Bayern 2 - Zum Sonntag


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Moderne Passionsgeschichten Große Macht entsteht aus Ohnmacht

Die Passionszeit ist eine zentrale Zeit im Kirchenjahr. Eine bewusste Zeit für das Verändern von Gewohnheiten, das Gebet und die Meditation. Es kann aber auch eine Zeit sein, in der wir versuchen Zeichen der Liebe zu setzen, auch wenn sie angesichts der Macht der Gewalt manchmal ohnmächtig erscheinen.

Von: Heinrich Bedford-Strohm

Stand: 01.03.2018

Heinrich Bedford-Strohm | Bild: Heinrich Bedford-Strohm

Warum beschäftigen sich über 2 Milliarden Menschen mehr als 6 Wochen lang mit dem Foltertod eines Menschen? Und warum versammeln sie sich um ein Symbol, das diesen Foltertod permanent in Erinnerung ruft und vor  Augen hält? In der Passionszeit tun die Christen genau das. Das Kreuz ist ihr Symbol. Von außen betrachtet ist das etwas Merkwürdiges. Deswegen ist es auch kein Wunder, wenn Kinder beim Blick auf ein Kruzifix fragen: Papa, warum hängt da eine Leiche?

Liebe zeigen, auch im Angesicht der Gewalt

Die Antwort gibt ein Passionslied: "Herr, stärke mich, dein Leiden zu bedenken, mich in das Meer der Liebe zu versenken, die dich bewog, von aller Schuld des Bösen uns zu erlösen." Christen denken an das Leiden und Sterben Jesus, weil sie darin ein Zeichen der Liebe Gottes sehen. Wir Christen glauben, dass Gott selbst in Christus auf Erden sichtbar geworden ist. Gott selbst stirbt in Jesus Christus, um den Menschen den Weg der Liebe zu zeigen. Und inspiriert die Menschen selbst dann noch Liebe zu zeigen, wenn sie mit Gewalt konfrontiert werden.

7 Wochen ohne…

Die Passionszeit ist eine zentrale Zeit im Kirchenjahr. Überall auf der Welt wird sie begangen. Die einen fasten, ob bei bestimmten Speisen, beim Alkohol, bei Süßigkeiten, beim Handygebrauch oder bei bestimmten Verhaltensweisen. Die evangelische Fastenaktion "7 Wochen ohne" etwa ruft dazu auf, sich nicht länger zu verstecken, sondern sich zu zeigen und Stellung zu beziehen. Andere suchen sich in der Passionszeit vor allem bewusste Zeiten des Gebets oder der Meditation, in denen sie den Sinn der Passionszeit im Herzen bewegen.

Bei vielen Menschen bleibt es nicht beim Nachdenken und Meditieren. Sie verändern ihr Verhalten. In dem Passionslied wird es so beschrieben: „Ich will nicht Hass mit gleichem Hass vergelten, wenn man mich schilt, nicht rächend wiederschelten, du Heiliger, du Herr und Haupt der Glieder, schaltst auch nicht wieder.“

Für mich sind diese Worte Signale der Hoffnung in einer Welt voller Gewalt. Vielleicht reden wir in diesen Zeiten von der Liebe nur leise, vielleicht mit erstickter Stimme, vielleicht auch verzweifelt, so wie Jesus am Kreuz. Aber wir reden davon! Und wir finden uns nie und nimmer mit der Gewalt ab! Wir versuchen Zeichen der Liebe zu setzen, auch wenn sie angesichts der Macht der Gewalt manchmal ohnmächtig erscheinen.

Hoffnung sähen in Zeiten der Verzweiflung

Wie aus der Ohnmacht Kraft kommen kann, hat in diesen Tagen die 18-jährige Emma Gonzalez aus Florida gezeigt. Das Video mit ihrer wütenden und tränenerstickten Rede gegen die Macht der Waffenlobby in den USA ging um die ganze Welt. Sie wollte sich angesichts des Amoklaufs an ihrer Schule, dem 17 Menschen zum Opfer gefallen sind, nicht mit der Gewalt abfinden. Jetzt sind die Abgeordneten, die sich ihre Wahlkämpfe von der Waffenlobby finanzieren ließen, und der amerikanische Präsident selbst, in einem Ausmaß unter Druck, die Waffengesetze zu verschärfen, wie noch nie zuvor in der Geschichte der Vereinigten Staaten. Weil die mutige Schülerin Position bezogen hat. Weil sie gezeigt hat, welche Kraft die Liebe hat. Weil sie in der Verzweiflung die Saat der Hoffnung ausgesät hat.

Emma Gonzalez ist für mich ein lebendiges Beispiel dafür, wie aus der Ohnmacht eine große Macht entstehen kann – eine Macht, die keine Bataillone hinter sich hat, sondern allein die Liebe. Das Leben schreibt auch moderne Passionsgeschichten. Für mich sind es Geschichten der Hoffnung.

Zum Autor:

Heinrich Bedford-Strohm ist Landesbischof der evangelisch-lutherischen Kirche in Bayern und Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland.


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