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Gegen das Serienmonopol Wo uns die Skandinavier im Kampf gegen Netflix voraus sind

Nordic-Noir-Serien aus Skandinavien sind schon seit Jahren oft Volltreffer. Und trotzdem schließen sich die Skandinavier nun zusammen, um mit der Serienoffensive "Nordic12" noch mehr Qualität abzulieferen im Kampf gegen Netflix. Kann sich das deutsche Fernsehen da was abschauen?

Von: Niklas Schenk

Stand: 11.05.2018

Die dänische Serie Borgen: Die Politikerin Birgitte Nyborg Christensen (Sidse Babett Knudsen) inmitten von Journalisten und ihrer Familie | Bild: picture alliance / dpa

Es ist die Serie der Stunde im schwedischen Fernsehen: "Home Ground", die Geschichte einer Fußballerin, die eine Herrenmannschaft trainiert. Produziert wurde "Home Ground" aber nicht vom schwedischen Rundfunk "SVT", sondern von den "NRK"-Kollegen aus Norwegen. "Home Ground" ist nur die erste von zwölf Serien der Serienoffensive "Nordic12", mit der sich die skandinavischen Sender gegen das Netflix-Monopol behaupten wollen. Wo sind uns die Skandinavier im Kampf gegen Netflix, Amazon Prime Video und Co. voraus?

Jedes Land will die beste Nordic-Noir-Dramaserie machen – aber alle helfen einander

Zunächst einmal in der Zusammenarbeit. Den Zusammenschluss "Nordvision" der fünf nordischen Staaten Schweden, Norwegen, Dänemark, Finnland und Island gibt es schon seit 1959. "Anfangs war der Grund für unsere Zusammenarbeit ganz einfach: Fernsehen zu machen ist sehr teuer, das hätten wir uns alleine nicht leisten können", sagt Henrik Hartmann, Generalsekretär von Nordvision. Gemeinsam wurde technisches Equipment angeschafft und verliehen – vor allem inhaltlich arbeitete man von Anfang an eng zusammen.

Henrik Hartmann, Generalsekretär von Nordvision

Seit mehr als fünfzig Jahren tauschen die Rundfunksender fleißig untereinander Sendungen aus, produzieren gemeinsam, teilen sich die Kosten. Nun soll das noch weiter verstärkt werden. Im neuen Projekt "Nordic12" gibt es zwölf Serien, die zusammen gemacht werden. Jeden Monat kommt eine neue raus. Eine gemeinsame Mediathek oder Plattform wie Netflix gibt es dabei zwar nicht, aber die Serien können in allen Ländern geschaut werden. Da die Serien gemeinsam finanziert werden, hilft es natürlich, dass es eine länderübergreifende skandinavische Fähigkeit zu geben scheint, düstere Nordic-Noir-Dramas und Krimis rauszuhauen. "Am Anfang waren die Schweden die Besten, dann kamen die Dänen. Aktuell sind die Norweger und Isländer sehr stark. Eigentlich fehlen nur noch die Finnen mit guten Dramaserien. Es gab also eine Art Wettkampf und dadurch wurde auch die Qualität immer besser", sagt Hartmann.

Regionale Schauplätze zeigen statt blind die USA zu kopieren

Eine weitere skandinavische Stärke: Regionalität. Die Serien zeigen das Leben vor Ort. Der mürrische Kommissar. Die blinde Finnin auf der Suche nach der großen Liebe. Die norwegische Fußballtrainerin. Und das alles immer vor heimischer Kulisse. Content, der für das heimische Publikum prädestiniert ist und vielleicht gerade deshalb auch international begeistert. Es scheint eine gute Idee, keine Krimis zu machen, in denen man zwanghaft amerikanischen Vorbildern nacheifert.

Einfach loslegen – und gemeinsam Druck auf die Politik ausüben

Vor allem aber tun die Skandinavier eines: Sie machen einfach. Das Projekt "Nordic12" haben sie untereinander ausgemacht – obwohl manche Rahmenbedingungen noch gar nicht geklärt sind. Mindestens zwölf Monate wollen die Skandinavier ihre Serien im Netz behalten. Dass die Serien bisher oft 30 Tage nach der Ausstrahlung der letzten Folge im Netz gelöscht werden mussten, sei nicht mehr zeitgemäß, sagt Henrik Hartmann.

"Leute unter 40 schauen kein Fernsehen mehr, streamen aber wirklich viel. Sie wollen auf unseren Seiten im Netz die Auswahl aus allem haben. Deshalb wollen wir alles mindestens ein Jahr online zeigen können."

Henrik Hartmann

Natürlich können auch die öffentlich-rechtlichen Kollegen aus Skandinavien nicht einfach alles so beschließen, sondern müssen solche neuen Regeln auch mit der Politik absprechen. "Da laufen aktuell noch einige Verhandlungen", sagt Hartmann. Es ist also noch gar nicht klar, ob wirklich alle zwölf angedachten Serien aus dem "Nordic12"-Projekt ein Jahr oder länger im Netz stehen dürfen. "Wenn die Verhandlungen bei einer Serie nicht erfolgreich sind, suchen wir uns eine andere. Für uns ist jetzt entscheidend, dass unsere Inhalte länger im Netz sind", betont Hartmann.

Untereinander haben sich die skandinavischen Sender auf diese Prämisse längst geeinigt und üben mit diesem Zusammenschluss nun Druck auf die Politik aus. Und das alles, obwohl es auch in Skandinavien gerade hitzige Diskussionen um die Zukunft des Rundfunks gibt. So wurde das Budget der dänischen Rundfunksender gerade um 20 Prozent gekürzt. Manche Politiker möchten die Öffentlich-Rechtlichen am liebsten ganz abschaffen, sagt Henrik Hartmann.

Und in Deutschland? Pläne einer "Supermediathek"

Ulrich Wilhelm, BR-Intendant und zurzeit ARD-Vorsitzender

Fernseh-Kollegen aus der Schweiz, Großbritannien oder Frankreich hätten sich schon bei ihm über die skandinavischen Pläne erkundigt, sagt er. Viele hätten schon konkrete Ideen, wie sie mit anderen Sendern zusammenarbeiten können. Wird aus dem skandinavischen Sharing-Modell also ein europaweiter Trend? Immerhin, auch in Deutschland gibt es seit einigen Monaten Pläne einer sogenannten "Supermediathek". Ulrich Wilhelm, BR-Intendant und zurzeit ARD-Vorsitzender, wirbt für diese Idee. Statt verschiedener Mediatheken für jede Rundfunkanstalt könnten in einer "Supermediathek" alle Inhalte zusammenlaufen – gemeinsam mit Nicht-ARD-Inhalten: "Ich glaube, dass eine solche gemeinsame Plattform sinnvoll wäre. Damit wir wirklich was ändern an der hohen Abhängigkeit der US-Plattformen, da bräuchten wir eine große Lösung. Die geht nur, in dem Medienangebote unterschiedlichster Art – da könnten auch Museen oder Buchverlage dabei sein – zusammenarbeiten und die sagen: Hilft uns die Politik dabei?"

Da ist sie wieder. Die Politik und das Warten auf ihre Entscheidungen. Wenigstens haben Deutschland und Skandinavien da schon etwas gemeinsam.


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