Bayern 2 - Zündfunk

Drei Meinungen Die WM in Katar boykottieren? Ja! Nein! Vielleicht!

Soll ich’s wirklich machen oder lass ich’s lieber sein? Viele fragen sich, ob sie zum Beginn des Turniers in Katar den Fernseher auslassen und die WM boykottieren sollen. Es gibt Gründe dafür, Gründe dagegen und Gründe die zeigen, dass die Frage am eigentlichen Problem vorbeigeht. Eine Frage, drei Meinungen.

Von: Nabila Abdel-Aziz, Ferdinand Meyen, Michael Bartle

Stand: 18.11.2022

11.11.2022, Katar, Doha: Ein deutscher Fan, der einen Thobe, ein traditionelles katarisches Kleid, trägt, posiert für ein Foto auf dem Flaggenplatz. Hier werden die letzten Vorbereitungen für die Fußballweltmeisterschaft getroffen, die am 20. November mit dem Spiel Katar gegen Ecuador beginnt. Foto: Hassan Ammar/AP/dpa +++ dpa-Bildfunk +++ | Bild: dpa-Bildfunk/Hassan Ammar

Katar-Boykott? Unbedingt!

von Ferdinand Meyen

Im Boykott der Weltmeisterschaft in Katar liegt in meinen Augen eine große Chance. Denn die WM zeigt, wie perfide die Gesellschaft im globalen Norden ihr Leben und ihr Wirtschaften seit vielen, vielen Jahren organisiert. Damit wir unseren Wohlstand in vollsten Zügen genießen und ausleben können, leiden anderswo Menschen. Der Soziologe Stephan Lessenich nannte das „Externalisierungsgesellschaft“. Er schrieb 2017: „Wir haben uns aufs Gewinnen spezialisiert – und die anderen aufs Verlieren festgelegt.“ Wir kaufen zum Beispiel, Zitat K.I.Z, "Nike-Schuhe mit eingenähter Kinderhand" oder lagern unsere Abfälle in irgendwelchen giftigen Deponien in Afrika. Beuten andere aus für unseren Status Quo.

Dank Katar ist Wegschauen unmöglich

Wirtschaftsminister Habeck macht in Katar Geschäfte

Teil der Externalisierungsgesellschaft war bis jetzt das Ausblenden. Das sich selbst für fortschrittlich, demokratisch und klimafreundlich Halten. Während das Wissen um die Kosten der eigenen Privilegien irgendwo im hintersten Winkel des Hinterkopfs verstaut ist. Doch dank Katar ist das Wegschauen jetzt nicht mehr möglich. Der Kapitalismus hat es einfach zu weit getrieben. Schätzungsweise 6.500 tote Arbeiter für 28 Tage Fußballfest? Ausbeutung, damit England, Frankreich, Deutschland geile Public-Viewing-Abende genießen können? Spiele auf Kosten von Menschenrechten? Katar verkörpert die Externalisierungsgesellschaft. Auch abseits der WM.

Im Land herrscht seit 1971 eine Dynastie, die mit repressiven Methoden gegenüber 2,5 Millionen Arbeitsmigrant*innen billig Öl und Gas an den globalen Norden verkauft. Man muss sich das nur mal geben: Katar ist eigentlich halb so groß wie Hessen! Und hat nur halb so viele Einwohner wie Gelsenkirchen. Die sich an den Energiedeals und der Ausbeutung der Arbeitsmigrant*innen dumm und dämlich verdienen. Um an Katars Geschäftsmodell etwas zu ändern, wird keine WM, kein Human-Rights-Slogan auf irgendeinem Fußballtrikot und kein Social-Media-Post etwas ändern. Da hilft nur der Boykott!

Sinnvoller WM-Boykott geht über’s Fernseher-Ausschalten hinaus

Und das bedeutet nicht nur den Fernseher auszulassen und sich selbstgefällig auf die Schulter zu klopfen, sondern auch, WM-Sponsoren wie Adidas oder McDonalds nicht mehr finanziell zu unterstützen! Keine billigen Sneakers mehr und nie wieder betrunkene After-Party-Cheeseburger! Selbst die Deutsche Bahn hat ja Geld in Katars Schienennetz gesteckt.

Ferdinand Meyen

Und bitte: Auch in Zukunft konsequent gegen die Ausbeutung agieren. Im Kleinen versuchen, seine Mechanismen nicht mehr mitzuspielen, im Großen gegen Gas-Deals mit Ländern wie Katar auf die Straße gehen. Und gegen die Abschottung der europäischen Union an ihren Außengrenzen gegenüber den Menschen, die wegen unserem Handeln aus ihren Heimatländern fliehen müssen. Denn das Grundproblem ist nicht, dass Katar die Bösen sind und wir die Guten. Wir tragen die Verantwortung für die Ausbeutung. Und es wird immer schwerer das zu leugnen.

Katar-Boykott? Nein! Nur zum modernen Fußball

von Michael Bartle

Thomas Müller bei der Vorbereitung zur WM

Ich war viele Jahre ein begeisterter Fußball-Ultra, bin selbst der Capitano einer immer älter werdenden Freizeitmannschaft in München. Natürlich schmerzt mich die Idee, dass es unmoralisch sei, den derzeit besten Fußball anzuschauen. Aber unser Fußball hat längst seine Seele verloren. Und nicht erst, seitdem die WM nach Katar vergeben wurde. Die Geldgier hat dieses Produkt schon viel länger zerstört.

Die Utopie vom "schönen Spiel" war schon lange vor Katar nur noch eine romantische Vorstellung. Die Idee, dass ein paar Spieler und Spielerinnen sich friedlich und sogar völkerverständigend am Ball messen, ganz gleich welche Hautfarbe, welchen Pass sie besitzen und unwichtig, aus welchem Loch oder welcher Trabantenstadt sie gekrochen kommen: diese Vorstellung ist pure Nostalgie. Aus, vorbei, Abpfiff.

Müssen Fußballfans den Bildschirm dunkel lassen?

Bremer Kneipen boykottieren die WM

Es ist für uns Fans allerdings extrem schwer, auf Fußball zu verzichten. Es gibt keine richtige Entscheidung, wie wir die Kommerzialisierung, eine, die mitunter über Leichen geht, sinnvoll verhindern können. Und nun also der Vorschlag, wir sollen doch bitte die WM in Katar boykottieren, nicht in die Kneipen gehen, auch nicht zum Public Viewing, den Bildschirm dunkel lassen, drauf pfeifen, welche Biermarke denn nun das nächste Vorrundenspiel präsentiert.

Umso wichtiger ist ein Moment des Innehaltens: ist das nicht doch „West-Splaining“: wenn wir jetzt die erste WM in einem arabischen Land zu boykottieren, weil unserem westlichen Verständnis das Regime nicht passt? Ist das nicht eine wieder typisch selbstgerechte Bevormundung des Westens, wenn wir selbst über Jahrzehnte dabei zugesehen haben, wie der Fußball sich schmieren lässt und geschmiert wird. Müssen wir dann nicht auch die Champions League bestreiken, nachdem katarische Öl-Millionäre Paris St. Germain besitzen und Manchester City dem Scheich Mansour gehört, Mitglied der Herrscherfamilie von Abu Dhabi. Und ist nicht Karl-Heinz Rummenigge schon vor Jahren dafür verurteilt worden, unverzollte Rolex-Uhren aus Katar eingeführt zu haben? Rummenigge, der bei Bayern gewiss genug Geld verdient hat? Braucht es nicht andere Methoden und vor allem andere Gegner, um das Spiel wieder zurück zu uns zu bringen?

Warum ich die WM nicht in Gänze boykottiere

Mehr Spiele, mehr Werbung, mehr Einnahmen

Natürlich kann man eine ganze Menge aussetzen am Herrschaftsverständnis der katarischen Öl- und Gas-Millionäre. Beim Bau der Stadien in den Wüstensand sind zu viele Arbeiter verstorben, Arbeiter, die viel zu billig schwierige Arbeit in der sengenden Hitze verrichten mussten. Nur: die Zahlen schwanken zwischen 3 bei der Arbeit verunglückten Menschen und mehreren Tausend. Und Katar hat reagiert, hat das als moderne Sklaverei verurteilte Kafala-System zurückgefahren und wird von der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) dafür gelobt, nun Mindestlöhne eingeführt zu haben. Und man darf auch nicht übersehen, dass Katar für die USA und den Westen ein wichtiger Ally in der Region sind. Katar hat zum Beispiel die Verhandlungen zwischen den USA und den Taliban eingefädelt. Auch Verhandlungen mit den Taliban muss man nicht unbedingt gut finden, aber die Forderungen, doch trotzdem die WM zu boykottieren, zeigen einmal mehr die heuchlerische Haltung vieler westlicher Organisationen und Aktivist*innen.

Es ist eine schwere Entscheidung, aber ich werde die WM nicht in Gänze boykottieren. Ich werde mir nicht mehr jedes Spiel der WM anschauen, dazu hat sich der Profi-Fußball von mir zu sehr entfremdet.

Michael Bartle

Meine Liebe zum Freizeitfußball ist nur eine Antwort darauf, dass der Kommerz-Fußball im milliardenschweren Katar eigentlich einen logischen Ausrichter gefunden hat. Morgen für mich also wieder Hobbyliga!! Denn Profi-Fußball wird immer mehr der größte Quatsch aller Zeiten und eine Lüge für die Fans, die an die Utopie Fußball trotz allem glauben wollen.         

Katar-Boykott: Jein! Es gibt Gründe - aber unsere Debatte über das Land ist überheblich

von Nabila Abdel-Aziz

Von Sepp Blatter bis zu Markus Söder, Philipp Lahm oder dem Popstar Dua Lipa: Selten waren sich Menschen an unterschiedlichen Enden des politischen Spektrums so einig, wie über die Vergabe der WM an Katar. In einer INSA-Umfrage sagen 43 Prozent der Befragten, dass sie sich kein Spiel des Turniers anschauen werden.

Mit zweierlei Maß

Gastarbeiter im heißen Katar

Menschenrechtsverletzungen, eingeschränkte Meinungsfreiheit, Greenwashing – die Zweifel an der WM-Vergabe sind berechtigt. Aber es ist frustrierend, wenn die berechtigte Kritik zu einem moralischen Posieren wird, das mit zweierlei Maß misst. Vor und während der WM in Russland 2018 gab es zwar auch eine Debatte über die WM-Vergabe, aber keine Boykott-Aufrufe von Kneipen, keine abgesagten Public Viewings und keine Söders, Lahms oder Blatters, die Stellung bezogen. Dabei siedelte Russland ganze Bevölkerungsgruppen für die WM um, hatte 2014 schon die Krim annektiert und beging zu dieser Zeit Kriegsverbrechen in Syrien. Googelt man „Olympische Spiele Peking 2022, Boykott“ spuckt die Suchmaschine 36.000 Ergebnisse aus, bei der Suche „WM Katar 2022 Boykott“ ganze 276 000 Treffer. Dabei stufen mehrere westliche Staaten den Umgang Chinas mit der Minderheit der „Uiguren“ als Genozid ein. Folgen die Debatten um die Moral des Sports überhaupt einer wirklichen Logik?

Fußballer mit Rauschebärten: antiarabische Ressentiments

Und spielen bei der aktuellen Debatte auch gewisse anti-arabische oder anti-muslimische Ressentiments eine Rolle? Auf die Spitze trieb es die bedeutendste französische Satire-Zeitung „Le Canard enchaîné“, die katarische Fußballer mit Äxten, Gewehren und Raketenwerfern bewaffnet zeigte, natürlich wahlweise mit Rauschebärten, schwarzen Gesichtsmasken oder überzeichneten Hakennasen. Aber auch in Deutschland gewinnt man den Eindruck, dass viele nicht unterscheiden, zwischen dem katarischen Regime und der katarischen Bevölkerung: Zum Beispiel dann, wenn die Bild-Zeitung in Bezug auf Katar titelt „Zeigt’s den Schwulen-Hassern“ und nicht klarmacht, wer gemeint ist – denn auch in Katar gibt es queere Menschen. Oder, wenn Journalist*innen vom „kulturlosen“ Katar sprechen, weil das Land bis ins 20. Jahrhundert vor allem nomadisch geprägt war. Das ist nicht weit entfernt von einem kolonialen Mindset, dass städtische Kulturen als überlegen versteht. Auch dass immer wieder Islamwissenschaflter*in zu Rate gefragt werden, wenn über die WM diskutiert wird, ist irritierend: als wären Kataris von Religion gesteuerte Roboter.

Araber*innen solidarisieren sich mit Katar

Kataris freuen sich auf die Mannschaften aus aller Welt

Dass im Westen mit zweierlei Maß gemessen werde, weil es sich um ein arabisch-muslimisches Land dreht – der Eindruck besteht zumindest vor Ort. Araber*innen aus den Nachbarländern solidarisieren sich. „Ich bin arabisch und ich unterstütze Katar“ ist ein weitverbreiteter Hashtag. Wie der Guardian berichtet, hat der Bagdader Air Force Fußballclub ein Banner angebracht mit dem Titel „Wir stehen für Katar 2022“. Bei einem Treffen der arabischen Liga in Algier schrieben die Vertreter*innen sichtlich verärgerte Zeilen über die „böswillige Kampagne der Verzerrung und Skepsis“ gegenüber dem Wettkampf in ihre Abschlusserklärung.

Was hat Deutschland mit Arbeitsmigrant*innen in Katar zu tun

Klar, Gründe für Kritik oder einen Boykott gibt es viele. Aber: Mit einer Widerstandshaltung, die die eigene Verantwortung außen vorlässt, macht man es sich hier in Deutschland auch zu einfach. Was im moralischen Eifer über die WM in Katar zu oft unter den Tisch fällt: Zahlreiche deutsche Firmen sind und waren an Infrastruktur- und anderen Bauprojekten in Katar beteiligt. Auch sie müssen für Arbeitnehmerrechte zu Verantwortung gezogen werden.

Nabila Abdel-Aziz

Und nicht nur das: Deutschland und Europa liefern auch Waffen in die Region. Und all das mitzudenken und etwas dagegen zu tun, ist wesentlich anstrengender als von Deutschland aus die WM zu boykottieren -  ohne Nachteile für einen selbst und ohne schlechtes Gewissen.