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Unternehmensgründerin Ines Montani Wir setzen zu viel Hoffnung in KI

Wo immer ein Problem ist, künstliche Intelligenz soll es lösen: Uploadfilter, den Brexit, die Zukunft der Menschheit. Ines Montani hat ein KI-Unternehmen gegründet. Und sagt: Diese Vorstellungen sind gefährlich.

Von: Gregor Schmalzried

Stand: 28.08.2019

Ines Montani | Bild: Ines Montani

Dies ist ein Artikel über künstliche Intelligenz. Was ihn von den meisten anderen Artikeln über künstliche Intelligenz unterscheidet, ist das Bild unter dem Titel: Normalerweise werden KI-Themen nämlich stets gleich bebildert. Und Ines Montani gefällt nicht, wie. "Dieses leuchtende blaue Gehirn mit diesen Verkabelungen, das siehst du echt überall", sagt die Entwicklerin. "Das hat mich schon immer gestört. Denn was quasi mit diesen Bildern ausgedrückt ist, ist ja auch die künstliche Intelligenz als Wesen, als eigene Entität, als Ding, was quasi separat von uns irgendwelche Dinge macht. Und dem ist einfach nicht so, momentan."

Stattdessen zeigt das Bild eine Zukunftsvision, wie sich ein französischer Künstler im Jahr 1900 das Jahr 2000 vorgestellt hat. Zu sehen ist eine Art Putz-Roboter. Heute ist so ein Gerät natürlich undenkbar - und unsere Vorstellungen der Zukunft könnten bald ebenso veraltet aussehen.

Ines Montani und künstliche Intelligenz

Ines Montani hat das KI-Unternehmen Explosion gegründet - dort arbeitet sie daran, dass Computer besser menschliche Sprache verstehen können. Oder eher: möglichst nah an die wahre Bedeutung herankommen. Denn wirklich verstehen wie ein Mensch, das kann ein Computer nicht. "Die meisten Anwendungen sind unglaublich spezialisiert", betont sie. "Wir können einem Computer beibringen, eine ganz bestimmte Entscheidung zu replizieren. Aber er ist dann kein eigenes Wesen und das hat auch wenig damit zu tun, wie ein menschliches Gehirn funktioniert."

Aber: Jahrelange Hype-Berichterstattung und viele Durchbrüche in der Technologie vermitteln ein anderes Bild. Das künstliche Intelligenz theoretisch alle Probleme lösen kann. Egal, ob das realistisch oder nicht. Als Beispiel nennt Ines Montani, einen Tweet, mit dem die GEMA vor einigen Monaten die umstrittenen Uploadfilter verteidigt hat. Wenn ein Uploadfilter urheberrechtlich geschütztes Material erkennen soll, besteht nämlich die Gefahr, dass er über das Ziel hinausschießt. Doch die GEMA schlägt eine Lösung vor.

Tweet-Vorschau - es werden keine Daten von Twitter geladen.

GEMA 20.02.2019 | 17:48 Uhr @the_mrjt @_P4t1_ @HelgaTruepel Künstliche Intelligenz kann heute Gesichter erkennen, Vorlieben herausfiltern und sogar selbstständig einparken. Da sollte es ein leichtes sein, zwischen Original und Parodie zu unterscheiden.

"Das ist nicht nur falsch, sondern auch gefährlich", sagt Ines Montani. "Diese falsche Darstellung kann wirklich gravierende Folgen haben oder eben auch zu schlechten politischen Entscheidungen führen."

Künstliche Intelligenz kann den Brexit-Konflikt nicht lösen

Noch ein Problem, was künstliche Intelligenz lösen soll: Was mit der irischen Grenze im Fall eines harten Brexits passieren soll. Eine praktische Lösung, wie die in Zukunft ohne Grenzkontrollen aussehen soll, gibt es nicht. Aber viele Brexiter, darunter Boris Johnson, bringen gerne eine "technological solution" ins Spiel. Wie die genau aussehen soll oder ob sie wirklich umsetzbar ist? Fragezeichen.

Ines Montani will klarmachen: Künstliche Intelligenz kann viele Probleme lösen. Aber nicht alle. Zumindest: In absehbarer Zeit noch nicht. Denn unsere Fantasie ist der Realität oft voraus – und denkt dabei oft in die falsche Richtung. Und selbst wenn eine Technologie tatsächlich ein Problem löst – dann oft auf eine ganz andere Weise, als man dachte.

Sie erzählt: Bis in die 50er Jahre gab es noch mancherorts den Beruf des "Knocker-Upper", ein Mensch, der morgens mit einem langen Stock ans Fenster klopfte, damit man geweckt wurde. "Und das ist etwas, das wir mit Technologie ersetzt haben, und zwar eben nicht mit einer Fenster-Klopf-Maschine, sondern wir haben Wecker gebaut. Wenn man sich Lösungen für heutige Probleme anguckt, sieht man oft, dass viele versuchen, eine Fenster-Klopf-Maschine zu bauen, wenn es vielleicht eigentlich auch andere Möglichkeiten gäbe, das Problem zu lösen."

Ines Montani ist dieses Jahr Speakerin auf dem Zündfunk Netzkongress in München. Tickets für den Netzkongress am 8. und 9. November 2019 sind jetzt verfügbar!


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