Bayern 2 - Zum Sonntag


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Zum Sonntag Das Recht der Stärkeren

Seit 2015 erzählt die Netflix-Serie "Narcos" wie Pablo Escobar vom kleinen Schwarzmarkthändler zum Drogenbaron und einem der mächtigsten Männer Südamerikas wurde. Die Schüler von Norbert Roth bewundern den fiesen Serienheld - und er versteht auch warum.

Von: Norbert Roth

Stand: 20.07.2018

Pfarrer Norbert Roth | Bild: BR/Matthias Morgenrtoh

Mafia Boss Pablo Escobar: skrupellos und grausam

Am 2. Dezember 1993 spürte eine Sondereinheit der kolumbianischen Regierung den Mafia Boss Pablo Escobar auf, nachdem er aus seinem Landsitz La Cathedral ausgebrochen war. Es war gelungen, sein Versteck in Medellín auszumachen und auf der Flucht wurde er schließlich erschossen. Escobar hatte es zu unglaublichem Reichtum gebracht und wurde 1989 vom Forbes Magazin als siebtreichster Mann der Welt gelistet. Meine Schüler im Ethikunterricht bewundern ihn. Seit 2015 erzählt die erfolgreiche Netflix-Serie "Narcos" wie Pablo Escobar vom einfachen, kleinen Schwarzmarkthändler in den Straßen Medellíns zum unangefochtenen Drogenbaron und einem der mächtigsten Männer Südamerikas wurde. 

Escobars Persönlichkeit zeichnete sich durch gnadenlose Grausamkeit und Skrupellosigkeit aus, die ihn schnell an die Spitze der gesamten Drogenmafia brachte. Doch Escobar war auch sozial engagiert: Er baute und finanzierte Krankenhäuser, Sozialwohnungen und Schulen und genoss unter dem ärmsten Teil der Bevölkerung seiner Heimatstadt beachtliches Ansehen. 

Schüler bewundern Netflix-Version des Tyrannen

Meine Schüler bewundern ihn. Jedenfalls die Netflix-Version des Tyrannen. Das erfahre ich durch Referate im Ethikunterricht. Die jungen Männer machen eine Ausbildung als Handwerker. Sie leben in der ersten, zweiten, dritten Generation als Migranten hier in Bayern. Sie alle haben das Herz am rechten Fleck, gehen ihrer Arbeit nach und träumen von einer Zukunft mit Familie und finanzieller Sicherheit. Wir kommen ins Gespräch. Wir streiten. Ich frage nach und beginne zu verstehen.

Es ist für sie nicht problematisch, dass hier nicht das Recht gilt, sondern das Recht des Stärkeren. Es scheint kein Problem für sie zu sein, dass der Preis für Escobars soziales Engagement mit viel Blut bezahlt wurde. Weil die Jungen spüren, dass sie in der Welt des Pablo Escobar wenigstens gefühlt eine Chance hätten. Eine Chance, die sie im demokratischen Rechtsstaat für sich selbst nicht sehen. Sie bewundern Escobar, weil er für sie etwas Gerechtes vermittelt – gegenüber den staatlichen und polizeilichen Autoritäten. Was haben wir im Bildungs-, im Medien- und Politikbetrieb versäumt, jungen Männern und Frauen die Schönheit, den Wert und die Chance der Demokratie und des Rechtsstaates zu vermitteln? Dort, wo sie sich informieren, Facebook, Youtube, Twitter & Co. – dort sind diese Werte nicht direkt zu finden. Und dass allein die Informations- und Meinungsfreiheit, dass der Zugang zu solchen Medien schon ein Ergebnis der Demokratie ist, erschließt sich für meine Schüler nicht. Sie bewundern die Escobars.

Junge Menschen fragen, wie sich Autorität begründet und legitimiert. Sie fühlen sich am demokratischen Prozess nicht beteiligt und finden keine glaubwürdigen Vorbilder. Für sie sind die intellektualisierten und bürokratischen Vorgänge des Rechtsstaates von gleicher Qualität wie die Mechanismen eines Escobar-Regimes. Mit dem Unterschied, dass sie überzeugt sind, der Drogenbaron sei für die kleinen Leute da gewesen. Unser politisches System sei das nicht. Es sei eine Elite, der sie selbst nie angehören werden, sagen sie. Die gegenwärtigen Debatten um die politische Kultur in unserem Land machen die Sache fast noch schlimmer, weil sie zeigen, dass diese Eliten nur mit sich selbst beschäftigt sind, anstatt gesellschaftliche Probleme gemeinsam anzupacken. Rechts und Links werfen in diesem politischen Tauziehen mit Versprechungen oder Schuldzuweisungen nur so um sich. Dass die jungen Wähler sich dem entziehen, wundert mich nicht.

Natürlich! Es braucht den Streit. Es braucht die Willens- und Meinungsbildung. Es braucht demokratische Prozesse. Aber es braucht diese auf allen Ebenen der Gesellschaft. Meine Schüler haben den Eindruck, dass sie nur Gegenstand der Debatte aber nicht Akteure derselben sind. Sie fühlen sich nicht gehört, vielmehr benutzt von der einen wie von der anderen Seite und letztlich doch im Stich gelassen, weil ihre Möglichkeiten nicht ausreichen, neben Ausbildung, Nebenjob und Netflix-Abend teil zu haben an dem, was in Talk Shows und auf ledernen Wohnlandschaften wohlfeil diskutiert wird.


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