Bayern 2 - Zum Sonntag


1

Zum Sonntag "Was glaub ich und was bleibt zu tun?"

Um die Welt zu gestalten, sie zu erhalten und dem Leben einen Sinn zu geben haben sich, glaube ich, zwei große Fragen und die jeweiligen Antworten darauf heraus kristallisiert: “Was müssen wir tun?” und “Was können wir glauben?”

Von: Norbert Roth

Stand: 11.01.2020 17:55 Uhr

Norbert Roth | Bild: privat

Auch der säkulare Mensch, der sich selbst als religiös unmusikalisch versteht, spielt mit diesen beiden Fragen: “was glaub ich eigentlich?” und “was bleibt zu tun?” Dabei ist die Reihenfolge, wie man diese beiden Fragen stellt, nicht ganz unerheblich.

Die Jahreslosung 2020 spielt mit beiden Fragen  und enthält dabei eine zweideutige Bitte. Das Bibelwort für das Neue Jahr ist einer neutestamentlichen Geschichte entnommen, die von einer Begegnung zwischen Jesus und einem Offizier erzählt.

Der Plot ist schnell geschildert. Ein römischer Offizier hat ein krankes Kind zuhause. Die Ärzte sind mit ihrem Latein am Ende, der Offizier mit seiner Kraft auch. Er ist kein Jude – er ist Römer, also kein Gläubiger und ist Teil der Besatzungsmacht in Israel. In seiner Not wendet er sich an den Wanderprediger Jesus, von dem er offensichtlich schon gehört hat. Der Soldat bittet Jesus seinen Jungen gesund zu machen, mit der verzweifelt klingenden Bitte: „Herr, ich glaub, dass du das kannst, aber hilf meinem Unglauben!”

Und ich frag mich, wenn ich das höre: Was ist denn bitte Unglaube? “Herr, ich glaube, hilf meinem Unglauben!” Meint der Soldat den Zweifel, den wir alle kennen? Oder meint er den sich absichernden Glauben, so dass man sich lieber auf sich selbst, auf das eigene Tun und die eigenen Fähigkeiten verlässt als auf den lieben Gott? Aber wenn er das meint, warum sagt er das dann nicht? „Hilf mir in meinem Zweifel“ oder so ähnlich – das hätte ich leichter verstanden und würde es hören wie: „Hilf mir gegen meinen Zweifel“. “Hilf mir zu glauben, dass mein Kind gesund wird. Hilf mir gegen meinen Unglauben!” Aber er bittet: „Hilf meinem Unglauben!“ Und ich fang an zu vermuten, dass diese ganz besondere Begegnung auf etwas hinweisen will, wo Christen auch einmal ungläubig sein sollen. Denn offenbar gibt es etwas, das – wenn man anfängt es zu glauben – einen krank macht. Es gibt also so etwas wie einen Unglaubensgegenstand.

Ja, richtig – auch wenn es ketzerisch klingt – „Unglaube“ ist gute Christentradition. In der Alten Kirche (und eigentlich auch heute noch) wurde vor der Taufe nicht nur der Glaube an Gott bekannt, sondern es wurde auch der Finsternis abgeschworen und möglichen falschen Göttern die Treue aufkündigt. In jedem Glaubensbekenntnis steckt ein Heilmittel, weil es auch ein Unglaubensbekenntnis ist. Nämlich: Das-und-das-soll-keine-Macht-mehr-über-mich-haben. Das und das will ich nicht mehr glauben. Da mach ich nicht mehr mit. „Hilf meinem Unglauben!“ ruft der Soldat Jesus zu. „Hilf mir, dass ich nicht mehr nur an das glaube, was ich sehe, an das, was mein Kind krank macht. Hilf mir, Gott, nicht mehr zu glauben, dies alles sei ein unabwendbares Schicksal für Zeit und Ewigkeit. Hilf mir, nicht zu glauben, dass die Zahlen und Fakten und Prognosen allein unsere Zukunft bestimmen ...

Es kann sehr heilsam sein, sich dem mal zu stellen und zu fragen: Was zerrt eigentlich an mir? Was sagen eigentlich die Stimmen im Kopf und ich glaub ihnen bereitwillig? Was hat Macht über mich und ist eigentlich doch gar nicht wahr? Was bindet Kräfte und macht die Zukunft nur finster, das Leben mühsam, die Lebensfreude kaputt? Was macht den Glauben an Gott taub und tot? Der Himmel erlaubt so ein Unglaubensbekenntnis. Dass man sagen kann: Ich glaub ́s nicht mehr. Sondern ich glaub trotzig auch das, was über meine Vernunft und meine Welterwartung geht.

Denn Glaube ist die erstaunliche Kraft, sich dem Leben gegenüber, zu Leuten, zu Dingen und  Situationen gestaltend zu verhalten. Sogar dann, wenn die Bitte nicht erhört wird und man um die eigene Gesundheit weiter ringen muss oder die des eigenen Kindes. Dann ist Glaube die kleine Kerzenflamme im dunklen Felsenkeller. Ist das Licht mitten in der Nacht. Ich sehe eine Situation – und plötzlich halte ich es für möglich, dass ich ihr nicht hilflos ausgeliefert bin, sondern dass ich sie auf mich und mich auf sie beziehen kann. Das ist Glaube: Ich stelle mich der Tatsache, dass ich bin, wie ich bin aber über mich und über die Welt das letzte Wort noch nicht gesprochen ist, weil Gott auch noch ein Wörtchen mitzureden hat.

Was können wir glauben – was müssen wir tun? Wer vom Handeln her kommt, dem kann es passieren, dass er verzweifelt und über den eigenen Möglichkeiten frustriert wird und aufgibt. Wer aber vom Glauben her kommt und das Handeln vom Ziel her gestaltet, wird den vermeintlich allmächtigen Umständen weniger glauben, als den Möglichkeiten Gottes.


1