Bayern 2 - Zum Sonntag


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Zum Sonntag Wer hat Anspruch auf das Land?

Die Palästinenser sprechen vom "Westjordanland", wenn sie von jenen Gebieten zwischen Jerusalem und dem Fluss Jordan reden, die der Staat Israel seit dem 6-Tage-Krieg 1967 besetzt hält. Die konservativen und orthodoxen Kreise in Israel sprechen dagegen von "Samaria" und "Judäa", das sind die Namen der Stammesgebiete des Volkes Israel vor 3000 Jahren.

Von: Johanna Haberer

Stand: 10.07.2020

Johanna Haberer  | Bild: ELKB

Die Palästinenser und die oppositionellen Politiker im israelischen Parlament sprechen vom "Westjordanland", wenn sie von jenen Gebieten zwischen Jerusalem und dem Fluss Jordan reden, die der Staat Israel seit dem 6-Tage-Krieg 1967 besetzt hält. Die konservativen und orthodoxen Kreise in Israel sprechen dagegen von "Samaria" und "Judäa", das sind die Namen der Stammesgebiete des Volkes Israel vor 3000 Jahren, wie sie im Alten Testament bzw. der Thora beschrieben sind.

Heute leben dort etwas über zwei Millionen arabisch stämmige Palästinenser. Sie haben dort ihre Dörfer, ihre Häuser, ihre Betriebe, und ihre Felder. Auch sie berufen sich bei ihrem Anspruch auf das Land auf die heiligen Schriften. Die meisten von ihnen sind Muslime. Sie verstehen sich als die Nachkommen Ismaels, des Halbbruders des Erzvaters Isaak, den Gott vor dem Verdursten in der Wüste gerettet hat. Der Gott Israels hat Ismael seinen besonderen Schutz zugesagt, er ist ebenfalls ein Sohn des Völkervaters Abraham. So steht es im 1. Buch Mose.

Vor drei Jahren nun beschloss das israelische Parlament, das sogenannte "Regulierungsgesetz", nachdem jüdische Bürger auf Palästinenserland ihre Siedlungen bauen und Jahr um Jahr erweitern.

Und weiter: es ist genau 70 Jahre her: da beschloss der neugegründete Staat Israel das sogenannte "Rückkehr-Gesetz", nachdem jeder, der eine jüdische Mutter hat und sich dem jüdischen Glauben zugehörig fühlt, ein Recht hat, mit seiner ganzen Familie nach Israel zu ziehen. Für eine solche Einladung in die ganze Welt, mag sie auch historisch mehr als verständlich sein, braucht man viel Platz.

Und seit dem 1. Juli droht nun die sogenannte "Annexion", die der US-Präsident Anfang des Jahres angekündigt hat und die im Koalitionsvertrag der gegenwärtigen Regierung steht. Das heißt: die Übernahme des seit 53 Jahren vom Staat Israel besetzen Gebiets in das Staatsgebilde Israels. Manche Kreise in Israel träumen davon, dass es in naher Zukunft einen Staat Israel gibt, der so groß und mächtig ist wie einst das Reich des biblischen König David.

Und leider werden in der ganzen Welt – in den vergangenen Jahren auch wieder vermehrt in Deutschland - Menschen jüdischen Glaubens geschmäht und attackiert. Da ist es gut eine Heimat im Kopf zu haben, wo immer auf der Welt man als Mensch jüdischen Glaubens lebt. In den heiligen Schriften hat dieses biblische Reich Israel eine Ausdehnung von Ägypten bis an die Grenzen Syriens und des Libanon.

Nach einer Annexion des Gebiets durch den israelitischen Staat würden die Palästinenser, biblisch gesprochen die "Söhne Ismaels", entweder vertrieben werden oder würden als Bürger zweiter Klasse, stets kleinteiligen Grenzkontrollen unterworfen, ein Leben als ungern geduldeter Gast auf israelischem Staatsgebiet führen. Man weiß in Israel und auf der ganzen Welt, dass mit einer Annexion des Westjordanlandes sowohl das Völkerrecht gebrochen als auch Menschen- und Bürgerechte der dort lebenden Palästinenser mit Füßen getreten würden. Und eigentlich müssten die, die sich auf die biblischen Schriften beziehen besonders gut wissen, dass die Palästinenser die Brüder und Schwestern der Israeliten sind.

Schon in den Schriften des Alten Testaments, die von Abraham bis David die Entstehung des Volkes Israels erzählen von der Einwanderung in das "gelobte Land" kann man die innere Zerrissenheit der biblischen Autoren nachvollziehen. Immer wieder stellt sich die Frage, wie man mit den Nachbarn umgehen soll, mit denen, die schon da waren, bevor das Volk Israel sich im Lande ansiedelte.

Soll man sie bekämpfen, soll man nachgeben, soll man Verträge schließen, soll man zurückweichen, soll man die Freundschaft suchen? Soll man sich gegenseitig heiraten? Die Tragödie dieses Landstrichs so scheint es, wiederholt sich immer und immer wieder. Wenn man in den alten biblischen Schriften blättert hat man den Eindruck viele Passagen sind nur niedergeschrieben, um festzuhalten, dass Gott selbst seinem Volk dieses Land geschenkt hat. Ein solch radikal religiöser Anspruch verhindert leider jede Diplomatie.

Es ist fatal, wenn die fundamentalistischen Kreise auf beiden Seiten nur ihren Anspruch auf das Land aus 3000 Jahre alten Texten nehmen. Aber wenn sie das tun, dann sollten sie beachten, dass man in diesen Texten auch ganz andere Töne finden kann: Den Aufruf für Chancengerechtigkeit zu sorgen zum Beispiel. Die Aufforderung, die Menschen zu nähren und zu bilden, den mächtigen Ruf nach Freiheit und den göttlichen Wunsch nach Frieden mit den Geschwistern im Lande. "Shalom" heißt das im Alten Testament. Isaak – auf den sich die Juden berufen und Ismael, auf den sich Muslime berufen: sie waren Geschwister und stehen, so wird es beurkundet, beide unter göttlichem Schutz.


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