Bayern 2 - Zum Sonntag


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Zum Sonntag Wissen und Verantwortung, 75 Jahre nach Hiroshima

Vor genau 75 Jahren geschah das Unfassbare: die USA werfen zwei Atombomben über Japan ab, eine über Hiroshima und drei Tage später über Nagasaki. Das schreckliche Ergebnis: weit über 100.000 Tote sofort. Aber: der Krieg ist beendet.

Von: Elfriede Schießleder

Stand: 07.08.2020

Vor genau 75 Jahren geschah das Unfassbare: die USA werfen zwei Atombomben über Japan ab, eine über Hiroshima und drei Tage später eine über Nagasaki. Das schreckliche Ergebnis: weit über 100.000 Tote sofort. Aber: der Krieg ist beendet. Es war der Tabubruch, der damals die Welt erschütterte: Wahllos und ohne militärisches Nahziel wird alles Leben zerstört, das sich im Bannbereich des Atompilzes befindet. Keine Chance für die dort lebenden Menschen und auf absehbare Zeit kein bewohnbarer Ort mehr.

Ein Mensch hat zahllosen Menschenleben ein Ende gesetzt, ihre Kultur und Tradition vernichtet, diese Absolutheit der Zerstörung allen Seins war neu. Little Boy nannte der Pilot seine explosive Fracht – Zynisch? Naiv? Spöttisch? Können sich Soldaten so an Tod und Zerstörung gewöhnen?

Der Pilot empfand keine Reue

Jener Pilot heißt es später, empfand keine Reue. Mit den ungezählten toten Japanern wurde schließlich das Ende eines Weltkrieges erreicht. Welch Triumph der Wissenschaft! In späteren Jahren haben weitere Atomversuche die Forschung vorangetrieben, auf Atollen zwischen den Ozeanen übte man die Beherrschbarkeit dieser neuen Technik. Ihre friedliche Nutzung war der Zukunftstraum schlechthin. Ich erinnere mich noch genau an den Stolz eines Physiklehrers angesichts der ungeheuren Möglichkeiten, die er mit der Atomspaltung unserer Generation gegeben sah. Der Homo Sapiens Sapiens – wie er immer zu sagen pflegte – könnte damit jeden Energiehunger stillen, tödliche Krankheiten besiegen und die letzten Geheimnisse von Erde und Kosmos freilegen. So viel Segen, der mit dem wachsenden Wissen und dessen praktischer Nutzung der Welt und uns Menschen zukommen werde.

Wir Jugendliche der 70er Jahre dagegen arbeiteten uns am Fortschreiten des atomaren Wettrüstens ab. Welche Art Weltfrieden kann dadurch garantiert werden, dass die gemeinsame Erdkugel mehrfach zerstört oder über Jahrtausende unbewohnbar machen kann? Seit jenen Tagen spaltet alles Für und Wider der Atomnutzung die Menschheit. Doch die Büchse der Pandora lässt sich nicht mehr schließen. Atomsprengköpfe exorbitant höherer Sprengkraft gehören heute zum Arsenal sogar höchst unzuverlässiger Staaten, eine atomwaffenfreie Welt ist in weite Ferne gerückt. Und was die friedliche Nutzung der Atomenergie betrifft, so scheitert jeder Konsens im Bürgerdialog bereits an der simplen Frage nach einer Endlagerstätte für anfallenden Atommüll. Aktuelle Bedienungsfehler und mögliche Spätschäden oder Folgelasten noch nicht benannt.

Macht und Ohnmacht liegen so nahe beisammen

Segen und Fluch, Macht und Ohnmacht liegen so nahe beisammen. Vom Baum der Erkenntnis zu essen bedeutet leider nicht, das neu erworbene Wissen auch als Gut und Böse voneinander unterscheiden zu können. Aller Wissenschaft zum Trotz sind wir hier im Jahr 2020 nicht weiter als die Bibel es in ihren Bildern beschreibt. Auf das Wachsen der Erkenntnis folgt der Verlust des Paradieses.

Für heute übersetzt: Verlockend ist die Macht zu Wissen; unstillbar ist das Verlangen, immer weiter zu forschen, immer größere Sphären zu erkunden, den Traum zu verfolgen, die Welt neu und besser zu machen.

Das Gedenken an die ersten Atombomben zeigt die apokalyptischen Folgen einer Wissenschaft, die dem gefolgt ist. So darf, ja muss Hiroshima und Nagasaki in Erinnerung bleiben, um die Diskussion über den Umgang mit der Atomkraft lebendig zu erhalten, gerade dann, wenn manche ihrer Leid sind und sie nicht mehr hören können. Gerade dann!


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