Bayern 2 - Zum Sonntag


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Corona-Pandemie Das Leben, ein einziger langer Karsamstag?

Auch wenn Ostern rum ist, Leben in der Corona-Pandemie, das fühlt sich an wie ein einziger langer Karsamstag - irgendwie leer und traurig. Gut zu wissen, dass nach Karsamstag, egal wie lang er ist, garantiert Ostern kommt, meint Kommentator Andreas Müller-Cyran.

Von: Andreas Müller-Cyran

Stand: 09.04.2021

Diakon Andreas Müller-Cyran | Bild: privat

Ostern war letzte Woche. Aber ehrlich gesagt: Für mich ist immer noch Karsamstag.

Aus meiner Arbeit in der Notfallseelsorge weiß ich, dass die persönlichen Kar- und Ostertage im Leben auf ganz andere Termine fallen, als sie der Kalender einplant. Wenn ein lieber Mensch stirbt, erlebe und erfahre ich das, was die Kirche am Karfreitag in ihrem Gottesdienst begeht.

Die Karwoche - keine Geschichtsschau, sondern Lebenserfahrung

Am Karfreitag werden wir auf zum Teil drastische Weise mit dem Sterben und dem Tod von Jesus konfrontiert. Dabei geht es nicht darum, sich an ein historisches, weil in der Vergangenheit liegendes Ereignis zu erinnern. Sondern der Ernst dieses Tages liegt darin, dass der Tod von Menschen, die mir wichtig und lieb waren, mir aufs Neue begegnet.

Vielleicht bekomme ich sogar die Möglichkeit meines eigenen Sterbens in den Blick. Das hört sich brutal an – und ist es auch. Es ist nur deshalb erträglich, weil mein Blick über den Karsamstag hinaus auf die Auferstehungsfeier, auf Ostern und damit aufs Leben gewendet wird. In der jährlich wiederkehrenden Routine dieser drei Feiertage geht bisweilen der existentielle Ernst, aber auch die tiefe Freude, die vor dem Hintergrund der Kartage dann Ostern bedeutet, verloren.

Karsamstag ist das, was man aushalten muss

Besonders betrifft das den Karsamstag. Denn äußerlich passiert an diesem Tag – nichts! Oder nur ganz wenig. Als Seelsorger kenne ich selbst die große Versuchung, diesen stillen Tag für letzte Vorbereitungen auf das Osterfest zu missbrauchen. Wie schade! Denn am Karsamstag bildet sich ab, was Menschen erfahren, die mit dem Tod eines geliebten Angehörigen konfrontiert sind: Stille, Leere, untröstlicher Schmerz, Ohnmacht und Hilflosigkeit, Verlust von Struktur und Ordnung – bis hin zur Sinnlosigkeit.

Zum Autor

Andreas Müller-Cyran ist Gründer des bundesweit ersten Kriseninterventionsteams und Leiter der Notfallseelsorge der Erzdiözese München-Freising.

Ich bin davon überzeugt: wer die Absurdität des Todes am Karsamstag nicht durchlebt und durchleidet – wie soll den die Botschaft von Ostern wirklich erreichen? Die Karsamstage im Leben dauern leider oft deutlich länger als der eine Tag zwischen Karfreitag und Ostersonntag. Quälend viele Wochen, Monate, gar Jahre kann sich die Erfahrung des Karsamstags hinziehen.

Corona fühlt sich an wie ein sehr langer Karsamstag

Wo geht’s hin mit der Pandemie – und was heißt das für uns? Irgendwo steht am Horizont ein lichter Streifen von der Hoffnung, dass in einigen Wochen oder zumindest Monaten viele Menschen immun sein werden gegen das Virus und Leben dann hoffentlich endlich wieder möglich sein wird. Aber der Weg dahin dauert noch und ist ungewiss.

Ich gebe zu: für mich ist heute, eine Woche danach, immer noch Karsamstag. Ich bin unsicher, wo es hingeht mit Kirche und Gesellschaft. Ich bin orientierungslos und muss viel zu viele Dinge sehen, die ich nicht verstehe, die ich nicht einordnen kann, die ich absurd finde. Ich fürchte, ich stehe damit nicht allein da.

Warten auf die Dämmerung - an Ostern und im Leben

Aber ich glaube und weiß doch eins: Irgendwann deutet sich ein Ostern an, das nicht in Kalendern verzeichnet ist. In der Dämmerung des frühen Morgens finden die Frauen das Grab leer, so beginnt die eigentliche Ostererzählung. Ich habe kaum eine Ahnung davon, wie eine österliche Dämmerung in der Kirche aussehen wird. Aber trotzdem lohnt es, auf diese Dämmerung zu warten.


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