Bayern 2 - Zum Sonntag


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"Wahlempfehlung" Demokratie läuft. Aber nicht automatisch!

Jetzt also ist es unübersehbar – die Landtagswahlen treten in ihre letzte Phase. Kaum noch ein Laternenpfahl, der von Parteiplakaten verschont bleibt und die Gesichter der Kandidaten und Kandidatinnen grüßen uns als potentielle Wähler auf Schritt und Tritt.

Von: Elfriede Schießleder

Stand: 07.09.2018

Je bunter die Gesellschaft, desto bunter auch die Wahllisten, so soll es sein. Deshalb heißen die Gewählten später ja auch Volksvertreter. Und müssen sich in ihrer Vielfalt aufeinander einlassen, um in Disput und Kompromiss Lösungen für meist sehr komplexe Sachverhalte zu finden. Eine schwierige Materie, eingedenk der Erfahrung, dass selbst ausgeklügelte Lösungen ratz-fatz dahinschwinden, weil unser gesellschaftliches Zusammenlebens  so schwer überschaubar ist.  

Damit müssen die gesetzgebenden Politiker leben – und der Umsicht von Juristen vertrauen. Denn auch das kennen Wähler zur Genüge: so mancher Teufel steckt im Detail – und gut gemeint ist noch lange nicht tatsächlich gutgemacht. Ach ja, auch das Familiengeld kündet davon. Als Bürger darüber nur zu höhnen, ist unfair. Und kein Grund, die bunte Vielfalt unserer Parlamente mit Forderungen zu attackieren, die in nationaler Vereinfachung Demokratie nur beschneiden will. 

Demokratie ist ein Gewinn - beschneidet sie nicht!

Die Mühsal all dieser Bedingungen sollten wir als Wähler neu ernst- und  wahrnehmen. Denn die Fülle des Tiergartens, mit der Gott die Welt beschenkt hat, die ist auch in unsere Parteien und Parlamenten zu finden. Bleiben wir in unserer gesellschaftlichen Vielfalt, stellen wir um Gottes Willen die bewährten demokratischen Mitspracherechte und individuellen Freiheiten nicht in Frage. Bleiben wir bei all dem, was in der Bibel grundgelegt ist mit der Rede vom Abbild Gottes, das der Mensch ist – und an dem er sich täglich abarbeitet. Schon hier in seiner Differenz als Frau oder Mann.

Mit Stolz an die Wahlurne, bitte! Wahlrecht ist Wahlpflicht

Der staatlich fixierte Weg zu dieser Ebenbürtigkeit der Menschen war lange und steinig  genug. Erst vor 200 Jahren bekam Bayern eine - erste - Verfassung, Frauen 100 Jahre später das Wahlrecht, nach weiteren 30 Jahren rangen Politiker um die Gleichberechtigung. Angesichts dieses mühevollen Prozesses sollten wir unsere Wahlen mit Stolz betreiben, denn sie sind der Gewinn daraus. Jeder dieser Schritte sichert einen Meilenstein unseres Wertekanons: das undiskutierbare Lebensrecht aller Menschen, ihre individueller Freiheit und gleiche Würde, die größtmöglicher Vielfalt an selbstbestimmten Lebensformen. Wenn säkulare Diskussionen schon jüdisch-christliche Werte zitieren, dann bitte diese.

Zur Autorin:

Elfriede Schießleder ist stellvertretende Vorsitzende des Landeskomitees der Katholiken und promovierte Theologin.

Globale Vernetzung bedeutet in der Zivilgesellschaft  Einheit in Vielfalt, wie es jüngst die große Demonstration für ein buntes Chemnitz zeigte.  Unsere Demokratie, unsere Zukunft ist es wert, dafür ein und aufzutreten. Meine Oma, Geburtsjahr 1896,  sagte immer: "Wahlrecht ist Wahlpflicht". Sie wusste warum. Ganz in ihrem Sinne sind die Wahlplakate der Gegenwart ein Aufschrei gegen den Kartoffelsack auf dem Sofa. Egal, in welcher Form wir ihn treffen! Das ist gut angelegte Energie, gut angelegtes Geld und aller Mühe wert! Demokratie läuft nicht automatisch.


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