Bayern 2 - Zum Sonntag


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Zum Sonntag Zölibatsgegner spannen einen 92-Jährigen ein

Dass Reformgegner um den Zölibat fürchten ist ihr gutes Recht, dass sie dabei aber einen 92-Jährigen einspannen, der als Papst zurückgetreten ist, ist besonders bitter, kommentiert Andreas Müller-Cyran den aktuellen Buchstreit.

Von: Andreas Müller Cyran

Stand: 18.01.2020

Diakon Andreas Müller-Cyran | Bild: privat

Am vergangenen Sonntag taufte Papst Franziskus 32 Kinder in der Sixtinischen Kapelle – an dem Ort, an dem er im Konklave zum Bischof von Rom und Papst gewählt wurde. Am gleichen Tag mahnte er „das ist kein guter Jünger, der wie ein Pfau herumstolziert…“ Und weiter: Christinnen und Christen zeichnen sich durch „die Haltung der Sanftmut, der Einfachheit, des Respekts, der Mäßigung und der Verborgenheit“ aus.

Benedikt schreibt Besinnungsaufsatz

Diese Sätze waren ein prophetischer Auftakt für das, was ab Montag unüberhörbar durch alle Medien ging: der Vorgänger von Papst Franziskus, Joseph Ratzinger, der sich selbst in den Ruhestand versetzt hat, hat auf Bitten eines als erzkonservativ geltenden Kardinals eine Art Besinnungsaufsatz geschrieben. Darin beschreibt Joseph Ratzinger, wie er sich einen Priester vorstellt. Was da zu lesen ist, stellt keine Sensation dar, sondern wärmt eine jahrhundertealte Sichtweise auf, die wegen ihres Alters gerne, aber missverständlich, als ‚traditionell‘ bezeichnet wird: ein Priester sollte zölibatär, also ehelos und ohne Sexualität leben. Diese Äußerung fällt nun allerdings in eine Zeit, in der der Zölibat massiv in Verruf geraten ist. Der sexuelle Missbrauch, der auf der ganzen Welt von Priestern begangen wurde, hat eindeutig einen engen Zusammenhang mit der Verpflichtung zur sexuellen Enthaltsamkeit, das gilt inzwischen als wissenschaftlich erwiesen. Zudem zeigt eine Recherche des französischen Soziologen und Journalisten Frederic Martel, dass eine überraschend hohe Zahl von eigentlich dem Zölibat verpflichteten Geistlichen in Rom und an vielen anderen Orten nicht nur homosexuell veranlagt sind, sondern ihre Homosexualität auf eine Weise leben, wie sie mit dem Zölibat eindeutig nicht vereinbar ist. Nur um das klar zu stellen: das, was da erschreckt, ist nicht die Tatsache, dass viele Kleriker schwul sind. Erschreckend ist, dass Normen und Verhaltensrichtlinien, die in der Kirche gepredigt werden, von denen, die sie predigen, selbst nicht eingehalten werden. Die Glaubwürdigkeit unserer Kirche wird durch die Recherche von Frederic Martel einmal mehr massiv in Frage gestellt. Frederic Martel belegt in seinem Buch ‚Sodom‘, dass gerade die Kleriker, die sich besonders für den Zölibat und gegen Homosexualität einsetzen, oft selbst homosexuell aktiv leben.

Die Frage nach dem Zölibat steht stellvertretend für den Wandel, in dem sich die Kirche befindet. Denn der Zölibat steht wesentlich für den Klerikalismus unserer Kirche: er überhöht die Männer, die sich formal ihm verpflichten, in einer unmenschlichen Art und Weise. „Wer Kleriker sät, wird Klerikalismus ernten“ – meint die Münchner Seelsorgerin und Theologin Judith Müller. Es könnte sein, dass Papst Franziskus sich in den nächsten Tagen und Wochen weiter von einem Klerikalismus verabschiedet, dessen Hauptmerkmal der Zölibat ist. In diesem Wandel bringen sich Menschen in Position, die sich ihm verweigern und ihn verhindern wollen. Das passiert bei jedem Wandel, es ist ihr gutes Recht. Schade allerdings, dass sie die christliche Haltung von ‚Sanftmut, Einfachheit, Respekt, Mäßigung und Verborgenheit‘, an die Papst Franziskus erinnerte, hinter sich lassen. Das zeigt ihre Angst und tiefgreifende Verunsicherung. Besonders bitter ist es, dass die Gegner jeder Reform für ihre Zwecke einen 92-jährigen Mann einspannen, der bewusst von seinem Amt als Papst zurückgetreten ist und nach eigener Aussage zurückgezogen im Gebet leben möchte.

Die Institution schwächt sich selbst

Der tiefgreifende und fortschreitende Verlust an Glaubwürdigkeit von Kirche, die sich selbst als sichtbares Zeichen der Liebe Gottes zu den Menschen versteht, lässt einen als einfachen Beobachter einmal mehr ratlos zurück. Aber wenn sich die Institution Kirche in dieser unsäglichen Weise selbst schwächt, lohnt es sich umso mehr, sich auf die eigenen religiösen Wurzeln zu besinnen. Genau das macht die Taufe deutlich. Wenn Papst Franziskus in Rom Kinder tauft wie am vergangenen Sonntag, dann erinnern wir uns selbst an unsere Taufe: sie besiegelt, dass wir geliebte Töchter und Söhne Gottes sind und von Gott zutiefst gewollt. Die Taufe macht uns sozusagen selbst alle zu Priestern: ob Mann oder Frau, mit oder ohne Ehe oder Partnerschaft, homosexuell oder heterosexuell – vor Gott sind wir alle gleich.


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