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Zweierlei Maß im UK Warum das Massenbesäufnis im Pub legal ist, Corona-Raves aber nicht

Abstandsregeln Goodbye: Die Wiedereröffnung der Pubs wurde in Großbritannien ausgiebig gefeiert. Die Polizei schaute wohlwollend zu. Währenddessen werden Raves wie in den 80ern kriminalisiert. Ein Kommentar von Robert Rotifer.

Von: Robert Rotifer

Stand: 13.07.2020

04.07.2020, Großbritannien, London: Die Menschen trinken vor einem Pub am Borough Market. Nach mehr als drei Monaten Schließung wegen der Corona-Pandemie haben die Pubs in England wieder geöffnet. Foto: Victoria Jones/PA Wire/dpa +++ dpa-Bildfunk +++ | Bild: dpa-Bildfunk/Victoria Jones

Ein Feld in Daisy Nook, einem Vorort von Manchester, letzten Monat. Das britische Fernsehen interviewt Leute aus der Nachbarschaft, die mit Müllsäcken in der einen und Greifarmen in der anderen Hand durch die Verwüstung stolpern, ein silbernes Meer aus Lachgaskapseln, Dosen und allerhand anderem Müll, den ein illegaler Rave mit geschätzten 4.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern hinterlassen hat.

Die Reaktion der britischen Medien auf die unangemeldeten Partys, die in den letzten Wochen überall im Land stattfanden, erinnert stark an den Ursprung der Rave-Kultur vor mehr als drei Jahrzehnten. Da war in Berichten gleich von kriminellen Netzwerken die Rede. Und die Nachrichten von Messerstechereien, einer Vergewaltigung und einem Drogentoten wurden – wie auch damals – gleich als Beweis für die besondere Gefahr des Ravens allgemein vorgeführt. Wer wollte, konnte sich den Einsatz der East Midlands Police nach einer Messerattacke sogar gleich auf Youtube ansehen. Natürlich nicht aus Voyeurismus, sondern als abschreckendes Beispiel.

Glamour des drohenden Unheils

Als ich mit dem eine dreiviertel Stunde von Daisy Nook in Macclesfield auf der anderen Seite von Manchester wohnenden, 62-jährigen Stephen Morris telefoniere, zeigt der aber ziemlich großes Verständnis. Schließlich war er als Schlagzeuger von New Order selbst entscheidend mitverantwortlich für die erste Blüte der Dance Culture in den Achtzigerjahren und erinnert sich an deren weiteren kulturellen Hintergrund:Was damals mit New Order assoziiert war, war der Glamour des drohenden Unheils. Wir sind dem Untergang geweiht, also lasst uns eine Party machen. Es ist eine Art von Rebellion. Es ist nicht vernünftig, aber manchmal muss man ein bisschen verrückt sein. Manchmal ist das der einzige Weg nach vorne“, so Morris.

Tanzen unter Strafe

Da ist ohne Zweifel was dran. Die originale Rave-Kultur setzte sich damals demonstrativ über jene berüchtigte Criminal Justice Bill hinweg, die das spontane Tanzen zu repetitiven Beats unter Strafe stellte. Hätten sich die Original-Ravers immer ans Gesetz gehalten hätte, wäre ein großer Schritt der Popkultur nach vorne einfach nicht passiert.

Moralisch richtig

Und doch ist es wohl was anderes, wenn die Leute die da tanzen, heute nicht nur ihr eigenes, sondern indirekt auch das Leben gefährdeter Gruppen riskieren. Es gab also gute moralische Gründe, bei allem Verständnis für das Tanzbedürfnis monatelang weggesperrter junger Menschen, ihre wilden Covid-Raves abzulehnen.
Bis ungefähr vorigen Samstag.

Der Super Saturday

Super Saturday-Veranstalter Boris Johnson

Denn da hatte die britische Regierung den sogenannten Super Saturday ausgerufen. Den Tag, an dem die Pubs endlich wieder aufsperren und Bier unters Volk bringen durften. Wie absehbar, drängten sich etwa auf den Straßen von Soho die Körper der saufend Feiernden mindestens genauso dicht wie der Tanzenden bei illegalen Raves. Nur saß in diesem Fall ein Bobby in einem Aussichtstürmchen und sah sich das Treiben wohlwollend von oben an. Ein klassisches Beispiel für die kulturellen Werturteile, die im Verlauf der Coronakrise so offensichtlich sichtbar werden. Premierminister Boris Johnson, de facto der Veranstalter dieses Alkohol-Raves ohne Beats hatte davor zur Besonnenheit appelliert: „Die wirtschaftliche Gesundheit des ganzen Landes hängt davon ab, dass jeder von uns verantwortungsbewusst handelt.“

Veranstalter: Boris Johnson

Wie immer, wenn Boris Johnson beinahe vernünftig klingt, zahlt es sich aus, genau hinzuhören: Andere Politiker mögen sich zwischen dem Wohl der Wirtschaft und der Gesundheit der Bevölkerung entscheiden. Er entscheidet sich für Ersteres und lässt es wie Zweiteres klingen, indem er von der „wirtschaftlichen Gesundheit des ganzen Landes“ spricht. Wenn einmal solche Leute regieren, kann die performative Unvernunft dann überhaupt noch ein rebellischer Akt sein?