Bayern 2 - Zündfunk


37

Die neue Männlichkeit im Metal Warum die neuen Metal-Männer heavy und soft zugleich sind

Seit dem Skandal und den Vorwürfen um Marilyn Manson wird der Metal wieder häufiger mit toxischer Männlichkeit in Verbindung gebracht. Zwei Stars der Metalcore-Szene beweisen das Gegenteil und zeigen, dass Metal-Männer auch Softies sein können.

Von: Ferdinand Meyen

Stand: 18.03.2021

Bury Tomorrow bei einem Konzert im Dezember 2019 | Bild: picture alliance / Photoshot | -

Der Soundtrack der Apokalypse. Der Soundtrack der dicken Muskeln und der meterlangen Bärte. Der Soundtrack der Männer, die ihre Gitarre wie ein stählernes Ross auf der Bühne reiten und ihre Stimme so malträtieren, dass sie schon mit Mitte 30 klingt wie ein rostiger Diesel-Auspuff. Das ist Metal – oder zumindest ein paar der Klischees. Ja, in vielen Klischees steckt ein bisschen Wahrheit, das ist klar. Doch die Metal-Stars von heute verkörpern ein anderes Männerbild. Ein weiches, zerbrechliches. Das sieht man an zwei absoluten Aushängeschildern der Metal-Core-Szene. Daniel Winter-Bates von Bury Tomorrow und Sam Carter von den Architects. Ein bisschen paradox ist das schon, denn trotz allem klingt Metal aufgrund seiner vielen Shouts und Screams, der harten Riffs immer noch aggressiv. Wie kommt diese Mischung zustande?

Die neuen Metal-Männer sprechen über ihre Gefühle

„Ich will mich nicht über andere erheben. Ich bin genauso verletzlich und verwundbar wie jeder andere auch“, sagt Dani Winter-Bates, der Shouter von Bury Tomorrow. In ihrem neusten Album “Cannibal” aus dem Jahr 2020 führt er durch persönliche Krisen und die dunkelsten Momente seines Lebens – deshalb gilt er als in der Metal-Szene als Gallionsfigur für das Thema Mental Health. Er erzählt, dass das für ihn eine große Herausforderung war, er aber sehr gerne offen mit seinen Gefühlen umgeht. „Ich hatte eine schwierige Zeit, bevor das Album rauskam. Bei mir wurden Depressionen diagnostiziert. Deshalb habe ich mir vorgenommen, das laut und offen anzusprechen. Ich wollte den Leuten klarmachen, dass es okay ist, über Mental Health zu reden.“

YouTube-Vorschau - es werden keine Daten von YouTube geladen.

Bury Tomorrow - Cannibal (Official Video) | Bild: BuryTomorrowVEVO (via YouTube)

Bury Tomorrow - Cannibal (Official Video)

Auch Sam Carter von der Metalcoreband „Architects“ besingt gerne mal die weichen Themen. Und bei ihm kommt auch eine politische Depression dazu. „Ich verstehe wirklich nicht, wie man heute auf die Welt schauen kann und einem das nicht nahegeht. Es ist doch alles total verrückt“, erzählt er in Bezug auf die Klimakrise. Sam Carter ist außerdem ein Vorbild in der Szene im Kampf gegen Frauenfeindlichkeit. Mit einer Bühnen-Ansprache gegen Sexismus ist er vor ein paar Jahren viral gegangen. „Das ist hier auf unserer Show nicht erwünscht“, sagte er damals. „So viele Leute haben mir geschrieben, wie wichtig das war – und dass ihnen das Gleiche auch schon Mal passiert ist“, erzählt er im Rückblick.

Safe-Spaces für Mental Health

Sowohl Sam Carter, als auch Dani Winter-Bates von Bury Tomorrow wissen, dass es für Gleichberechtigung in der Metal-Szene noch nicht reicht, ein softer und verständnisvoller Mann zu sein. Trotzdem wollen sie Safe Spaces bieten, die die Szene auch für Frauen attraktiver machen. Aber ist ihre Zerbrechlichkeit und Softeness wirklich eine so neue Entwicklung? Kulturwissenschaftler Jörg Scheller hält das für ein Missverständnis: „Wenn man sich zum Beispiel den klassischen Metal anhört: Metallica, 'Fade to black'. Das ist ein Song über Depressionen. Also im Metal wurde das Fragile, das Verletzliche eigentlich immer schon thematisiert.“ Jörg Scheller ist Experte in Sachen harter Musik, hat ein Buch geschrieben mit dem Titel: Metalmorphosen. Sein Argument: Verschiedene Männlichkeitsbilder im Metal haben schon immer miteinander konkurriert. Und dass das Genre dann trotzdem so hart und aggressiv ist, und nicht weichgespült und mainstreaming – das macht für ihn erst seinen Reiz aus: „Metal springt in weiten Teilen nicht auf eine Mainstream-Form von Political Correctness auf, sondern er ist eine Musik, die irritiert, ist eine Musik, die provoziert. Es ist eine Musik, die das Dunkle und Verstörende nicht einfach beiseite wischt, sondern die es zu Tage treten lässt.“

YouTube-Vorschau - es werden keine Daten von YouTube geladen.

Architects - "Animals" | Bild: Epitaph Records (via YouTube)

Architects - "Animals"

Zerbrechliche Männlichkeit statt Machismo

Männer wie Daniel Winter-Bates oder Sam Carter halten gar nichts von Typen wie Marilyn Manson. Manson wird gerade vorgeworfen, mehrere Frauen vergewaltigt oder emotional missbraucht zu haben. Oder Typen wie Tim Lambesis von der Metalcore Band „As I Lay Dying“, der mehrere Jahre im Gefängnis saß, weil er einen Auftragskiller auf seine Ex-Frau angesetzt hat (Sie hat überlebt). Gegen solche Bilder in der Metal-Szene kämpfen sie an. Der Bury-Tomorrow-Frontmann Daniel Winter-Bates weist aber auch darauf hin, dass toxische Männlichkeit ein Problem ist, das weit über die Metal-Szene hinausgeht: „Diese toxische Männlichkeit, diese Misogynie: Solche Männer glauben, sie könnten Frauen herumkommandieren – das ist doch einfach unglaublicher Irrsinn! Leider habe ich das in vielen Ländern beobachtet – und ich bin wirklich schon weit rumgekommen: Männer spüren den Drang, sich über die Frauen zu stellen.“ Daniel-Winter Bates und Sam Carter zeigen also, dass man Männlichkeitsbilder im Metal auch anders ausfüllen kann - und die Klischees falsch sind. Ihr Männlichkeitsbild könnte, wenn es sich denn durchsetzt, auch dazu führen, die Metal-Szene einen ganz neuen Schub bekommt. Und endlich auch einladender für noch mehr Frauen wird.

Hinweis: Mit einem Klick auf das Bild startet ihr die Sendung zum Thema neue Männlichkeit im Metal.


37