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Kirche in Deutschland Am toten Punkt

Die Kirche sei an einem "toten Punkt", hat Kardinal Reinhard Marx in seinem Rücktrittsgesuch geschrieben. Ein gutes Bild, findet Nina Achminow. Es macht die Krise der Kirche und den Streit der Bischöfe deutlich. Doch interessiert das noch wen?

Von: Nina Achminow

Stand: 11.06.2021

Es war ein Paukenschlag, einen Tag nach Fronleichnam, als Kardinal Marx seinen Brief an den Papst veröffentlichte, in dem er seinen Rücktritt anbot und  von einem "toten Punkt" sprach, an dem die Kirche sich befinde.

Ein toter Punkt. Das ist  ist beim Schachspiel ein Punkt, an dem keiner der Gegner mehr die Möglichkeit hat, den anderen matt zu setzen – egal, wie schlecht der spielt. Beim Sport ist der tote Punkt die Erschöpfung, wenn die Zuckerspeicher leer sind. Und  in der Kinetik ist der tote Punkt erreicht, wenn mehrere widerstrebende Kräfte einen Stillstand bewirken. Das Bild ist gar nicht schlecht gewählt.

"Toter Punkt" - schon 1944

Das Wort vom toten Punkt, an dem die Kirche angelangt ist, ist ein Zitat, es stammt von Alfred Delp. Der spricht davon, dass die Kirchen sich durch die Art ihrer historisch gewordenen Daseinsweise selbst im Wege zu stehen scheinen - trotz aller Richtigkeit und Rechtgläubigkeit. Das schrieb Delp 1944. Es ist erstaunlich, wie aktuell sein Text über "Das Schicksal der Kirchen" anmutet.

Und die Kirche heute? Ist nur das Ende der Volkskirche da, oder generell ein Endpunkt erreicht?  Ist das Rücktrittsgesuch ein Höhepunkt oder ein Tiefpunkt, geht es eigentlich um Streitpunkte, und um welche nun genau? Oder Ist der tote Punkt diesmal vielleicht der Wendepunkt, wie es der Kardinal  "in österlicher Hoffnung"  formuliert?

Was hat das eigentlich mit mir zu tun?

Während ich die vielen Kommentare überfliege, die den Schritt des Kardinals und zugleich die katholische Welt zu erklären versuchen, sei es von außen oder von innen, während ich lese, wie Hintergründe ausgeleuchtet oder konstruiert werden, seien sie kirchenpolitisch, strategisch, juristisch oder karrierebezogen, drängt sich mir immer stärker die Frage auf, was das alles eigentlich für das sprichwörtliche Lieschen Müller bedeutet. Für ganz normale Menschen. Für mich. Für eine einfache Katholikin ohne Amt oder Würden, die ihre Kirche liebt und zugleich doch heftig mit so vielem an dieser Kirche hadert.

Vor vielen Jahren schnappte ich eine Bemerkung auf, von einem Kirchenmann. Wir sprachen über irgend ein damals aktuelles Thema, und er sagte, die Bischofskonferenz habe in der Sache, von der wir sprachen, kein gemeinsames Dokument zusammenbekommen – dazu seien die viel zu zerstritten. Ich weiß noch, dass ich zweimal nachfragte. Ich glaubte, mich verhört zu haben. Gezänk und Machtgerangel in der Kirchenleitung, das konnte ich mir damals nicht vorstellen. Das passte nicht ins Bild. Mein Gott, war ich naiv. Aber diese Zeiten sind vorbei. Nicht nur für mich.

Vieles kam in den vergangenen Jahren an die Oberfläche

Vieles ist an die Oberfläche gekommen in den letzten Jahren. Über die Struktur der Institution, die  Verkrustungen, die sich nicht aufbrechen lassen, auch über Persönlichkeiten. Über Rangeleien, Machtkämpfe, Hickhack und, ganz wichtig: über Rhetorik. Die Retorik von der Demut, die Rhetorik von der Kirche der Sünder, die zu oft dazu gedient hat, von strukturellen Sünden abzulenken, und natürlich die Rhetorik vom Überdauern aller Zeiten.  Vieles davon wird jetzt noch einmal richtig ausgebreitet, und dazu der Kleinkram: wer gegen wen, welches Argument aus welchem Lager, und welche indirekte Botschaft an welche Adresse?

Interessant finde ich, dass mich das nicht mehr interessiert. Und ich glaube, damit stehe ich nicht allein. Es ist nicht wichtig, wer sich durchsetzt, denn es ist für die Menschen schlicht nicht mehr besonders relevant, was die Kirchenleitung sagt. Das ist vielleicht schon länger so, aber jetzt, so scheint mir, fällt es auf.

Vom toten Punkt zum Wendepunkt?

Eine Woche später hat der Papst das Rücktrittsgesuch abgelehnt. Der nächste Paukenschlag. "Die Krise anzunehmen, als einzelner und als Gemeinschaft, das ist der einzige fruchtbringende Weg". Das schreibt der Papst. Sind wir dennoch – oder jetzt erst recht an einem Wendepunkt? Ob es stimmt, dass in der Kirche, so, wie wir sie kannten, kein Stein auf dem anderen bleiben wird? Vielleicht wäre das gar nicht verkehrt. Schon alleine, um es zu ermöglichen, aus diesen Steinen wieder etwas Gutes aufzubauen.


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