Bayern 2 - Zum Sonntag


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Zum Sonntag Wir brauchen eine neue Kultur des Müßigganges

Wahrscheinlich haben Sie diese Warnung schon mal gehört: "Müßiggang ist aller Laster Anfang" - Ich halte sie nicht nur mitten in den bayerischen Ferien für unpassend, ich halte sie schlicht für falsch, sogar für gefährlich.

Von: Andreas Müller Cyran

Stand: 09.08.2019

Diakon Andreas Müller-Cyran | Bild: privat

Wenn der Müßiggang ein Laster wäre, dann wäre das Eigentliche und Anzustrebende das Gegenteil von Müßiggang, also Arbeit, Produktivität oder Leistungsfähigkeit. Urlaub, Ferien, oder 'Auszeit' wären demnach gefährlich, weil Müßiggang und "aller Laster Anfang"? Nein: in der Welt, in der wir leben, haben wir viel zu wenig Müßiggang! Was wir brauchen, ist eine neue Wertschätzung und Kultur des Müßigganges.

Zeiten von Aktivität und Innehalten wechseln sich ab

Zum Autor:

Andreas Müller-Cyran ist katholischer Diakon und Rettungsassistent. Er ist Gründer und fachlicher Leiter des bundesweit ersten Kriseninterventionsteams in München und Leiter der Notfallseelsorge in der Erzdiözese München und Freising.

In der abendländischen, zumal christlichen Tradition gibt es den Gedanken, dass sich Zeiten von Aktivität und Produktivität abwechseln mit Zeiten der Kontemplation, des Innehaltens, der Ruhe und der Muße. Diese Zeiten der Kontemplation haben nicht den Zweck, Kraft für die Produktivität zu sammeln. Sondern sie sind ein für den Menschen wichtiger Gegenentwurf zu seiner sonstigen Geschäftigkeit. Sie bringt ihn zum Wesentlichen, zu sich selbst. Das Wesentliche erschöpft sich niemals in einem Zweck.

'Kontemplation' bedeutet nicht, dass wir Tag ein, Tag aus im Urlaub etwa meditieren müssten. Allen, die dies tun wollen und denen das gut tut, bleibt es unbenommen. Aber Aspekte eines kontemplativen Lebens pflegen wir, wenn wir uns zum Beispiel in einer vertrauten, uns ansprechenden Umgebung aufhalten, oder eine fremde kennenlernen. Wenn wir uns und andere verwöhnen. Wenn wir mit Menschen zusammen sind, die uns wichtig und lieb sind. Wenn wir uns in der Natur bewegen oder uns mit Kultur beschäftigen. In der Auszeit von der Produktivität dürfen wir in den Tag hinein leben und sehen, was er uns bringt.

Tun und Lassen sind im Urlaub nicht optimiert

Und wer sich anstrengt, zum Beispiel auf einer Bergtour oder mit dem Fahrrad, tut damit auch was für seine Fitness und Gesundheit. Das ist in gewisser Weise nützlich, ein netter Nebeneffekt. Urlaub heißt: nicht weil es gesund ist, bewege ich mich – sondern einfach nur deshalb, weil ich mich gerne bewege. Tun und Lassen sind im Urlaub nicht optimiert und einem Zweck untergeordnet.

Vielleicht gelingt es, etwas von dieser Erfahrung des Müßigganges aus dem Urlaub in den beruflichen Alltag rüber zu retten. Der Freiraum, den der Urlaub über Tage und Wochen eröffnet, lässt sich vielleicht im Kleinen und Verborgenen auch im Alltag finden und leben. Damit gewinnt das Leben eine neue Tiefe und Grund. So verstanden und gelebt ist Müßiggang nicht aller Laster Anfang, sondern Anfang eines lebenswerteren Lebens.

In diesem Sinn wünsche ich Ihnen eine gute Zeit des Müßigganges!


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