Bayern 2 - Zum Sonntag


9

Missbrauchskandal Glaubwürdigkeit von Würdenträgern

Die Kirche hat durch den Missbrauchskandal viel Glaubwürdigkeit verloren. Kardinal gibt sich selbstkritisch: "Wir haben als Bischöfe und Verantwortliche in der Kirchenleitung nicht immer glaubwürdig und konsequent gehandelt."

Von: Kardinal Reinhard Marx

Stand: 05.10.2018

Kardinal Reinhard Marx bei Pressekonferenz 2017 nach Freisinger Bischofskonferenz | Bild: picture-alliance/dpa

"Die Kirche hat viel Glaubwürdigkeit verloren. Das ist eine Konsequenz, die wesentlich resultiert aus dem Umgang kirchlicher Verantwortungsträger mit Fragen des sexuellen Missbrauchs von Kindern und Jugendlichen. So schwer mir das auch fällt, aber ich muss dieser Diagnose zustimmen. Wir haben als Bischöfe und Verantwortliche in der Kirchenleitung auf verschiedenen Ebenen nicht immer glaubwürdig und konsequent gehandelt.

Vertrauensbruch wiegt bei Würdenträgern besonders schwer

Glaubwürdig zu sein ist keine Eigenschaft, die wir uns selbst zuschreiben können. Nur ein Gegenüber kann mich für glaubwürdig halten. Und das setzt einen Vorschuss an Glauben, an Vertrauen voraus, dessen ich mich dann als würdig erweisen muss. Ich bekomme sozusagen einen Kredit, den ich auch zurückzahlen muss. Wenn das nicht geschieht, und der Vorschuss nicht sorgsam geachtet wird, dann erweise ich mich des Vertrauens, das in mich gesetzt wird, nicht als würdig. Und das wiegt eben besonders schwer, bei Würden-Trägern, bei Autoritäten, also denjenigen, die mit Macht ausgestattet sind, um andere zu ermächtigen.

Zum Autor

Kardinal Reinhard Marx ist Erzbischof von München und Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz.

Es gibt keine einfachen und unmittelbar wirksamen Lösungen, um Glaubwürdigkeit wiederherzustellen. Das ist ein langer Prozess. Ich halte es aber für entscheidend, dass wir jetzt nicht davor weglaufen und gar nicht erst damit beginnen, nur weil es schwer ist. Ganz im Gegenteil: In der Erkenntnis, wieviel Glaubwürdigkeit Vertreter der Kirche verspielt haben, liegt auch die einzige Möglichkeit zur Umkehr. Jetzt sind wir allerdings dran, selbst einen Vorschuss zu geben und darauf zu vertrauen, dass die Gläubigen, ja die ganze Gesellschaft uns kritisch begleiten. Ich will mich daran messen lassen, ob ich wirklich zuhöre und verstehe und ob mein Reden und mein Handeln übereinstimmen. Mir ist klar, dass wir uns eines neuen Kredites erst einmal würdig erweisen müssen.

Fromme Sprüche überzeugen nicht

Eine Möglichkeit dazu haben wir Bischöfe in der aktuellen Synode, in der es um die Jugendlichen und ihren Glauben geht. Wir dürfen uns nicht über die Fragen hinweg setzen, die uns die jungen Menschen mit auf den Weg geben. Wir müssen sie verstehen wollen und gemeinsam mit ihnen nach Antworten suchen. Und wir müssen dabei auch auf unsere Sprache achten: Floskeln, dahergeredete Sätze, fromme Sprüche überzeugen nicht. Wir müssen endlich wieder eine Sprache finden, die verstanden wird und in der wir glaubwürdig von Gott reden. Denn wir müssen uns eben auch des Glaubens, den wir verkünden, als würdig erweisen. Und dieser Glaube gehört nicht wenigen, sondern wir haben den Auftrag, ihn der Welt zu verkünden.

Die Jugend der Welt sorgt sich um ernsthafte Fragen: um das Klima, um Kriege und Flucht, um Armut und Arbeitslosigkeit. Und sie erwartet mit vollem Recht, dass wir uns mit ihnen gemeinsam einsetzen für Gerechtigkeit und ein gutes Leben für alle Menschen, besonders für die Schwächsten. Auch an diesem Einsatz für die Welt wird man unsere Glaubwürdigkeit bemessen.

Jugendliche haben meist ein feines Gespür dafür, ob jemand echt ist, so handelt wie er redet und damit glaub-würdig und ihres Vertrauens würdig ist. Dieses Vertrauen müssen wir uns als Vertreter der Kirche neu erarbeiten."


9