen Umgang mit den Zuständen im Land läuft nach den alten Mustern ab.

Zwischen Erfolgreich-Sein und Fruchtbar-Sein besteht ein großer Unterschied. Erfolg kommt von Stärke, von Macht und von Ansehen. Ein erfolgreicher Mensch besitzt die Energie und das Ego, etwas zu schaffen, seine Entwicklung zu beeinflussen und es in großen Mengen verfügbar zu machen. Erfolg bringt Preise, Auszeichnungen, Publicity und Geld.

Was ist Glück?

Früchte hingegen erwachsen der Schwachheit und Verwundbarkeit. Die Frucht etwa, für andere da zu sein, ohne danach zu fragen, was es mich kosten könnte ist eine Frucht, die mit Erfolg nichts zu tun hat. Mit Geld auch nicht. Denn keiner, der einen Pflegeberuf ergriffen hat, tat dies im Blick auf die Lohnaussichten. Damit habe ich nichts über die notwendigen Reformen in der Bezahlung von Pflegekräften gesagt. Es zeigt nur etwas, was unserer Gesellschaft verloren gegangen scheint. Früchte, die in den letzten Wochen und Monaten gewachsen sind, sind einzigartige Früchte.

Dabei sind wir Menschen von Gott doch eigentlich ganz anders gedacht. Allein schon wie wir zur Welt kommen und sie wieder verlassen. Ein Kind ist die in völliger Nacktheit, in Verwundbarkeit empfangene Frucht. Echte Gemeinschaft ist die, aus geteilter, sich selbst zugestandener und gemeinsamer Gebrochenheit erwachsene Frucht. Und echte Nähe ist die Frucht, die im gegenseitigen Verstehen der eigenen Verletzlichkeit und Wunden reift. Und das ist Glück. Unaussprechliches Glück.


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