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Corona-Pandemie Außerschulische Bildung stärken

In der Pandemie darf es nicht nur um die Bildung gehen, die den Erfordernissen der Wirtschaft dient, findet Udo Hahn.

Von: Andreas Müller-Cyran

Stand: 17.04.2021

Akademiedirektor Udo Hahn  | Bild: Evangelische Akademie Tutzing Archiv - Haist

Es ist geradezu rührend, wie intensiv die Bemühungen sind, in der Corona-Pandemie die Schulen offen zu halten. Über den Wert der Bildung in unserer Gesellschaft sagt dies allerdings nicht viel aus. Zumal sich die Anstrengungen derzeit eben im Wesentlichen auf die schulische Bildung konzentrieren.

Was ist Bildung?

Bildung geschieht nicht nur in der Schule, sondern auch – und auf die Spanne eines ganzen Lebens bezogen – weithin außerhalb, lebenslang, lebensbegleitend. Im Fokus der Politik steht außerschulische Bildung aber gerade nicht. Ihr geht es etwas besser als Lernorten wie Theatern, Museen und Kinos, die sich seit mehr als einem Jahr im Dauerlockdown befinden. Immerhin waren und sind Angebote der Erwachsenenbildung möglich – wenn sie der beruflichen Fortbildung dienen und es die Pandemiesituation erlaubt. Das ist gut gemeint. Der eigentlichen Bedeutung von Bildung wird diese Praxis jedoch nicht gerecht.

Bildung soll nicht allein der Wirtschaft dienen

Umso wichtiger ist es, schon jetzt die richtigen Schlüsse aus der Corona-Krise zu ziehen und die Weichen zu stellen. Es ist zwingend, Bildung nicht länger auf rein funktionale Erfordernisse zu reduzieren. Das greift viel zu kurz. Bildung im lebenslangen Kontext ist der entscheidende Schlüssel für soziale, wirtschaftliche, kulturelle und gesellschaftliche Teilhabe im umfassendsten Sinn. Bildung, die nur dann anerkannt und in Krisenzeiten für systemrelevant erklärt wird, wenn sie ausschließlich dazu dient, den Erfordernissen in Wirtschaft und Industrie zu entsprechen, reduziert Menschen darauf, lediglich funktionieren zu sollen. Das widerspricht klar einem Bildungsverständnis, das den ganzen Menschen in den Blick nimmt – seine Entwicklung zu einer eigenständigen Persönlichkeit unterstützen will, die kreativ und urteilsfähig ist. Oberstes Maß müssen der Eigenwert und die eigene Würde eines Menschen sein – und nicht, dass er in erster Linie branchenspezifische Bedarfe deckt.

Seelische Inzidenzen werden hoch bleiben

Persönlichkeitsbildung, kulturelle Bildung, gesellschaftspolitische Bildung und Verantwortung – dies sind die Merkmale gerade außerschulischer Angebote: von Volkshochschulen, Musikschulen, Kulturzentren, Akademien, Bildungshäusern in kirchlicher und sonstiger Trägerschaft. Nur mit diesen Einrichtungen wird es gelingen, die psychosozialen Folgen der Pandemie zu lindern und zu überwinden. Wenn wir uns wieder annähernd virusfrei begegnen können, werden nämlich die "seelischen Inzidenzen", von denen der evangelische Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm unlängst sprach, noch lange hoch sein.

Die Digitalisierung ist hier – wie die Erfahrungen in der Pandemie zeigen – durchaus eine Hilfe, aber keinesfalls die Lösung. Die persönliche Begegnung ist in Bildungsprozessen unverzichtbar. Sie erst sorgt für den entscheidenden Mehrwert und macht aus Wissen Orientierung. Das gilt schon für die Schule, in der durch den Austausch untereinander Wissen gemeinsam erarbeitet wird. Mehr noch gilt dies für die außerschulische Bildung. Das informelle Lernen ist nicht hoch genug zu schätzen. Der Austausch über Gehörtes bei einer Tasse Kaffee, auf dem Weg zum gemeinsamen Essen oder an der Bar trägt mitunter mehr dazu bei, sich eine eigene Meinung zu bilden als die Frage an die Vortragende im Plenum.

Viele Institutionen verfügen über Lernorte, an denen gesellschaftspolitische Bildung geschieht und eine Kultur der Herzensbildung eingeübt wird. Dieser Dienst an der Gesellschaft ist dauerhaft unverzichtbar. Die Rettungsschirme, die es braucht, um diesen Auftrag auch in Zukunft wirksam erfüllen zu können, müssen freilich erst noch entwickelt werden. Die Politik sollte da keine Zeit verlieren.   


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