Bayern 2 - Zum Sonntag


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Zum Sonntag Neid bringt nichts: Gönnen können!

Sollen Geimpfte Lockerungen bekommen, während Andere noch warten müssen? Die Politik fürchtet diesen Schritt. Aber ob der soziale Zusammenhalt dadurch gefährdet wird, hängt doch allein von uns ab, meint Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm.

Von: Heinrich Bedford-Strohm

Stand: 31.03.2021

Über ein Jahr dauert die Pandemie jetzt schon. Es ist nun das zweite Osterfest, das wir unter Pandemiebedingungen feiern. Alle sehnen sich nach Lockerungen. Aber die Inzidenzzahlen gehen wieder in die Höhe. Wie - das ist die vielleicht wichtigste Frage, die wir gegenwärtig haben - kann den Menschen wieder mehr Freiheit zurückgegeben werden, ohne dass sich das Virus weiter ausbreitet?

Keine Zauberlösung, aber Schnelltests und Impfungen

Keiner hat eine Zauberlösung. Eine klare Suchrichtung gibt es aber schon. Das eine sind die Schnelltests. Wenn sie zuverlässig ausgeführt werden, könnten sie Zugang zu Kinos, Theatern und Restaurants ermöglichen, ohne dass jemand gefährdet wird.

Und das andere ist das Impfen. Wenn sich herausstellt, dass Geimpfte und Genesene tatsächlich kaum Ansteckungsrisiken für andere bedeuten, dann könnten sie zu so etwas wie der Vorhut der Normalisierung werden. Wieder in den Läden einkaufen, Kulturangebote wahrnehmen, sich in Restaurants mit Freunden zu treffen, die ebenfalls keine Gefahr für andere mehr darstellen. Sie würden damit dazu beitragen, dass verzweifelte Inhaber von Geschäften und Restaurants vielleicht gerade noch rechtzeitig vor dem Bankrott bewahrt werden könnten

Lockerungen nur für Geimpfte? Die Politik scheut diesen Schritt

Aber die Politik scheut sich noch davor, solche Lockerungen für Personen, die den richtigen Impfpassvermerk haben, überhaupt in Aussicht zu stellen. Denjenigen, die in der Impfpriorität erst später dran sind, ohne sich das ausgesucht zu haben, werde es dann noch schwerer fallen, selbst warten zu müssen. Man macht sich Sorgen um den sozialen Zusammenhalt. Aber ob der soziale Zusammenhalt dadurch gefährdet wird, hängt doch von uns und unserer inneren Einstellung ab!

So verständlich der Verdruss ist, wenn andere Möglichkeiten haben, die ich nicht habe, weil ich den ersehnten Impftermin noch nicht bekommen habe: letztlich schade ich mir selbst damit. Einen früheren Impftermin bekomme ich auch nicht, wenn die Restaurants, Kinos und Theater leer bleiben. Aber die Kosten für die andauernde Schädigung der Wirtschaft muss ich am Ende noch dazu mittragen. Viel sinnvoller und vorteilhafter wäre eine gesamtgesellschaftliche Anstrengung im "Gönnenkönnen". Eine kommunikative Kraftanstrengung, die der Seele hilft, dem objektiv Vernünftigen zu folgen!

Bleibt der Grieche leer, habe ich nicht den geringsten Vorteil davon

Direkt gegenüber meiner Wohnung liegt ein griechisches Restaurant. Wenn es weiter leer bleibt, habe ich nicht den geringsten Vorteil davon. Wenn es wenigstens wieder einige Gäste empfangen darf und wirtschaftlich eine Chance bekommt, ist es, auch wenn ich selbst mit dem Impfen noch nicht dran bin, auch in meinem Interesse, dass dort gegenüber wieder Leben ist. Erstens weil ich so sehr hoffe, dass mein Nachbar, der Wirt, es wirtschaftlich schafft. Und zweitens, weil staatliche Gelder die notwendigen dann Stützmaßnahmen für Restaurants in andere Projekte fließen könnten, etwa die Förderung der Bildungschancen sozial Benachteiligter.

Noch viel wichtiger aber ist etwas anderes, Tieferes: Was ist so weltfremd an der Vorstellung, dass ich an meinem Fenster stehen und fröhlichen Menschen gegenüber zuschauen könnte, die endlich wieder Gemeinschaft und die Leichtigkeit des Seins erleben können, auch wenn es bei mir noch etwas dauert? Kann ich mich dann nicht vielleicht umso mehr darauf freuen, dass es bei mir auch bald so weit sein wird, wenn ich geimpft bin? Oder dank Schnelltests vielleicht sogar schon vorher?

Neid führt nicht zu glücklichem Leben

Neid ist jedenfalls kein Aktivposten für ein glückliches Leben. Die Glücksforschung sagt genau das Gegenteil: Wer anderen etwas gönnen kann, ist selbst ein glücklicherer Mensch. Wer zuletzt dran ist, seinen Neid überwindet und den anderen einfach gönnt, dass es ihnen gut geht, der wird am Ende selbst zu den Glücklichen gehören. Für mich wäre das eine echte Ostererfahrung.


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