Bayern 2 - Zum Sonntag


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Zum Sonntag Jenseits von Nationalitäten

Fußball lässt uns unsere Nationalitäten betonen - dabei brauchen wir im täglichen Zusammenleben weder Nationalyhmnen noch Flaggen.

Von: Elfriede Schießleder

Stand: 17.07.2021

Elfriede Schießleder | Bild: privat

Die Fußball-Europameisterschaft ist entschieden, nun also getrost wieder in den Alltag zurück - so mein Gefühl diesen Montag. Die Nationen lecken noch ihre Wunden, die Franzosen und wir Deutsche waren ja längst aus dem Match. Meine halbbritische Schwiegertochter nach einem kurzen Zwischenhoch nun auch. Nur Rom jubelt, zusammen mit den vielen Italienern in München, Berlin, wo auch immer. Einmal mehr frage ich mich, wie stark und wie schnell wir Weltbürger des 21. Jahrhunderts in längst überwunden geglaubte Nationalismen abgleiten. Vergiss alles Weltbürgertum, im sportlichen Event erlischt jede Spur von Ironie! Im Fußball und bei den anstehenden Olympischen Spielen in Japan.

Engagement für eine lebenswerte Welt für alle

Gnadenlos zeigt sich, wie sehr den Menschen Gefühl und Emotion beherrschen, nicht der kühle Verstand. Der Wettbewerb, der Zusammenhalt einer Mannschaft, aufgestellt unter den Farben der Nationalflagge, das Singen der Landeshymne – all das eint europa- und weltweit Menschen, die sonst kaum etwas verbindet. Eingedenk aller möglichen Krisen in der Welt frage ich mich da: Können denn Medienleute, Kommunikationswissenschaftler, Psychologen aus diesem Stoff kein Material schlagen, das die Welt doch viel dringender bräuchte als „nur“ den nationalen Sport: das Engagement für eine Welt, die allen Menschen Heimat und Lebensgrundlage bietet? Damit die Nationen viel glaubwürdiger darum ringen, die Besten zu sein in Sachen Umweltschutz, Welternährung, Erhalt des Klimas – und, und, und… Warum ist bei allem Kräftemessen die Begeisterung für ein Spiel so viel leichter herzustellen als die für existentielle Herausforderungen?

Stellvertreter-Spielflächen

Vielleicht, weil wir uns alle viel lieber als Spielende fühlen? Weil wir Spass dran haben, dem Zufall, dem Geschick und dem Glück Raum zu geben, abseits unserer mühsamen eigenen Anstrengung, Tag für Tag? Weil wir uns freuen, Stellvertreter-Spielflächen zu haben, gegen allen Ernst des Lebens? Keine und keiner von uns hat sich das Land seiner Geburt ausgesucht, seine Eltern, Hautfarbe oder soziale Stellung.

Von allem Anfang an wurde uns so vieles vorgegeben; nur wenig davon ist veränderbar. Im Rausch des Wettkampfs wird all das aufgelöst und die Nation zur individuellen Auszeichnung. Meisterschaften machen die Hoffnung auf den Sieg zur Hintergrundfolie unserer Träume. Ob himmelhoch jauchzend, ob zu Tode betrübt – alles wird abgefedert im Spiel und erweist sich im kollektiven Erleben doch bedeutungsschwer für das eigene Sein.

Braucht es Nationalismus?

Nun also, liebe Seele, magst du dich getrost wieder in den Alltag zurückfinden, und damit zur realen Völkerverständigung: mit dem fröhlichen Italiener ums Eck, dem wortfaulen Wirt der Dorfschänke und der quirligen spanischen Nachbarin samt ihren lauten Kindern. Das nationale Hochgefühl weicht dem Miteinander im alltäglichen Mix der Menschen, die, einfach so, um uns herum leben.

Vielleicht braucht es von Zeit zu Zeit die betonte Nationalität, um unsere Wurzeln in all der Vielfalt nicht zu verlieren? Und uns gleichzeitig, allem besseren Wissen zum Trotz, unserer Vorurteile und Stereotypen neu zu versichern. Danach mag dann, so wie zwischen der halbbritischen Schwiegertochter und meinem aus allen deutschen Stämmen zusammengemixten Sohn, wieder Frieden einkehren! Die bunte Wohnbevölkerung unserer Straßen darf fröhlich ihre Verschiedenheit entfalten, sind ja alles nur Menschen!

Den Pass, den brauchen wir im täglichen Zusammenleben Gott sei Dank kaum! Auch nicht Nationalhymnen und Flaggen. Wohl aber das Wissen drum, dass die eine Welt Platz genug hat für alle Menschen guten Willens.


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