Bayern 2 - Zum Sonntag


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Zum Sonntag Zahlen sind nicht alles

Zahlen, was sind schon Zahlen? Dieselbe Zahl kann für den einen groß und den anderen klein sein. Zahlen sind relativ. Sie können gefallen oder enttäuschen. Je nachdem. Manche können auch ernüchtern. Die Zahl der Kirchenaustritte ist so eine.

Von: Beatrice von Weizsäcker

Stand: 17.07.2020

Beatrice von Weizsäcker | Bild: privat

Zugegeben, die Nachricht ist nicht ganz neu. Und es wird auch erstaunlich wenig darüber gesprochen. Doch gibt es jede Menge Anlass dazu.

Die Kirchenaustritte sind im vergangenen Jahr auf ein historisches Hoch geklettert. Mehr als eine halbe Million Menschen haben die beiden großen Kirchen verlassen.

Die Kirchen, könnte man nun fragen, was sind schon die Kirchen? Haben wir nicht andere Probleme?

Und sind die Kirchen nicht selbst schuld an ihrem Niedergang? Mit ihrem Ringen um Einfluss und Macht, um Strukturen und Reformen, ganz zu schweigen von den Vorwürfen der sexualisierten Gewalt in ihren Reihen? Können die Kirchen am Ende nicht sogar froh sein, so glimpflich davon gekommen zu sein? Froh, weil die Zahlen im nächsten Jahr noch schlechter sein werden? Jedenfalls die der Steuereinnahmen, die wegen Corona erheblich sinken werden?

Widersprüchliche Reaktionen

Die Reaktionen sind seltsam widersprüchlich. Einerseits geben sich die Kirchen demütig. Anderseits schimmert immer wieder ein Überlegenheitsgefühl durch. Nach dem Motto: Wir mögen zwar kleiner werden, aber wir haben trotzdem recht.

Vielleicht steht ihnen das sogar zu. Immerhin gehört fast ein Viertel der Bevölkerung der evangelischen Kirche an und mehr als ein Viertel der katholischen.

Jammern die Kirchen also auf hohem Niveau? Ja natürlich, wenn es ihnen tatsächlich nur um Einfluss und Macht ginge. Nein, wenn es ihnen um Menschen geht, die zu ihnen gehören, auch wenn sie ihnen nicht mehr angehören.

Als ginge es um Schlagzeilen

Trotzdem bleiben die Kirchen bei dem, was sie kennen. Die Katholiken kultivieren Alt-Hergebrachtes und fast überirdische Frömmigkeit. Die Protestanten machen genau das Gegenteil. Kurzerhand werfen sie Glaubensfragen über Bord und geben sich lieber wie ein Parlament als ein Gotteshaus. Als ginge es um Schlagzeilen. Als würde Gott stören.

Natürlich ist das zugespitzt. Aber es ist etwas dran.

Warum geht man denn in den Gottesdienst? Wegen Jesus! Weil er mit uns geht. Weil er uns begleitet, auch und gerade auf krummen Wegen. Ihm will man nah sein. Und nicht irgendeiner Struktur.

Darum müssen die Kirchen auf die Menschen zugehen, neu und anders. Während der Corona-Krise gab es wunderbare Beispiele dafür. Doch kaum sind die Kirchen wieder offen, ist die alte Scheu wieder da. Die vor dem Neuen. Und die vor den Fremden.

Ein Priester verglich das einmal mit der Situation der Heiligen Drei Könige. Auch sie waren Fremde gewesen und hatten Neues gebracht. Und: Sie haben etwas verändert, weil die anderen sich auf sie eingelassen haben - aus Neugier.

"Dass die Weisen von weit her zu uns kommen und wir sie freudig aufnehmen müssten, weil sie uns eine Weisheit mitbringen, die uns neu ist: Ja, irgendwie halten wir das heute für möglich", sagte er. "Aber wer kommt denn noch bei uns vorbei, mit seinen Hoffnungen, seinen Zweifeln, seiner Entschlossenheit, den Weg ins Leben zu finden!"

Wenn wir sie nicht aufnehmen, gehen sie vorüber – und finden Gottesspuren, wo wir nicht mehr hingeschaut haben. Unsere Kirche weiß nicht schon alles über Gott und den Menschen; weiß vielleicht erschütternd wenig über den Menschen. Und es gibt die Weisen noch, die gute Wege wissen, das zu ändern; Weise, die Wege mit Gott kennen, abseits der kirchlich selbstverständlichen und moralisch erlaubten. Wenn es unter uns doch etwas mehr Neugier gäbe, mitzukriegen, was die bewegt!

Gott zeigt sich in den Neugierigen. Was für eine Botschaft!

Die Größe einer Kirche bemisst sich nicht an der Zahl ihrer Mitglieder. Sondern daran, wie sie auf Menschen zugeht. Wieviel Raum sie ihnen für ihre Begegnung mit Jesus gibt. Ob sie ihnen Heimat bietet. Dann ist die Kirche wirklich Kirche.

Es stimmt: Zahlen sind relativ. Besonders in der Kirche.


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