Bayern 2 - Zündfunk

Khesrau Behroz im Interview WTF happened to Ken Jebsen? Wie man vom Jugendidol zum Verschwörungsideologen wird

Wie wird einer so? Wie konnte aus dem gefeierten Moderator und Jugendidol Ken Jebsen ein Verschwörungstheoretiker werden? Der sechsteilige Podcast "Cui Bono - WTF happened to Ken Jebsen?" erzählt die Geschichte vom Aufstieg und Fall von "KenFM". Wir haben mit Macher Khesrau Behroz gesprochen.

Von: Katja Engelhardt

Stand: 24.06.2021

Podcastcover von Cui Bono: WTF happened to Ken Jebsen? Artwork von Henning Wagenbreth | Bild: Studio Bummens/rbb/NDR

Seit März 2021 wird Ken Jebsens mit seiner Plattform "KenFM" vom Verfassungsschutz beobachtet. "KenFM" verbreite Falschinformation und Desinformation, und treibe damit die Radikalisierung der sogenannten Querdenker-Szene voran, heißt es in der Begründung. Es ist das Ergebnis einer monatelangen Prüfung. Zu dem Zeitpunkt war der Youtube-Kanal des gebürtigen Krefelders Kayvan Soufi-Siavash, so Jebsens bürgerlicher Name, schon gesperrt.
Der Podcast "Cui Bono - WTF happened to Ken Jebsen" zeichnet die Radikalisierung des ehemaligen rbb-Moderators nach. Zünfunk-Moderatorin Katja Engelhardt hat mit Khesrau Behroz gesprochen. Er ist Host und Hauptautor von "Cui Bono". Der Podcast steht gerade an der Spitze der verschiedenen Audio-Plattformen.

Zündfunk: Es gibt ja eine ganze Menge Verschwörungsideolog*innen – wieso habt Ihr euch auf Ken Jebsen konzentriert?

Khesrau Behroz: Jebsen ist einer der erfolgreichsten Verschwörungstheoretiker Deutschlands, er ist mit am längsten dabei. Und: Ken Jebsen hat eine Vorgeschichte. Und diese Vorgeschichte macht ihn so interessant, weil man daran eine Entwicklung nachzeichnen kann, wie er vorher war und was dann aus ihm geworden ist. Wie ist aus einem erfolgreichen Radiomoderator ein Verschwörungstheoretiker geworden?

Gab es denn diesen einen Moment, wo du sagst: Hier ist die Situation gekippt?

Für mich gab es nicht diesen einen Moment, es gab viele Bruchmomente. Einer davon, das zeigen wir in der zweiten Episode unseres Podcasts, war der 11. September. Die Terroranschläge vom 11. September haben in Jebsen offenbar etwas gerührt. Er hat dann auch öfter über den 11. September berichtet, hat zum zehnten Jahrestag eine ganze Ausgabe dazu gemacht. Er hat sich relativ früh mit dieser Truth-Bewegung beschäftigt und das auch in seine Sendung übernommen. Also diese Idee, dass Nine Eleven ein Inside Job gewesen sei, ein Werk von Insidern. So hieß die Sondersendung beispielsweise “Nine Eleven, happy birthday Terrorlüge“.

Wie ging das weiter?

Dann gab es den Moment, als er vom rbb gefeuert wurde, also von dem System, in dem er zehn Jahre lang drin gewesen ist. Zehn Jahre lang konnte er seine Sendung machen und auch davor war er ja schon als Radiomoderator tätig. Und dann wird er plötzlich aus diesem System rausgeschmissen.

Hätte man ihn oder jemanden wie Ken Jebsen „im System“ behalten können oder sollen, was denkst du persönlich?

Khesrau Behroz ist Host des Podcasts "Ciu Bono: WTF happened to Ken Jebsen?"

Ich glaube, auch Systeme haben erst einmal Grenzen, sonst wären sie keine Systeme. Diese Grenzen sind klar benannt. Wenn Du in Deutschland beispielsweise den Holocaust leugnest, bist Du im Bereich der Strafe, kann vor Gericht kommen und bekommst dafür eine - wie ich finde - gerechte Bestrafung. Und Ken Jebsen befand sich eben auch in einem System. Und das ist es, was wir in unserem Podcast versuchen zu beschreiben, diesen Gärprozess. Das war keine Impulsentscheidung, dass Jebsen dann plötzlich draußen war, sondern ein Prozess, in dem Ken Jebsen sich immer weiter von diesem rbb-System entfernt hat und dadurch auch so ein bisschen Narrenfreiheit - oder vermeintliche Narrenfreiheit - genossen hat. Und das ist dann am Ende eskaliert und führte zum Rauswurf. Ich würde schon sagen: Ken Jebsen hat im Grunde genommen sein eigenes Schicksal heraufbeschworen. Das sind keine Zufälle gewesen. Er war zu jeder Zeit Herr seiner Lage und hätte andere Entscheidungen treffen können. Das hat er nicht gemacht. Und ich glaube, genau das versuchen wir nachzuzeichnen.

Der rbb war Jebsens Arbeitgeber und hat diesen Podcast mitproduziert – und zwar alle Folgen außer der zweiten. Denn da geht es ganz viel um die Rolle des rbb.

Ich glaube, alles was ich dazu sagen kann, ist im Podcast zu hören. Die Situation mit dem rbb ist eben eine komplizierte, weil es durch die unterzeichnete Vereinbarung zum Stillschweigen nicht möglich war, über den rbb an bestimmte Informationen zu kommen. Wir haben den rbb in der Episode 2 genauso behandelt, wie wir alle anderen Protagonistinnen behandelt haben. Das heißt, ich habe einen sehr umfangreichen Fragenkatalog an den rbb geschickt. Und der rbb hat sich entschieden, diese Fragen nicht zu beantworten, weil er nicht durfte. Und dann haben wir versucht, diese Informationen eben, wie man das halt so macht als Journalist*in anderweitig zu bekommen.

Im Podcast kommt auch Holger Klein, ein ehemaliger Kollege von Ken Jebsen vor, der den damaligen Vorwurf des Antisemitismus nochmal einordnet. Was, denkst du, ist sein Interesse? Wie haben die Leute auf Euch reagiert, mit denen Ihr gesprochen habt?

Das musst du Holger Klein fragen. Ich kann nur sagen, dass die Leute, die nicht mit uns gesprochen haben, das teilweise aus den Gründen gemacht haben, die evident sind. Ich glaube, viele machen sich natürlich Vorwürfe: Hätte ich das damals nicht sehen müssen? Hätte ich da was sagen sollen? Hätte ich da mehr machen können? Es war eine sehr aufreibende Situation für alle damals. Jebsen war ja wirklich sehr lange beim rbb. Wir haben übrigens auch Ken Jebsen für ein Interview angefragt. Er hat auf keine unserer Anfragen geantwortet.

Warum kommt der Podcast eigentlich gerade jetzt?

Wir haben vor über acht Monaten angefangen, diesen Podcast zu recherchieren.  Wir haben beobachtet, wie die Querdenker-Demonstrationen auf den Straßen immer größer, immer gewalttätiger, immer aggressiver wurden. Und wir haben als eine der Figuren, die dort aktiv war, eben Ken Jebsen identifiziert.

Ihr erzählt nebenbei auch von vielen anderen Verschwörungsideolog*innen. Es gibt da mitunter auch Parallelen. Kann man also aus dem Fall Ken Jebsen etwas lernen?

Ich denke schon, dass man an der Geschichte von Ken Jebsen sehen kann, wie ein Verschwörungstheoretiker entsteht. Nicht nur wie er entsteht, sondern was Verschwörungstheorien anrichten können. Ich glaube, wir haben am Anfang den Fehler gemacht, Verschwörungstheoretiker „Schwurbler“ zu nennen. „Schwurbler“, das klingt so relativ niedlich, nach etwas, wo man nicht so viel Aufmerksamkeit drauflegen sollte. Und das ist eine Sache, die uns wichtig ist: Wir müssen da genauer hinschauen. Diese Verschwörungstheorien haben echte, reale Konsequenzen für Menschen in unserer Gesellschaft. Wenn sich beispielsweise eine Person gegen die Impfung entscheidet, weil sie sagt, da wird mir einen Chip eingepflanzt, dann ist das erst Mal für sie gefährlich, weil sie ungeimpft durch die Welt geht, sich unter Umständen anstecken kann und erkrankt. Und für die Gesellschaft ist es gefährlich, weil wir im Grunde genommen diese Immunität nicht erreichen können, wenn Menschen sich nicht impfen lassen. Das sind zum Beispiel reale Konsequenzen. Und deswegen glaube ich schon, dass man daraus etwas lernen kann.

Den Podcast "Cui Bono: WTF happened to Ken Jebsen?" hört ihr in der ARD Audiothek und überall da, wo es Podcasts gibt. Und hier könnt ihr den Bayern 2-Podcast-Entdecker-Newsletter abonnieren!