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Xenia Sobtchak - allein gegen Putin Wie ein ehemaliges It-Girl gerade Russlands Politik aufmischt

Frischer Wind im russischen Wahlkampf: Xenia Sobtchak, ehemaliges It-Girl und TV-Star, schafft es als einzige Putin-Kritikerin auf den Wahlzettel. Sie ist pro-europäisch, liberal, feministisch - und spaltet die Protestszene.

Von: Maria Fedorova

Stand: 23.02.2018

Ksenia Sobtchak | Bild: Ksenia Sobtchak/ instagram

"Die Blondine in Schokolade" - eine Reality-Show von Xenia Sobtchak. Und der Grad an Trash und Glamour ist so hoch wie der Titel verspricht. Xenia Sobtchak erzählt von ihrem Leben als vulgäres, lautes It-Girl, als "rich kid gone wild". Sie stammt aus einer Familie hochrangiger Politiker. Doch sie wollte lieber berühmt werden. Sie moderierte den russischen Ableger von "Big brother" und "Russias Next Topmodel".

Man weiß nicht, wie viele TV-Sendungen Sobtchak noch produziert hätte, hätte sie sich nicht irgendwann dieses ernsthafte Makeover verpasst. Mit dem 36. Lebensjahr hat sie das Recht, für das Präsidentenamt zu kandidieren. Und macht davon Gebrauch.

Xenia Sobtchak auf instagram

Xenia Sobtchak ist die einzige regierungskritische Kandidatin, die gegen Putin bei den Wahlen im März antritt. Sie sagt, sie wolle das gesamte politische System reformieren. Also weg vom autoritären Putin hin zu einem liberalen, pro-europäischen Land. Eigentlich müsste Xenia die Hoffnung der Opposition schlechthin sein. Doch ihre plötzliche Politisierung kauft ihr keiner ab.

"Mein Name ist Xenia und ich habe was zu verlieren"

Im Jahr 2011 trat sie zum ersten Mal politisch in Erscheinung. Damals gingen tausende auf die Straße um gegen die Wahlfälschungen bei den Parlamentswahlen zu protestieren. Es war die größte Demo in der jüngsten Geschichte Russland, die auch Sobtchak nicht kalt gelassen hat. Oder wie sie es ausdrückt: "Mein Name ist Xenia und ich habe was zu verlieren. Trotzdem bin ich hier."

Tatsächlich wurden Xenia Sobtchak nach diesem Auftritt alle Jobs im staatlichen Fernsehen gekündigt. War aber nicht weiter schlimm: Sie fiel weich, bekam neue Jobs – bei unabhängigen Medien. Und will jetzt als Präsidentschaftskandidatin der Opposition Gehör verschaffen: "Ich rufe alle dazu auf bei den Wahlen abzustimmen. Nicht für Xenia Sobtchak. Sondern gegen alle, all diese Politiker, auf die wir kein Bock mehr haben. Eine Stimme für mich wäre eine Stimme gegen alle."

Wirklich? Für viele in Russland, die sich eine solche Stimme durchaus wünschen würden, hat die Kampagne von Xenia Sobtchak einen starken Beigeschmack von Fake. Der Vorwurf lautet auch in den westlichen Medien: Mit ihrer Kandidatur legitimiere Sobtchak erst, dass die Wahl eigentlich unfrei ist. Und lenke die Aufmerksamkeit von dem einzigen ernst zu nehmenden Putin-Gegner ab - Alexey Nawalny, der als Kandidat gar nicht erst zugelassen wurde.

"Eine Stimme für mich wäre eine Stimme gegen alle"

Xenia Sobtchak bei einer Christian Dior Modenschau, 2014

Sobtchak sei vielmehr eine Sparring-Partnerin von Putin, so die Kritiker. Ihr Vater war schließlich Putins Mentor. Dafür, dass das stimmt, spricht auch die Tatsache, dass Sobtchak nun als erste Oppositionspolitikerin seit 20 Jahren in den Staatsfernsehen auftreten darf. Allerdings nutzte sie diesen auf welchem Weg auch immer erlangten Freifahrtschein, um richtig aufzuräumen. Laut fallen die Namen der politischen Gefangenen bei ihrem Auftritt, der Ton ist ungewöhnlich scharf: "Ihr, die föderalen Sender erzählt  immer, dass außerhalb unseres Landes alles schrecklich sei. Dass wir von Feinden umgeben sind. Dabei sind wir ein internationaler Aggressor."

Auch in den USA, wo Xenia Sobtchak im Januar ihre Politik beworben hat, Reden hielt und von CNN interviewt wurde, zog Sobchak alle Register der großen, außenpolitischen Gesten, die man sonst nicht aus Russland hört. Und national will sie "neue" Themen aufs Parkett bringen - LGBT-Belange und Kriminalität zum Beispiel.

"Ich möchte der Politik eine neue Richtung geben"

Damit ist Sobtchak nicht nur weit weg von Putin, sondern auch vom oppositionellen nationalistisch-patriotischen Nawalny. Ihr Programm ist kurz und vage gehalten, sie nennt es 123 Punkte, und an den Sieg glaubt sie eher nicht. Aber sie nutzt die Plattform, die sie jetzt hat, für ihre Themen und sagt selbstbewusst: "Die Macht denkt, ich sei eine gute Sparring-Partnerin? Ist ok, wenn es so ist. Ich nutze die Situation um darüber zu sprechen, was diese Regierung wirklich ausmacht."

So spaltet Sobchak die Opposition und die potenziellen Wähler: Darf man kandidieren, ohne Absicht zu gewinnen? Was soll das dann alles? Braucht Russland eine Prominente in der Politik, die ihre Aura aus radical chic und ihren Draht zur Macht instrumentalisiert - auch wenn es für den guten Zweck ist?

Die Wahlkampf-Strategie von Sobtchak ist jedenfalls etwas Neues für Russland. Um die Opposition mächtig zu machen, reicht es aber nicht. Ein Land ohne Protest-Freiheit verzeiht eben keine Biografie-Fehler. Wer es mit Putin aufnehmen will, braucht mindestens Protest-Credibility.


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