Bayern 2 - Zum Sonntag


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Segen für homosexuelle Paare Mehr Segen wagen

Segen ist keine Belohnung für Wohlverhalten, segnen kann man nie genug, meint Michael Schrom. Die katholische Kirche solle deshalb auch homosexuelle Paare segnen.

Von: Michael Schrom

Stand: 24.04.2021

Vor gut einem Jahr war ich zu einem Hochzeitsfest zweier Männer eingeladen. Auf die standesamtliche Trauung folgte ein feierlicher Dank- und Segnungsgottesdienst in einer katholischen Kirche. Die Festgemeinschaft war bunt gemischt.  Frauen und Männer in Dirndl und Tracht saßen neben Paaren in feinem Zwirn mit gegelten Haaren und bunten Krawatten. Der Pfarrer entsprach dem Typ, den man in Bayern einen "gestandenen Landpfarrer" nennt. Kein Kirchenrebell, eher das Gegenteil, aber offenherzig und grad heraus. Gleich zu Beginn greift er die unterschiedliche Erwartungshaltung auf: "Manche werden sich fragen: Geht denn das? Die Segnung einer gleichgeschlechtlichen Freundschaft in einer Eucharistiefeier. Und die anderen denken sich vielleicht: Wie kann man sich nur eine Segenfeier wünschen, wo die katholische Kirche doch so harsch und verletzend mit homosexuellen Menschen umgeht."

Theologie der Freundschaft

Und dann entfaltete er in der Predigt eine Theologie der Freundschaft. Diese sei ein bevorzugter Ort, um die Spuren Gottes im Leben erkennen und deuten zu können. Weil Gott, wie es im ersten Johannesbrief heißt, die Liebe ist, ist er in jeder echten Freundschaft am Werk. Wenn aber Gott am Werk ist – so seine Schlussfolgerung – wer bin dann ich, dass ich Euch den Segen Gottes verweigern könnte?

Der Gottesdienst war das emotionale Kraftzentrum an diesem Tag. Selbst jene, die anfangs skeptisch waren, zeigten sich beeindruckt von Form und Inhalt der Feier.

Vatikan verbietet solche Gottesdienste

Doch solche Gottesdienste soll es künftig nicht mehr geben. In einem Dokument der vatikanischen Glaubenskongregation heißt es, die Kirche könne solche homosexuelle Paare nicht segnen, weil diese Verbindung "nicht auf den Plan des Schöpfers hingeordnet ist". Man reibt sich die Augen und fragt sich, woher eine Glaubensbehörde wissen will, was auf den Plan des Schöpfers hingeordnet ist und was nicht – und warum die Liebe zweier Menschen das nicht sein soll. Man wundert sich auch, dass in der ganzen Begründung weder eine Bibelstelle genannt ist noch irgendein Hinweis auf humanwissenschaftliche Erkenntnisse. Und warum niemand im Vatikan auffällt, dass die Passagen des Weltkatechismus zur Homosexualität in sich widersprüchlich sind? Denn dort heißt es einerseits, dass man sich davor hüten solle, homosexuelle Menschen zu diskriminieren. Dass aber andererseits homosexuelle Akte in sich sündhaft seien. Im Klartext: Die katholische Kirche verlangt von homosexuellen Menschen ein Leben in Keuschheit. Das ist mehr als sie von ihren eigenen Priestern verlangt, denn diese entscheiden sich ja freiwillig dafür.

Weiter Proteststurm

Glücklicherweise hat das Schreiben aus Rom einen Proteststurm ausgelöst, der bis heute anhält. Binnen weniger Tage haben mehr als 2600 Priester? eine Petition unter dem Titel „mehrsegen“ unterzeichnet und angekündigt, dass sie homosexuellen Paaren den Segen nicht verweigern werden, falls sie ihn wünschen. Sie signalisieren somit den Bischöfen, dass es so gravierende Probleme bei der Lehre gibt, dass sie ein "Weiter so" nicht mit ihrem Gewissen vereinbaren können. Einem Unterstützer-Aufruf der Zeitschrift "Publik-Forum" sind bislang fast 9000 Katholikinnen und Katholiken gefolgt. Auch die wissenschaftliche Theologie schweigt nicht. In einer Erklärung protestieren mehr als 200 Theologieprofessorinnen und -professoren im gesamten deutschsprachigen Raum. Von vielen Kirchtürmen wehen Regenbogenflaggen als Zeichen der Solidarität. Und auch Bischöfe senden klare Signale. 

Segnen ist keine Belohnung für Wohlverhalten, sondern die Bitte um Schutz. Segnen bedeutet, jemandem etwas Gutes zuzusprechen, sich den Spuren Gottes im Leben zu versichern und diese zu bestärken. Segnen, so der Innsbrucker Bischof Hermann Glettner, kann man deshalb nie genug.


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