Bayern 2 - Zum Sonntag


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Zum Sonntag "Zwischen den Jahren" - unterbrochene Zeit

Zwischen den Jahren - diese Tage habe ich immer als eine besondere Zeit empfunden. Eigentlich sind es ja die Rauhnächte, die zwölf Nächte zwischen Heiligabend und Dreikönig. Zu denen gehört allerlei Brauchtum -und Aberglaube.

Von: Nina Achminow

Stand: 28.12.2019 17:55 Uhr

Nina Achminow | Bild: privat

Die wilde Jagd ist unterwegs, und die Perchten laufen, was man träumt, geht in Erfüllung, und keine Wäsche darf man waschen, weil die bösen Geister aus den Laken Leichentücher machen. Vielleicht steckt der Sinn hinter dem Aberglauben, dass man nicht schwer arbeiten sollte an diesen Tagen, sondern einfach mal zuhause bleiben und innehalten. Heute allerdings meint man mit “zwischen den Jahren” eher die kurze Atempause zwischen Weihnachten und Silvester. die Tage nach dem großen Familiengeschenkefest und vor der rauschenden Mitternachtsparty.

Ich mag diese Zeit “zwischen den Jahren”. Da ist die Zeit unterbrochen. Nüchtern betrachtet ist auch das natürlich einfach: Zeit. Geeignet, um Altes abzuschließen und sich Neues vorzunehmen. Aber benennt man diese Zeit als die Zeit zwischen den Jahren, dann kann es eine Zeit in der Schwebe werden. Irgendwie dazwischen.

Irgendwie dazwischen: So kommt mir manches vor, wenn ich mich umsehe. Meist scheint es allerdings: irgendwie zwischen den Fronten. Sei es im politischen, sei es im gesellschaftlichen Diskurs. Ob es ums Regierungshandeln geht oder um die richtige Ernährung, um Impfung oder um Integration, um den richtigen Glauben oder um die richtige Art, zu glauben: die Fähigkeit, einander mit verschiedenen Standpunkten zu respektieren, gar zu akzeptieren - diese Fähigkeit scheint wenig verbreitet. Um so ausgeprägter oft die Rhetorik, den anderen möglichst elegant unmöglich zu machen. Pointe, Treffer, versenkt im Diskurs gibt es Sieger. Und Besiegte. Ob in der Talkshow, im Internet oder im Gespräch.

Ob das stimmt, dass wir mit den Grautönen, den Zwischentönen, auch den Aporien immer schlechter umgehen können? Und müssen wir so werden? Ist das die unvermeidliche Folge der immer schnelleren Kommunikation, die rasche statt durchdachte Reaktionen provoziert, und Geschrei statt Vernunft? So dass wir nur noch in den Filterblasen Schutz finden?

Ab und an erlebe ich, dass es auch anders gehen kann. Dass die Stimmung umschlagen kann: zum Guten. Von einstimmig überzeugter Empörung in vielstimmig differenzierte Nachdenklichkeit, manchmal, wenn nur ein Einzelner den Impuls gesetzt hat. Nicht, dass er oder sie, es sind sehr häufig Frauen, es besser weiß, sondern, dass man die Dinge mit guten Gründen auch anders sehen könne. Und auf einmal melden sich immer mehr Stimmen zu Wort, die neben der eigenen Meinung die andere als vielleicht nicht überzeugend, aber auch nicht völlig falsch bestehen lassen können. Und damit auch den Menschen hinter der anderen Meinung.

In der christlichen Tradition gehört das ja auch eigentlich zum Markenkern. Die Gottesebenbildlichkeit des Menschen zum Beispiel, die für jeden gilt, auch für den, der meine Meinung nicht teilt. Der Respekt vor dem Gewissen, selbst dann, wenn das Gewissen irrt. Oder auch das Magis der Jesuiten – zur größeren Ehre Gottes. Säkular übersetzt kann das bedeuten, zur möglichst besseren Lösung, aber, realistisch erkannt: damit nicht zur einzig guten. Und ehe man den Standpunkt des anderen ablehnt – auch diese Übung habe ich mal bei den Jesuiten gefunden – versucht man, die Aussage des anderen zu retten. Will sagen: die fremde Haltung wohlwollend zu verstehen. Und die Person dazu.

Vielleicht können wir ja nicht nur diese Tage zwischen den Jahren nutzen für Gedanken zwischen den Fronten. Sie sind nötig. Und sie sind die Zeit wert.


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