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Sexuelle Belästigung im Internet? Dick Pics, Beleidigungen, sexuelle Angebote - womit man sich auf eBay Kleinanzeigen rumschlagen muss

Auf Plattformen wie Ebay-Kleinanzeigen erhalten vor allem Frauen immer wieder übergriffige und sexualisierte Nachrichten. Der Macher der Comedyseite „Best of Kleinanzeigen“ hat deshalb eine Petition gestartet, die diese Messages als sexuelle Belästigung einstufen soll.

Von: Alexandra Martini

Stand: 13.06.2019

Ein Chatverlauf | Bild: BR

Ebay-Kleinanzeigen steht eigentlich für das Gute im Internet: Alte Ikea-Schränke loswerden oder günstig ein gebrauchtes Handy kaufen. Und die Seite kann unterhaltsam sein: Über 538.000 Follower auf der Facebookseite „Best of Kleinanzeigen“ amüsieren sich tagtäglich über die bizarrsten Ausschnitte aus der Welt der Kleinanzeigen. Chats aus absurden Verkaufsverhandlungen, witzige Verkaufsobjekte oder Schreibfehler, die von der Community meist genüsslich durch den Kakao gezogen werden.

Doch für viele Nutzerinnen und Nutzer hat die Plattform auch eine ganz andere Seite: Sie werden beleidigt, erhalten sexualisierte Nachrichten oder bekommen Dick-Pics zugeschickt. Auf dieses Thema hat der Hamburger Marcel Rolf* (Name geändert) in dieser Woche aufmerksam gemacht. Marcel betreibt die Seite „Best of Kleinanzeigen“ und bekommt tagtäglich bis zu 300 Screenshots zugeschickt – doch leider sind nicht alle einfach lustig. Nachdem ihn die Community auf die sexualisierten Nachrichten hingewiesen hat, ist Marcel kurz aus dem Spaßmodus ausgestiegen und hat einen sehr ernsten Post veröffentlicht. „Gerade auf Plattformen im Internet auf denen Menschen aufeinandertreffen um z.B Dinge zu kaufen/verkaufen, Wohnungen zu vermieten oder Ähnliches kommt es immer mehr zu Fällen von (in meinen Augen) sexueller Belästigung“, schreibt Marcel.

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Best of Kleinanzeigen

Guten Tacho, heute muss ich leider einmal mit einem ernsten Thema um die Ecke kommen. Wie ihr wisst bekomme ich...Gepostet von Best of Kleinanzeigen am Montag, 10. Juni 2019

Meist sind Frauen betroffen

In den Screenshots, die Marcel geschickt bekommt, werden Frauen in Verkaufsverhandlungen plötzlich nach Nacktfotos gefragt oder nach ihren getragenen Schuhen oder Unterwäsche. Es werden ungefragt Dick-Picks verschickt oder ganz bewusst Notlagen ausgenutzt: Marcel Rolf* erzählt im Interview von einer Frau, die ein dringendes Wohnungsgesuch aufgegeben hatte: „Daraufhin hat sie ein Herr angeschrieben, der gesagt hat: Hey ich habe eine passende Wohnung für dich. Wenn du willst kannst du sie mieten. Aber dann hat er die Bedingung gestellt: damit sie die Wohnung bekommt muss sie mit ihm Geschlechtsverkehr haben.“ Solche Fälle, so Marcel von „Best of Kleinanzeigen“, hätten sich in letzter Zeit gehäuft. Auf dem Mietmarkt, aber auch im Bereich der Jobsuche oder beim Kauf von Handys.

Für Marcel sind dieser Nachrichten sexuelle Belästigung. Laut Strafgesetzbuch jedoch muss für eine sexuelle Belästigung eine Berührung vorliegen. Deswegen möchte er das Gesetz ändern. Per Petition fordert er das Bundesjustizministerium auf Maßnahmen zu ergreifen, „um die ausufernden Belästigungen im Internet einzudämmen und zu bekämpfen.“ Das Ziel müsse sein, „sexuelle Belästigung im Internet strafrechtlich besser und transparenter“ bekämpfen zu können.

Braucht es ein neues Gesetz?

Juristen sind indes unentschlossen, ob ein neues Gesetz nötig sei. Viele der genannten Taten seien anderweitig strafrechtlich relevant: etwa als Nötigung oder Beleidigung. Es herrsche kein Mangel an Gesetzen, so ein Strafrechtler, sondern ein Defizit bei der Verfolgung vieler Delikte.

Zugleich sehen Kritiker auch die Plattformen selbst in der Pflicht mehr gegen sexualisierte Nachrichten zu unternehmen. Auf Anfrage gibt „Ebay Kleinanzeigen“ an das Problem zu kennen. Nach eigenen Angaben setzt man automatisierte Filter ein, um derartige Nachrichten „abzufangen“ - doch nicht immer mit Erfolg. Auf Zündfunk-Anfrage beschreibt der Pressesprecher von Ebay-Kleinanzeigen, Pierre Du Bois, das Problem der sexuellen Belästigung als „regelungsbedürftig“. „Unserer Einschätzung zufolge bewegen sich die Täter in einem rechtlichen Graubereich – wir begrüßen daher entsprechende Forderungen, diesen Graubereich zugunsten klarer Regeln aufzulösen. Wir arbeiten bereits heute eng mit den Strafverfolgungsbehörden zusammen – beispielsweise erteilen wir im Rahmen von Auskunftsersuchen umfassende Datenauskünfte zu Beschuldigten.“

Damit Marcels Petition im Bundestag zum Thema wird, muss er 50 000 Unterschiften sammeln. Ob er diese Marke erreichen wird ist unklar. Marcel Rolf* ist vor allem wichtig, eine öffentliche Diskussion anzustoßen.

*Auf Wunsch von Marcel ist sein Nachname zum Schutz seiner Privatsphäre auch hier sein Pseudonym der Comedyseite „Best of Kleinanzeigen“.


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