Bayern 2 - Zum Sonntag


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Zum Sonntag Durchhalten auf der Corona-Arche

Man muss lange suchen, um ein Land zu finden, in dem man in dieser Krise lieber leben würde als in Deutschland. So hat ein Journalist in den ersten Wochen der Kontaktbeschränkungen die Lage hierzulande beschrieben. Ich fand diese Beschreibung schon damals sehr zutreffend. Und sie trifft noch immer mein Grundgefühl, wenn ich auf unser Land und seinen Umgang mit der Corona-Krise schaue.

Von: Heinrich Bedford-Strohm

Stand: 05.09.2020

Und doch liegen bei vielen die Nerven blank. Am Anfang hatten wir gehofft, dass es nach dem Sommer vorbei sein würde. Dass wir in absehbarer Zeit wieder zurück zur Normalität kehren könnten. Dass wir endlich wieder nach Herzenslust anderen um den Hals fallen könnten. Dass wir nicht länger die impulsiv ausgestreckte Hand zurückziehen müssten, weil das andere gefährden könnte. Und dass wir endlich wieder diese Gesichtsmasken zur Seite legen könnten, die das Lächeln des Gegenübers unsichtbar machen und – jedenfalls bei Brillenträgern wie mir – bei jedem Atemzug den Blick durch die beschlagene Brille vernebeln.

Wir merken: das wird nicht so schnell vorbeigehen. Wir müssen uns irgendwie darauf einrichten. Und das zehrt an den Nerven.

Zwischen Vernunft und Verschwörungsmythen

Und auch öffentlich ist die Nervosität gestiegen. Die überwältigende Mehrheit der Bevölkerung trägt die Schutzmaßnahmen mit – zu deutlich sind die Indizien, die die Gefährlichkeit des Virus zeigen. Aber es gibt auch Menschen, die eine ganz andere Sicht haben. Sie sind zu Demonstrationen zusammengekommen, um das zu zeigen. Manche haben demonstrativ auf den geforderten Mund- und Nasenschutz verzichtet und damit die Auflösung der Demonstration herbeigeführt.

Die Demonstranten gehen aus ganz unterschiedlichen Motiven auf die Straße. Die einen glauben Verschwörungstheorien, die über die Verbreitungskanäle im Internet auch mit den abstrusesten Inhalten noch bereitwillige Abnehmer finden. Andere misstrauen allem, was von den im Staat oder in der Wissenschaft Verantwortlichen kommt, grundsätzlich und sehen sich ohne jeden Grund ihrer Freiheit beraubt. Und schließlich sind da Rechtsradikale, die die Chance wittern, ihre menschenverachtenden Ideen in der Deckung der Corona-Demonstrationen möglichst prominent zu platzieren.

Rechtsradikale wittern Chancen

Von denen müssen sich alle anderen Corona-Demonstranten klar abgrenzen. Da gibt es keine Kompromisse. Die Blutspur, die diese Ideen in der Geschichte nach sich gezogen haben, ist einfach zu groß.

Mit den anderen muss man ins Gespräch kommen. Sich immer wieder abweichenden Sichten aussetzen und die eigenen Erkenntnisse in Frage stellen. Und wer gute Argumente hat und bisher nicht berücksichtigte Fakten liefert, der muss auch Gehör finden. Die egoistische Einzelperspektive, die sich um die Folgen des eigenen Handelns für die anderen, besonders die Schwachen und Verletzlichen, nicht schert, die darf sich allerdings nicht durchsetzen. Gerade jetzt müssen wir aufeinander achten, einander zuhören, füreinander einstehen und da, wo die Verantwortlichen in den schwierigen Abwägungsprozessen die relativ besten Lösungen für das Gemeinwesen insgesamt suchen, konstruktiv mithelfen.

Die Arche der Quarantäne

Und vor allem: die Zuversicht nicht verlieren. Ich habe die biblische Arche-Noah-Geschichte nochmal ganz neu entdeckt. Sie ist nämlich eine Quarantäne-Geschichte mit gutem Ausgang. Die Arche hat Menschen und Tieren einen sicheren Raum gegeben, und durch die Flut auf der Erde getragen. Aber die Quarantäne in der Arche wird die Nerven von Noah und seiner Familie genauso wie bei uns jetzt aufs Äußerste angespannt haben. Und doch mündet diese schwere Erfahrung in etwas ganz Großem, etwas Rettendem, in etwas, das die Zukunft öffnet. Der Regen hört auf. Alle können sicher an Land. Gott setzt einen Regenbogen in den Himmel und sagt: Nie wieder soll die Erde vernichtet werden. Es sollen nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter Tag und Nacht. Darauf könnt ihr euch verlassen.

Ich verlasse mich darauf. Gerade in Zeiten der Corona-Pandemie. Gottes Hilfe und die daraus kommende Kraft zum Gemeinsinn werden uns durch die Krise tragen. Nicht nur in unserem eigenen so gesegneten Land. Sondern überall auf der Welt.


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