Bayern 2 - Zum Sonntag


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Zum Sonntag: "Bei euch soll es nicht so sein“

Es rumort wieder mal im deutschen Katholizismus. Diesmal sogar so vernehmlich, dass es ein Echo hat in Zeitungen in China, Australien und Kanada. Viele deutsche Katholiken sind unzufrieden damit, dass die Kirche gleichgeschlechtlichen Paaren den Segen verweigert, dass die Frauen in der Kirche nicht dieselben Rechte haben, dass die Aufarbeitung der Missbrauchsverbrechen an Kindern immer noch schleppend und intransparent verläuft und, dass die Opfer der sexualisierten Gewalt immer aufs Neue düpiert und verletzt werden.

Von: Norbert Reck

Stand: 21.05.2021

Norbert Reck | Bild: Norbert Reck

Wird da irgendwann wieder Ruhe einkehren? Wird die Aufregung sich legen und der kirchliche Alltag wieder in den üblichen Bahnen verlaufen? Damit rechnen wohl manche, aber ich bin mir dieses Mal nicht so sicher. Denn es hat sich einiges verändert: Die Unterwürfigkeit verschwindet langsam aus der Kirche; es werden kaum noch untertänige Bittschriften an die Oberen verfasst; Frauen warten nicht mehr darauf, dass sie auch in katholischen Hauptgottesdiensten predigen dürfen – sie tun es einfach; zahlreiche Pfarrer und sogar ein paar Bischöfe verkündigen offen, dass sie sich an manche Vorgaben der Glaubenskongregation in Rom einfach nicht mehr halten werden, weil sie der christlichen Botschaft widersprechen.

Viele wollen sich nicht mehr für Homophobie rechtfertigen

Viele, die noch übrig geblieben sind in der Trümmerlandschaft der Volkskirche, haben keine Lust mehr, sich für die Frauenfeindlichkeit, Homophobie oder die verschwurbelte Sexualmoral in der Kirche rechtfertigen und schämen zu müssen. Sie haben von der Bibelwissenschaft ganz gut gelernt, dass das alles mit der Botschaft des Jesus von Nazaret nicht wirklich zusammenpasst. Wenn sie schon in der Kirche bleiben, muss die Kirche endlich evangeliumsgemäßer werden, jesuanischer. Vor allem muss die Spaltung in Oben und Unten in der Kirche aufhören. Die ist nämlich alles andere als biblisch. Sie entstand im Mittelalter, als Spiegelung der feudalen Ständeordnung, mit Obrigkeiten, die niemandem Rechenschaft geben mussten, und mit Untertanen, die immer beargwöhnt wurden und sich für alles rechtfertigen mussten.

Die Mächtigen müssen den Gläubigen dienen

So war das ursprünglich nicht gedacht. Jesus schrieb es seinen Jüngerinnen und Jüngern deutlich ins Stammbuch: "Ihr wisst, dass die Herrscher ihre Völker unterdrücken und die Mächtigen ihre Macht über die Menschen missbrauchen. Bei euch soll es nicht so sein, sondern wer bei euch groß sein will, der soll euer Diener sein, und wer bei euch der Erste sein will, soll euer Sklave sein." Bei euch soll es nicht so sein – das wird allmählich verstanden in der Kirche. Einer, dem das längst klar ist und der seit Jahren darüber spricht, ist Papst Franziskus. Er benutzt das Bild von der Pyramide. Die muss endlich, so meint er, auf den Kopf gestellt werden: Es darf schon eine Spitze geben, mit herausragenden Vertretern, aber diese müssen unten sein, sie dürfen nicht Macht über die Gläubigen ausüben, sondern müssen ihnen und dem Evangelium dienen.

Franzikus tritt dafür ein, dass in der Kirche alle mitreden dürfen

Und: Franziskus tritt dafür ein, dass alle Gläubigen in der Kirche mitzureden haben. Er erwähnt ein altes kirchliches Prinzip aus der Zeit vor dem Mittelalter, das besagt: "Was alle angeht, muss von allen besprochen werden." Es ist wenig bekannt, aber das ist eines der Hauptanliegen von Franziskus: die Gleichheit aller Getauften in der Kirche – Schluss mit der Spaltung in Oben und Unten. Mir scheint, wir erleben in diesen Tagen die Anfänge dieses neuen Denkens. "Bei euch soll es nicht so sein", sagte Jesus und meinte den Machtmissbrauch der Mächtigen. Wenn dieser Geist sich durchsetzt, können wir noch Überraschungen erleben. Morgen ist Pfingsten. Ein schönes Pfingstlied geht so: "Sende aus deinen Geist – und das Antlitz der Erde wird neu!"


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