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Corona-Pandemie: Inzidenzen sind messbar, aber das Leben ist größer

Was hat uns Corona nicht alles gelehrt: Zahlen, Daten und Fakten über den Ansteckungswert R, regionale Inzidenzen und neue Mutanten. Trotzdem stellt sich die Frage: Woher sollten unsere Omas die Kraft nehmen, sich gegen das Virus zu stemmen, wenn ihnen seit Wochen und Monaten jeder Kontakt zu Kindern und Enkeln fehlt? Alle Wissenschaft hat definitiv ihre Berechtigung, aber des Menschenleben geht weit über mathematisch Messbares hinaus. Das Leben selbst, die Freude an der Welt, das Miteinander im Alltag und die Kraft menschlicher Beziehungen. Kurz: das Leben und das Lieben.

Von: Elfriede Schießleder

Stand: 12.05.2021

Elfriede Schießleder | Bild: privat

Manno, was hat uns Corona nicht alles gelehrt: ehrfurchtgebietende Namen angesehener Institute, imponierende Benennungen. Jeden Tag liefern sie neue Zahlen, Daten und Fakten: Ansteckungswert R, regionale Inzidenzen, neue Mutanten. Modellierer*innen schaffen dazu Diagramme, Balken und Kurven. Seit über einem Jahr. Mittlerweile sind wir bei Welle Nummer 3.

Jeder Tag liefert neue Zahlen, Daten und Fakten

Langsam stellen sich erste Fragen, ob denn dieses wissenschaftliche Werkzeug tatsächlich so gut trifft, ja treffen kann. Solche Fragen sind wichtig, um daraus zu lernen. Zum Beispiel, dass all diese Zahlen, Daten und Fakten eine Sicherheit suggerieren, die trügt. Denn alle Erklärungen verdeutlichen "nur" Kenngrößen, "nur" Wahrscheinlichkeiten. Also Vorsicht: Jenseits erfassbarer Daten bestimmen oft noch ganz andere Faktoren Ausbreitung und Verlauf der Pandemie.

Lebensfreude stärkt Immunabwehr

Wer oder wie misst man etwa Resilienz, das heißt die eigene Abwehrkraft gegenüber einem Virus, das übrigens immer eine Tür braucht, um seinen Wirt zu finden. Da geht es um weit mehr als die berühmten AHA Regeln: Lebensfreude! Stärkung der Immunabwehr durch so Banales wie gesundes Essen, ausreichend Schlaf, Abhärtung und Bewegung. Besonders aber die Erfahrung, anderen Menschen wichtig zu sein.

Menschenleben geht über Messbares hinaus

Woher sollte unsere Oma die Kraft nehmen, sich gegen das Virus zu stemmen, wenn ihr seit Wochen und Monaten jeder Kontakt zu Kindern und Enkeln fehlt? Wenn gerade Nähe, Berührung und Körperkontakt nicht mehr erlaubt sind, wie sind da schwierige Lebenssituationen auszuhalten? Alle Wissenschaft hat definitiv ihre Berechtigung und einen wichtigen Auftrag, aber des Menschenleben geht weit über mathematisch Messbares hinaus. Das sollten wir uns bewusst halten und viel ernster nehmen als es die letzten Monate erfolgte.

Menschliche Beziehungen geben Kraft

Das Leben selbst, die Freude an der Welt, das Miteinander im Alltag und die Kraft menschlicher Beziehungen. Kurz: das Leben und das Lieben. Das gemeinsame Glück, die gegenseitige Bereicherung, die wir Menschen füreinander sind – wie und in welcher Beziehung auch immer! Das ist es, was uns Menschen, was unser Leben ausmacht und was uns Corona in schmerzlichen Lektionen lehrt.

Liebe lässt sich nicht verbieten oder ausmerzen

Erstaunlicherweise müssen manche Kirchenhirten gerade das ebenfalls neu lernen: Liebe lässt sich weder verbieten noch ausmerzen, sie sucht sich ihren eigenen Weg und macht in der Vielgestaltigkeit unserer säkularen Welt auf eine Weise glücklich, die man sich früher schlicht oft nicht vorstellen konnte. So glücklich, dass sie sich nicht mehr unterdrücken oder verbergen lässt.

Katholische Kirche sollte größer denken

Am Montag erbaten ungezählte gleichgeschlechtliche und heterosexuelle Paare den Segen Gottes durch einen Priester und bekamen ihn auch zugesprochen. Ein hierarchischer, rückwärtsgewandter Katholizismus sollte die befreiende Botschaft Jesu nicht mehr länger schuldig bleiben. Die Kirche sollte weiter werden, größer denken. Eine starke Religion erkennt man an ihren ausgefransten Rändern, heißt es. Sie lässt Neues zu, erprobt Unbekanntes, bleibt offen für Gottes Geist und sein Wirken.

Begrenzter Geist gebiert begrenzte Wahrheit

In diesem Fall bricht eine neue Offenheit für die Liebe an, die immer mehr ist als das, was das Kirchenrecht gerade definiert. Dieser Zuspruch, der Segen Gottes, steht für die Anerkennung von Liebe und frei gewählter Verantwortung und gegen ein Responsorium aus dem Vatikan und dessen Realitätsverweigerung. Eigentlich logisch: Begrenzter Geist gebiert immer nur begrenzte Wahrheit, gegenüber göttlichem Wort gilt das ganz besonders.

Das Leben, die Liebe, die Gott geschenkt hat, ist so viel reicher

Egal, ob es wie in der Wissenschaft "nur" um Zahlen, Daten und Fakten geht oder wie gerade in der katholischen Kirche um die Schein-Stabilität alter Tabus. Das Leben, die Liebe, die Gott geschenkt hat, ist so viel reicher als jede und jeder von uns es in und für seinen kleinen Erlebensraum begreifen kann.

Fühlbaren Bedürfnissen nachzugeben

Darum tun wir, tut eine Gesellschaft gut daran, den fühlbaren Bedürfnissen der Menschen nachzugeben, diese zu achten und wertzuschätzen. Am Ende sind sie vielleicht sogar wichtiger als jedes Hygienekonzept? Eben das Geheimnis des Lebens.


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