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Generator Podcast Warum Nostalgie uns retten kann – Retrokultur-Experte Simon Reynolds über die Beatles und das 80ies Revival

Wenn die Zukunftsaussichten düster sind, tröstet der Blick in den Rückspiegel: Nostalgie scheint zum kollektiven Lebensgefühl unserer Zeit geworden zu sein. Die bittersüße Sehnsucht nach dem Vergangenen wird auf Instagram und TikTok zelebriert. Und auch TV, Serien und Musik bedienen sich daran. Höchste Zeit, mal zu ergründen, warum das so ist: Ein Anruf bei Musikautor Simon Reynolds.

Von: Ann-Kathrin Mittelstrass

Stand: 03.03.2022

Der britische Autor Simon Reynolds weiß, welche Anziehungskraft in alten kulturellen Artefakten liegt. Vor zehn Jahren ist sein Buch "Retromania" auf Deutsch erschienen. Untertitel: "Warum Pop nicht von seiner Vergangenheit lassen kann". Darin beschreibt Reynolds, wie sich der vermeintlich so innovative Pop vor allem in den Nullerjahren in der Endschlos-Schleife aus Revivals, Reissues und Reunions verfangen hat. Das Buch hat einen großen Diskurs angestoßen. Auch über Musik hinaus. Der Zündfunk hat damals auch mit Reynolds gesprochen. Zeit also für ein Update. Ein Anruf in Los Angeles bei dem Mann, der seitdem als Experte gilt, was Nostalgie und Retrokultur angeht. Das Interview ist so auch im Generator Podcast "A Trip Down Memory Lane: Warum Nostalgie uns retten kann" zu hören.

Zündfunk: Ist die Popkultur immer noch so besessen von der Vergangenheit wie Sie es vor zehn Jahren in Ihrem Buch beschrieben haben?

Reynolds: Die Vergangenheit scheint immer noch ein sehr wichtiger Teil der Popkultur zu sein. Aber nicht so extrem wie in den 2000er Jahren. Durch das Internet sind die Archive damals regelrecht explodiert, wir hatten auf einmal Zugang zur Vergangenheit wie nie zuvor. Es gab File-Sharing, Youtube war noch ganz neu. Das Zeitgefühl wurde in gewisser Weise aufgehoben, einfach weil die Vergangenheit so verfügbar war. Da gab es solche Trends wie die Hipstamatic-App, die einen Filter über Fotos gelegt hat, um sie alt aussehen zu lassen. Diese Vintage-Ästhetik war ziemlich angesagt, inzwischen ist sie nur noch ein Randphänomen. Die Ästhetik der letzten zehn Jahre ist ultra-digital. Alles glänzt. Die Leute wollen nichts mehr alt aussehen lassen, sondern sehr, sehr scharf. Sie wollen selbst digital aussehen. Das fällt einem sogar auf der Straße auf: so wie die Menschen sich schminken und ihre Augenbrauen präzise formen oder ihren Bart, wenn sie einen haben. Alles, damit es im Netz und auf Instagram gut wirkt. Diese hyper-digitale Ästhetik ist überall.

Auch in der Musik oder?

Die Popmusik ab Mitte der 2010er Jahre klang sehr nach dem Hier und Jetzt. Der Sound war hell und digital. Die Leute haben Auto-Tune benutzt, um den Sound verzerrt oder absichtlich außerirdisch klingen zu lassen, vor allem im Rap. Da ist viel Interessantes passiert, was überhaupt nicht retro war. Das war einfach sehr gegenwärtige Musik. Aber was ich seit etwa einem Jahr beobachte: dass es einen neuen Diskurs gibt. Darüber, ob es zu viel Retro gibt und warum wir so nostalgisch sind. Und man könnte sagen, dass es vielleicht damit zu tun hat, was in der Politik passiert und mit der Pandemie. Die hat die Menschen vielleicht ermutigt, sich in ihr Zuhause und in behagliche Dinge zurückzuziehen.

Sie haben auf ihrem Blog letztes Jahre eine eigene Rubrik gestartet, #retrotalk, in der Sie über Nostalgie-Phänomene schreiben und Artikel sammeln, etwa darüber, warum die Generation Z so verrückt ist nach den 80ern. Eines der faszinierendsten Nostalgie-Beispiele aus der jüngsten Zeit für Sie ist aber die Beatles-Doku "Get Back" von "Herr Der Ringe"-Regisseur Peter Jackson: Drei Teile, insgesamt rund acht Stunden Beatles "Behind the Scenes". Was macht die Doku so spannend?

Retrokultur-Experte Simon Reynolds.

Die Doku ist insofern interessant, weil es von vorn herein um ein nostalgisches Projekt ging. Paul McCartney wollte damals dieses Album namens "Get Back" machen. Er wollte zurück zu den Wurzeln der Beatles. Zurück zum Gefühl live aufzunehmen und als Band zusammenzuspielen, so wie sie es damals in Hamburg gemacht haben. Mehr Rock’n’Roll statt komplizierter Studiomusik wie auf dem Sgt. Pepper-Album. Und Paul McCartney wollte auch die Freundschaft aus den frühen Tagen wiederbeleben. Die war verloren gegangen als aus der Boy-Gang verheiratete Männer geworden waren. Das war also an sich schon ein nostalgisches Vorhaben. Und dann wird die Nostalgie gedoppelt, wenn wir zurückgehen zu dem Moment, wo wir Zeuge werden, wie die Band zerbrechen wird.

Was mir aufgefallen ist: Ich hab das Gefühl, wenn man auf TikTok und Instagram unterwegs ist, dass auch sehr junge Menschen sehr nostalgisch sind. Oft nach einer Zeit, die sie selbst gar nicht erlebt haben. Woran liegt das?

Das ist gar nicht unbedingt Nostalgie. Eher eine Faszination, die bestimmte Bilder aus der Vergangenheit auslösen. Zum Beispiel ein cooles Paar Stiefel oder eine Handtasche aus den 60ern. Oder das ikonische Foto einer Band. Sie saugen das auf einer visuellen Ebene auf: wie cool etwa The Velvet Underground aussahen. Aber junge Menschen sind offenbar auch wirklich nostalgisch was ihre eigene unmittelbare Vergangenheit angeht und TV-Shows von vor zehn Jahren. Mein jüngster Sohn ist 15 und hat kürzlich erst Musik von Kesha gehört, zu der man vor zehn Jahren getanzt hat. Also hier wird wirklich grade erst kurz zurückliegende Vergangenheit "nostalgiert". Ich kann mich nicht erinnern, dass ich als 15-Jähriger darüber nachgedacht hätte, worauf ich mit fünf Jahren stand. Das lag vielleicht auch daran, dass meine Jugendzeit sehr Jetzt-orientiert war. Das war die Post-Punk-Ära, die Zeit von New Wave und der Beginn von Synth-Pop. Es gab sehr viel futuristische Musik. Aber ich persönlich glaube auch: es liegt daran, dass man heute so einfach einen Clip von einer alten TV-Show oder so finden kann, die man mit acht Jahren gut fand. Und dann macht man darauf ein TikTok-Video oder postet es auf Instagram. So kann man in diesen in diesen Nostalgie-Momenten schwelgen.

In Ihrem Buch "Retromania" haben sie damals die "20-Jahres-Regel" beschrieben: dass alles, was mal populär ist, 20 Jahre später wiederkommt. Also dass die 80er zum Beispiel in den 2000ern wieder groß waren. Gilt diese Regel überhaupt noch?

Ich denke nicht. Man muss sich nur das 80er Revival anschauen, das ist endlos. Die Menschen orientieren sich immer noch an den 80ern. Ein Freund von mir hat mal gescherzt, dass das 80er Revival schon länger dauert als die 80er an sich. Und das hat er 2010 gesagt! Es gibt einige Jahrzehnte, zu denen immer zurückgekehrt wird, die sind feste Bestandteile von Revivals, weil damals so viel passiert ist. Und gleichzeitig gibt’s dann auch diese kürzeren Zyklen. Also dass sich Leute daran erinnern, was vor fünf Jahren war. Es gibt den Trend, Alben zu ihrem Zehnjährigen neu zu veröffentlichen. Als Deluxe-Version mit extra Songs. Und dazu gibt es dann Essays über diese Alben. Dabei ist das grade zehn Jahre her. Ich glaube sogar schon gesehen zu haben, wie fünfjährige Jubiläen gefeiert werden. Es gibt also verschiedene solcher Zyklen gleichzeitig und das liegt zum Teil daran, weil Content produziert werden muss. Es passiert so viel auf der Welt und wir kriegen so viel davon mit. Und die Magazine und Online-Publikationen brauchen trotzdem immer neues Material zum Veröffentlichen. Und eine Möglichkeit sind diese Gedenk- oder Jubiläumsartikel. Und außerdem wollen die Leute auch Zeug, um ihre eigenen Instagram oder Facebook oder sonstigen Social Media Feeds zu befüllen. Die Vorstellung, dass es einen 20-Jahres-Zyklus gibt, ist, glaube ich, überholt.

Simon Reynolds ist Gesprächspartner im Generator Podcast "A Trip Down Memory Lane: Warum Nostalgie uns retten kann." Darin gehen wir der Frage nach, woher Nostalgie eigentlich kommt, was hinter den aktuellen Nostalgie-Phänomenen in Popkultur und auf Social Media steckt. Und wir fragen uns, welche Rolle die Pandemie dabei spielt. Sind die Zukunftsaussichten so düster, dass nur noch der verklärte Blick zurück Trost spenden kann? Und wenn ja: wäre das so schlimm? Warum hat Nostalgie eigentlich so einen schlechten Ruf? Weitere Gesprächspartner sind der Psychologe Constantine Sedikides von der Universität Southampton in England und der Medienwissenschaftler Manuel Menke von der Universität Kopenhagen.

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