Bayern 2 - Zum Sonntag


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Zum Sonntag Bei aller Kritik – mehr Respekt vor der Person

Es war eine sympathische Frage, fand ich: Am Ende einer Diskussion zwischen Ministerpräsident Markus Söder und SPD-Spitzenkandidatin Natascha Kohnen wollte der Moderator der Nürnberger Nachrichten wissen, was die beiden am jeweils anderen schätzen.

Von: Hans-Joachim Vieweger

Stand: 21.09.2018

Zum-Sonntag-Autor Hans Joachim Vieweger | Bild: BR/ Hans Joachim Vieweger

Söder nannte drei Punkte: Natascha Kohnen habe Kampfgeist, sei intelligent und komme zur Fastnacht in Franken mit guten Kostümen. Die Angesprochene tat sich etwas schwerer, kam am Ende auf die Worte, Söder sei gerissen und machtorientiert.

Ich fand die Frage sympathisch, weil dahinter der Gedanke steht, dass sich Politiker – bei aller Unterschiedlichkeit – doch auch als Personen schätzen können. Oder zumindest respektieren. Allerdings scheint das gar nicht so leicht zu sein, wie jüngste Debatten im Bundestag gezeigt haben. Ist es wirklich angebracht, dem politischen Gegner, und mag man noch so weit auseinander sein, Hässlichkeit zu unterstellen? Ich fürchte, die Debatten im Internet, in den unterschiedlichen Netzwerken und Foren haben ihren Teil zu einer Verrohung der Sprache und der politischen Kultur beigetragen. Je lauter und schriller einer ist, umso mehr Gehör scheint er zu finden – sprich: umso öfter werden Likes gesetzt und Beiträge geteilt.

Wer zwischen drin zur Mäßigung aufruft, wird schnell ausgebuht – was in allen politischen Lagern möglich ist. In einer Facebook-Gruppe, die sich kritisch mit der Flüchtlingspolitik der Bundesregierung auseinandersetzt, warnte ein Mitglied: „Auch, wenn wir vieles tun müssen, um die unendlichen Flüchtlingsströme zu beenden, so dürfen wir uns doch selbst nicht radikalisieren lassen. Demokratie ist ein hohes Gut, das nicht gefährdet werden darf.“ Diese Gefahr gebe es doch gar nicht, schrieben da gleich andere – oftmals in einem Ton, der sie zugleich ins Unrecht setzte.

Ein anderes Beispiel habe ich auf einer Queer-Seite gefunden, die Themen u.a. von Homosexuellen behandelt. Hier zog eine Aktion von Christen Kritik auf sich, die jetzt im September mit einem „Bus der Meinungsfreiheit“ durch die Lande zogen, um gegen frühkindliche Sexualerziehung aufzutreten – eine Aktion, die sogleich wütende Gegenproteste auslöste. Einer der Kommentatoren der Queer-Seite, Lars3110 meinte dazu: „Mit Sprüchen wie „Verpisst euch“, „Wir hassen euch“ und schlimmeres zu demonstrieren, ließ mich sprachlos zurück und ich distanzierte mich schnell. Wünsche mir mehr konstruktiven Dialog als Niederschreien.“ Worauf eine Gerlinde24 schrieb: „Bei beratungsresistenten Menschen wie den Busteilnehmern hilft nur niederbrüllen, damit sie den Gegenwind spüren.“ Von persönlichen Beleidigungen in den Kommentarspalten ganz zu schweigen.

Egal, auf welcher Seite und auf welcher Ebene – wir brauchen wieder eine bessere Kultur des Streits. Das kann durchaus mehr Streit in der Sache bedeuten, ist sicher manchmal auch anstrengend, weil man sich mit Positionen anderer auseinandersetzen muss anstatt unbeschwert in der eigenen Filterblase zu bleiben. Das kann manchmal bedeuten, sich sogar mit Positionen auseinanderzusetzen, die man persönlich für schlimm hält. Der Publizist Harald Martenstein schrieb dazu kürzlich: „Dass Leute sich durch andere Meinungen beleidigt fühlen, kann passieren, aber damit müssen sie leben.“

Also ja zum Streit, aber eben auch ja zum Respekt vor der Person. Vor dem anderen, der aus meiner Sicht völlig falsch liegt, der Fake News aufgesessen ist und was noch alles – als Mensch achte ich ihn. Hier können wir von einem biblischen Prinzip lernen. Die Bibel sagt uns: Gott liebt alle Menschen, unabhängig von ihren Leistungen oder ethischen Prinzipien. Das heißt nicht, dass Gott alles gutheißt, was wir denken, sagen oder tun. Im Gegenteil: Das Falsche, in der Sprache der Bibel: die Sünde, trennt von Gott. Doch Gott legt uns darauf nicht fest, weil er die Beziehung zu uns sucht. Eine wunderbare, eine heilsame Unterscheidung – auch für uns.


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