Bayern 2 - Zum Sonntag


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Zum Sonntag Es ist einfach zu einfach!

Die Bilder aus dem griechischen Flüchtlingslager Moria sind beschämend, aber es ist leicht sich zu empören, wenn man keine Verantwortung trägt, meint Beatrice von Weizsäcker.

Von: Beatrice von Weizsäcker

Stand: 19.09.2020

Beatrice von Weizsäcker | Bild: privat

Was für ein Fiasko, was für furchtbare Bilder waren das! Moria, das Flüchtlingslager auf der griechischen Insel Lesbos, brannte lichterloh, und es grenzt an ein Wunder, dass dabei niemand zu Tode kam.

Und nun? Sofort wurde gestritten auf Teufel komm raus. Bloß niemanden aufnehmen, sagen die einen, das könnte Geflüchtete anstiften, "ihre" Camps ebenfalls anzuzünden, um - ja was? Uns zu erpressen?

Möglichst viele Menschen zu uns holen, entgegnen die anderen. Wir haben Platz! Wir müssen handeln. Jetzt!

Vor allem in den sozialen Netzwerken ging es hoch her. Man konnte förmlich zuschauen, wie die Zahl der Likes in die Höhe schnellte, je empörter jemand war, je markiger seine Wortwahl.

"Schämt euch!"

"Wir haben sie eingesperrt, im Müll leben lassen, Corona ausgesetzt", schrieb einer. "Sie wurden von Krätze zerfressen, Opfer von Gewalt und Missbrauch, hatten wenig Essen und Trinken. Und eure einzige Frage ist, wer das Feuer gelegt hat? Ihr kotzt mich an." Schämt euch!

In Nullkommanichts gab's tausend Likes dafür.

Ja, es ist es beschämend, dass Deutschland ursprünglich weniger als 150 unbegleitete Kinder und Jugendliche aufnehmen wollte.

150 von 4000 Minderjährigen, die zuletzt in Moria lebten. 150 von mehr als 12.000 Menschen, die ihr Obdach verloren hatten. Das war keine praktizierte Nächstenliebe, wie der Innenminister meinte. Das war weniger als ein Tropfen auf den heißen Stein.

So konnte es nicht bleiben.

Und dennoch: Das Maß der Empörung, vor allem zu Beginn, war auch ein bisschen wohlfeil. 

Es ist leicht sich zu empören

Es ist einfach zu reden. Es ist leicht, sich zu empören. Es ist einfach, die Schuldfrage zu stellen, wenn man selbst keine Verantwortung trägt.

Es ist zu einfach.

Mitten in die Debatte kam ein Vorschlag, der damit gar nichts zu tun hat, aber gut passt.

Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Georg Bätzing, sprach sich für einen interreligiösen Feiertag aus, einen „Tag der Besinnung“, wie er sagt. Nur wenige Stunden nach dem Brand im Flüchtlingslager veröffentlichte die Bischofskonferenz die Idee. Da ging es natürlich nicht um Moria. „Corona und die Suche nach der künftig gewesenen Zeit“, heißt die Schrift.

Nach Corona wird nichts mehr so sein wie vorher, ist der zentrale Satz. Woran wird man sich erinnern, die entscheidende Frage.

"Erst einmal wird es schlimm gewesen sein. Die vielen Toten!", schreibt der Bischof. "Aber wird es nur schlimm gewesen sein? Was wird gewesen sein? An die tiefgehende Erfahrung einer großen Unterbrechung werden wir uns mit Sicherheit immer erinnern. Wie wäre es, wenn wir dieser Erinnerung in den kommenden Jahren in unserem Land Form und Gestalt gäben? Ein interreligiöser Feiertag, ein Sabbat-Tag der Besinnung wäre gut für Deutschland." Ende des Zitats.

Innehalten, Abstand halten

Ein Tag des Innehaltens, des Sich-Zurückhaltens, des Abstandes auch zu sich selbst: Mir gefällt das. Nicht nur, weil der Sonntag immer mehr von seiner ursprünglichen Bestimmung verliert. Nicht nur, weil es den protestantischen Buß- und Bettag nicht mehr gibt. Sondern, weil er die Weltreligionen vereint, Christen, Muslime, Juden.

Und da ist man auf einmal ganz dicht am Flüchtlingsthema, auch an Moria und wie wir damit umgehen. Denn die Katastrophe geht nicht nur Deutschland etwas an, sie betrifft die Welt mit ihren verschiedenen Religionen und Nationen - über die Grenzen hinweg. Wie Corona geht auch die Migration alle Menschen an.

Eigentlich ist es erstaunlich, dass es diesen Tag noch nicht gibt, dass es erst zu einer Pandemie kommen musste, bis sich Menschen nach einem gemeinsamen Moment der Besinnung sehnen, der doch so überfällig ist, wie die Katastrophe von Moria zeigt.

Ein solcher Blick aus der künftig gewesenen Zeit, von morgen aufs Gestern, kann tatsächlich hilfreich sein, wenn die Emotionen überhandnehmen.

In einer Zeit, in der so sehr gestritten wird. In der es einfach ist zu reden, und leicht, sich zu entrüsten. In der es einfach ist, die Schuldfrage zu stellen, wenn man selbst keine Verantwortung trägt.

In der das alles einfach zu einfach ist.


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