Bayern 2 - Zum Sonntag


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Kommentar Und Gott lächelt ...

Eine Woche vor dem 1. Advent wird es für die Protestanten hart. Es ist Totensonntag. Man gedenkt, der Name sagt es, der Menschen, die gestorben sind. Als seien die Todestage selbst nicht schon schwer genug.

Von: Beatrice von Weizsäcker

Stand: 30.11.2019

Beatrice von Weizsäcker | Bild: privat

Wie soll man das aushalten? Und dann ist da auch noch Buß- und Bettag wenige Tage vorher und das Haupt will sich nicht mehr heben. Wie das zum November passt? Wenn die Nächte länger werden und die Tage kürzer, wenn’s dunkler wird und immer nasser, wenn alles welkt und nichts mehr glänzt, wenn nichts mehr lebt und alles stirbt: Da weint selbst Gott.

Was ist das nur für ein seltsamer Monat? Wäre das Jahr ein Monopoly-Spiel, wäre der November das Gefängnis. Laufend zöge man die Karte: „Gehe in das Gefängnis. Begib Dich direkt dorthin. Gehe nicht über Los. Ziehe keine 2000 Euro ein.“ Muss das so sein? Wie wäre es, wenn wir die Gefängnis-Karte wegließen und nur die schönen Ereigniskarten ziehen würden? „Du hast Geburtstag“ zum Beispiel. Oder: „Du erbst!“ Das wär’s doch: Geld und Glück, statt Trauer und Tod.

Doch was wäre das für ein Leben? Es wäre ein Leben ohne Pause, ohne Muße, ein Leben ohne Zeit. Zeit für jene, die uns fehlen und die, die traurig sind. Für Menschen, die alleine sind und solche, die im Abseits stehen. Zeit, auch für uns. Nicht umsonst ist der Totensonntag ein stiller Gedenktag, einer, an dem es keine öffentlichen Veranstaltungen geben soll, die nicht dem „ernsten Charakter“ des Tages entsprechen. Der Tag, der das Kirchenjahr beschließt, soll buchstäblich still sein. Diese Stille ist kostbar wie der November insgesamt. Sie verlangsamt das Leben. Sie verschafft Ruhe, bevor es hektisch wird im vorweihnachtlichen Wahnsinn, in der Zeit der rastlosen Erledigungen und sich häufenden Termine, als sei das Leben am Heiligen Abend vorbei. In dieser seltsamen Zeit, in der niemand Zeit hat... Gewiss, am Totensonntag erinnern wir uns an Menschen, die uns fehlen, werden in vielen Kirchen die Namen derer genannt, die im Jahr zuvor gestorben sind, besuchen Protestanten die Gräber ihrer Angehörigen. Das ist traurig!

Doch der Totensonntag geht über die Trauer weit hinaus. Denn er ist auch der Ewigkeitssonntag, nur weiß das kaum jemand. In den Kalendern, die ich kenne, ist davon nie die Rede. Dort steht immer nur „Totensonntag“. Wie viel ermutigender wäre es das Kirchenjahr nicht mit dem Tod zu beenden, sondern mit dem Gedanken an die Auferstehung und das ewige Leben. Nicht von ungefähr singen viele Kirchenchöre an diesem Tag die vielleicht schönste Bach-Kantate: „Wachet auf, ruft uns die Stimme/ der Wächter sehr hoch auf der Zinne / wach auf, du Stadt Jerusalem! / Macht euch bereit zur Ewigkeit!“ Denn das ist der Kern dieses Tages: die Ewigkeit, das neue Jerusalem, wo Gott selbst wohnt, bei den Menschen, wie es in der Johannes-Offenbarung heißt, die die meisten nur als Apokalypse kennen, wo es kein Leid mehr gibt und auch keinen Tod:

„Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde verging, und das Meer ist nicht mehr“, erzählt der Prophet, „und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen.“

Mag das Leben hier auf Erden zu Ende sein, in Jerusalem geht es weiter. In der Stadt, die weder Sonne noch Mond braucht, weil die Herrlichkeit des Herrn sie erleuchtet. Das ist die Vision des Johannes, und nicht Tränen, Tod und Untergang. Was für eine Perspektive! Nach der Offenbarung werden die Tore dort übrigens nicht verschlossen. Also kein Gefängnis, sondern Hoffnung, Himmel und Ewigkeit. Dafür braucht man keine Monopoly-Ereigniskarte. Das ist das Ereignis! Das ist die eigentliche Botschaft des Totensonntags. Und Gott? Gott lächelt uns an.


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