Bayern 2 - Zum Sonntag


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Zum Sonntag Was heißt "Heimat" heute?

Der Fußballer Mesut Özil musste vor kurzem erfahren, wie schwierig es ist, in zwei Ländern zuhause zu sein, wenn man den Heimatbegriff politisch überfrachtet.

Von: Michael Schrom

Stand: 27.07.2018

Heimat ist, ganz ähnlich wie Identität, ein gefährlicher Begriff, wenn man ihn ausgrenzend verwendet und national auflädt. Und wenn man wieder mutmaßt, dass aus der Nationalität die stärksten, tiefsten Beweggründe für das Handeln entstehen.

Ungeachtet der Tatsache, dass es geschmacklos ist, Wahlhilfe für einen autokratischen Präsidenten zu machen, der Andersdenkende einsperren lässt, zeigt der ganze Streit um Özil vor allem eins: Wie absurd es ist, den Begriff der Heimat mit sportlichem Erfolg, politischer Gesinnung, mannschaftsdienlichem Verhalten zu verquicken oder gar eine Fußballmannschaft als gespiegeltes Idealbild der Gesellschaft zu überhöhen.

Heimat, so formuliert es der Theologe Rainer Bucher, ist letztlich kein Ort, sondern ein Gefühl. Heimat ist dort, wo man sich nicht erklären muss und sich auch nichts erklären lassen muss, weil man alles kennt. Man ist im Hier und Jetzt und erfährt: Dort darf ich sein. Und man wünscht sich, dass es immer so bleiben möge. Das macht glücklich und tut gut, gelingt aber nur selten, und wenn, dann nur für kurze Zeit. Und deshalb ist das eigentliche Heimatgefühl das Heimweh. Die Sehnsucht nach Identität, die sich aber immer wandelt. Religionen wissen darum. Daher sagen sie ziemlich vollmundig: Wirkliche Heimat gibt es nur bei Gott. Poetisch hat das der heilige Augustinus so formuliert: Unruhig ist unser Herz, bis es ruht in Dir.

Gefährlicher Begriff "Heimat"?

In den aufgeheizten Identitätsdebatten unserer Tage wird gerne vergessen, dass die Welt nicht eins zu eins in Heimat umzubauen ist, so sehr wir auch versuchen, uns immer wieder in ihr zu beheimaten, Heimat zu finden, "Ich" zu werden.  Ich bin ein Gast auf Erden, dichtete zur Zeit des 30jährigen Krieges Paul Gerhardt, als sich die Christen in Konfessionen aufspalteten und sich in einer fanatischer Engführung von Identität gegeneinander wandten.  

Daher tut es gut, sich immer wieder bewußt zu machen, was das Evangelium über Heimat zu sagen hat. Beim Evangelisten Matthäus sagt Jesus über sich: „Die Füchse haben ihre Höhlen und die Vögel ihre Nester. Der Menschensohn aber hat keinen Ort, an dem er sein Haupt niederlegen kann.“

Und das Kreuz, das jetzt wieder in Bayerns Amtsstuben hängt, ist ja auch ein Symbol äußerster Heimatlosigkeit. „Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen“, schreit Jesus am Kreuz. Wie kaum ein anderes Zeichen erinnert das Kreuz den Menschen an seine existenzielle  Einsamkeit. An das Auf-sich-Allein-Gestellt sein und an das Mit-Sich-selbst-Allein sein. Anders formuliert: Religion ist die Einsicht in die eigene Heimatlosigkeit.

Kreuz als Symbol der Heimatlosigkeit

Wieder in der düsteren Vorahnung  eines großen Krieges, nahm Georg Thurmayr das Lied von Paul Gerhardt auf und dichtete 1935: "Wir sind nur Gast auf Erden und wandern ohne Ruh mit mancherlei Beschwerden der ewigen Heimat zu. Die Wege sind verlassen und oft sind wir allein. In diesen grauen Gassen will keiner bei uns sein. Nur einer gibt Geleite, das ist der Herre Christ. Er wandelt treu zur Seite wenn alles uns vergisst."

Das schrieb er damals ganz bewußt gegen die Nationalsozialisten, die mit ihrer deutschen Heimatideologie so viel Unheil über die Welt brachten, weil sie Heimat mit Rasse und Nation verknüpften.

Wiederholen wir gerade die unseligen Mechanismen der Geschichte? Ich hoffe, nicht. Heimat ist nichts Statisches, sondern, wie wir selbst, immer im Werden. Gläubige Menschen, so könnte man hinzufügen,  sind Bürgerinnen und Bürger zweier Welten. Sie können und dürfen die irdische Heimat nie absolut setzen. Das heißt nicht, dass, wer glaubt, ein heimatloser Geselle ist. Im Gegenteil. Man erträgt die unvermeidliche Heimatlosigkeit anders. Man erfreut sich an den geschenkten Heimaterfahrungen. Und man arbeitet an einer Atmosphäre des Wohlwollens, um sich und andere immer wieder neu zu beheimaten.  Denn Heimat heißt: umgeben zu sein von einem wohlgesinnten Raum.  


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