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Zum Ende von Game of Thrones Wir wollten alle zu viel

Game of Thrones, die wohl größte Serie aller Zeiten hat einen kollektiven Wahn ausgelöst, der ein befriedigendes Ende schier unmöglich macht. Selbst der Buchautor George R.R. Martin distanziert sich. Warum drehen wir alle so durch?

Von: Niklas Schenk

Stand: 21.05.2019

Jon Snow | Bild: Helen Sloan

Meine erste Reaktion nach dem Ende von Game of Thrones: Da waren die Fantheorien besser. Die Drehbuchautoren hätten einfach aus dem Netz kopieren sollen, was sich Fans zu Bran und dem Nachtkönig oder einer Littlefinger-Rückkehr ausgedacht haben. Nun, mit zwei Tagen Abstand, muss ich sagen: Wir wollten alle zu viel.

Enttäuschte Liebe

Gab es jemals eine Serie vor Game of Thrones, die von Zuschauern so obsessiv diskutiert wurde, in der so viele Thesen aufgestellt wurden? Von Jahr zu Jahr wurde es immer wahnsinniger. Zur neuen Staffel gab es stundenlange Analysen von 30-Sekunden Trailern. Die Folgenbesprechung vom Funk-Kanal „Cinema strikes back“ zu Folge 5 geht über 3 Stunden, wurde inzwischen von fast einer halben Million Menschen gesehen. Ich gehöre übrigens dazu. Die Macher müssen sich totgelacht haben, was Fans in das noch so kleinste, im Nachhinein wohl oft zufällige Detail, reininterpretiert haben. Game of Thrones lief erstmals 2011. Damals endete gerade das Zeitalter der DVDs, Streaming wurde immer populärer.

Wie keine andere Serie zuvor, wurde Game of Thrones zum kollektiven Erlebnis über alle Bevölkerungsgruppen hinweg. "Das liegt daran, dass Game of Thrones für jeden was bietet. Der Actionfan, der auf die nächste Schlacht wartet genauso wie der Mittelalterfan, der sich die Kostüme anschaut und auch die Politjunkies, die sich für die Hintergründe interessieren. Die haben da alle was von", sagt der BR-Serienexperte Till Ottlitz. Dem Sender HBO hat das Game of Thrones Finale übrigens eine Rekordquote beschert – den Rekord für die meisten Zuschauer hatten zuvor fast zehn Jahre die Sopranos gehalten.

Die Wut der Fans

Warum aber sind viele Fans so enttäuscht, fordern mehr als eine Million einen Neudreh der achten Staffel? Ein Problem ist das schnelle Tempo der finalen Staffel. Das Zeichnen der Charaktere, die widersprüchlichen Motivationen, das war immer eine der großen Stärken der Serie. Was den Nachtkönig antreibt – dazu  erfahren wir ebenso wenig wie zu Bran und der Frage, warum er mit all seinen Supermächten so wenig eingreift. Jaime, eine der Figuren mit der erstaunlichsten Entwicklung, wandelt sich innerhalb von zwei Folgen so schnell, wie es sonst in drei Staffeln erzählt worden wäre. Dazu kommen logische Fehler, etwas, das sich schon in Staffel 7, etwa beim Einfangen eines Zombies, gezeigt hatte.

Und: Game of Thrones fehlten am Ende die großen Schockmomente. Dass immer wieder Hauptcharaktere überraschend starben, trug zum Lagerfeuer-Gedanken von Game of Thrones entscheidend bei. Wer Ned Stark, den vermeintlichen Protagonisten, in Staffel 1 hat sterben sehen oder die Red Wedding in Staffel 3 miterlebt hat, musste darüber einfach reden.

Kollektive Traumabewältigung

Und dann in Folge 3 der finalen Staffel das: Tagelang hatten Fans im Netz gepostet, das sie sich schon auf den Tod ihrer Lieblingsfiguren einstellen – und dann überleben alle Hauptfiguren die über acht Staffeln aufgebaute, entscheidende Schlacht. BR-Serienexperte Till Ottlitz: "Den Serienmachern fehlte zuletzt die Buchvorlage. Man hat gemerkt, dass wo die Bücher weg waren, es sich immer mehr in Richtung Action und Brüste verschoben hat."

Als die Serie 2011 startete, hatte George RR Martin gerade sein fünftes Buch herausgebracht. Alle drei Jahre war bis dahin durchschnittlich ein neuer Wälzer erschienen. Nun warten alle schon seit acht Jahren auf die beiden angekündigten letzten Bücher. Das konnten die Serienmacher David Benioff und D.B.Weiss nicht ahnen. Und sie haben sich entschieden, die Serie nach acht Staffeln zu beenden, obwohl HBO sie gerne weiter verlängert hätte. Aber Gott sei Dank gibt es ja noch das Format der SpinOffs.

Ganz am Ende dieser Staffel haben sie wieder zum Hauptthema von ame of Thrones zurückgefunden: Macht und was Macht mit einem macht. Ist Macht gut? Braucht man überhaupt Herrscher, muss jemand auf dem Thron sitzen, den Kampf um den eisernen Thron überhaupt gewinnen? Und wenn es mal nicht um Machtspielchen ging, haben uns die Serienmacher visuelle Feuerwerke geliefert. Die achte Staffel Game of Thrones war sechs Folgen lang Kino, wie man es selten gesehen hat.

Fans hoffen auf George R.R. Martin

Die vielen Kritiker hoffen nun auf ein besseres Game of Thrones-Ende in den Büchern von George R.R. Martin. Jedoch hat dieser das „bittersüße Ende“, wie er es selbst immer bezeichnet hat, mit den Serienmachern abgesprochen. Der Autor unterscheidet gerne zwischen zwei Geschichtenerzählern. Es gibt Architekten, dazu gehören wohl auch die Showrunner Benioff und Weiss: Erzähler, die wissen, was sie bauen wollen und so handeln, dass sie zum fertig ausgedachten Ende kommen. Und Gärtner, die Charaktere wie Samen pflanzen. Dazu zählt sich Martin selbst. Er weiß selbst nicht, wozu seine Figuren heranwachsen und was aus ihnen wird. Es scheint, als sei ihm seine Pflanze Game of Thrones inzwischen über den Kopf gewachsen, wuchere auch sie inzwischen dermaßen, dass der Erfinder selbst sein Werk nicht vollenden kann. Ob der Autor seine Bücher irgendwann doch nochmal fertigstellen wird – und wenn ja, ob sein Ende dann nicht doch nochmal umgegraben wird. Das wird die Frage sein, die die Millionen von enttäuschten Game of Thrones-Fans mit ihren obsessiven Theorien in den nächsten Jahren umtreiben wird.


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